Ernst Deutsch Theater

Volker Lechtenbrink – Abstruses zum 75. Geburtstag

Der Narr steht über allem: Volker Lechtenbrink (oben) spielt ihn in seiner Wunsch-Inszenierung zum 75. Geburtstag am Ernst Deutsch Theater.

Der Narr steht über allem: Volker Lechtenbrink (oben) spielt ihn in seiner Wunsch-Inszenierung zum 75. Geburtstag am Ernst Deutsch Theater.

Foto: Markus Scholz / dpa

Der Schauspieler und Tochter Saskia Ehlers inszenieren „Was ihr wollt“ am Ernst Deutsch Theater als Plädoyer für sexuelle Vielfalt.

Hamburg.  Nur eine Geschichte. Das Wrack, das Ausstatter Achim Römer an den Strand drapiert hat, erlitt vor langer Zeit Schiffbruch, angesichts der Reben, die die Planken überwuchern. Und dass da zwei Schiffbrüchige stehen, hat auch nichts zu sagen: Die beiden sind keine lebenden Menschen, sie tropfen unbeweglich vor sich hin – Statuen, die an ein lange vergangenes Unglück erinnern. Bis sich Volker Lechtenbrink ans Publikum wendet: „Es war einmal, vor vielen Jahren. Was damals war, ihr sollt’s erfahren." Dann beginnt die Drehbühne zu rotieren, die Figuren bewegen sich zaghaft, die Geschichte kommt in Gang.

"Was ihr wollt“ – Geburtstagswunsch von Lechtenbrink

Es ist eine gute Entscheidung, Shakespeares viel gespielte Komödie „Was ihr wollt“ am Ernst Deutsch Theater – Mona Kraushaar hatte es an der Mundsburg zuletzt in der Spielzeit 2013/14 inszeniert – als Erinnerung der von Lechtenbrink gespielten Narrenfigur zu erzählen. Und es ist eine noch bessere Entscheidung, weil Lechtenbrink nicht nur diese im Stück etwas abseits stehende Rolle spielt, sondern auch mit seiner Tochter Saskia Ehlers die Regie übernommen hat: „Was ihr wollt“ wird so von der temporeichen, hintersinnigen Verwechslungskomödie zum Nachdenken übers Theater. Denn was ist der sich an eine lange vergangene Geschichte zurückerinnernde Narr anderes als ein Regisseur, der die Handlung in Gang bringt, ordnet, schließlich zu einem versöhnlichen Ende führt?

Und Lechtenbrink, der sich „Was ihr wollt“ zu seinem 75. Geburtstag gewünscht hatte, weiß mit der Handlung einiges anzufangen. Im Grunde ist die um 1600 verfasste Geschichte ja abstrus: Die Geschwister Viola (Ines Nieri) und Sebastian (Anton Faber) werden nach einer Schiffskatastrophe getrennt an eine fremde Küste geschwemmt. Viola tritt daraufhin als Mann verkleidet in die Dienste des Herrschers Orsino (Parbet Chugh) und spielt für diesen den Liebesboten bei der jungen Witwe Olivia (Stella Roberts). Die sich freilich in die verkleidete Viola verliebt – während diese Gefühle für Orsino entwickelt ...

Das Ensemble spielt voll auf die Komödie hin

Das ist verwickelt genug, und dass mit dem versoffenen Toby von Rülp (Thomas Cermak) und seinem Kumpan Bleichenwang (Jonas Minthe) zwei burleske Figuren durch die Handlung stolpern, macht den Stoff nicht einfacher. Zumal mit dem (ebenfalls verliebten) Haushofmeister Malvolio (Roland Renner) auch noch ein tragisches Element dazukommt. Eine ordnende Hand tut hier Not, und diese ordnende Hand haben Lechtenbrink und Saskia Ehlers.

Das Ensemble derweil spielt die vom Regisseur zupackend, aber mit Sinn für Shakespeares Poesie aktualisierte Textfassung voll auf die Komödie hin. Das funktioniert in den schwankhaften Passagen um Rülp und Bleichenwang mit anarchischem Säuferhumor, der sich auch vor wüsten Elementen nicht scheut. Bei den dunklen Elementen der Handlung aber, der Demütigung Malvolios etwa, der sich gegen das versöhnliche Ende wehrt und am Schluss Rache ankündigt, kommt die Inszenierung nicht wirklich weiter. Renner nämlich spielt den Haushofmeister von vornherein als biederen Hagestolz, dem man wünscht, ordentlich zurechtgestutzt zu werden. Zum Vergleich: Jens Harzer schob diese Rolle vor neun Jahren am Thalia ins Zentrum von Jan Bosses Inszenierung, als Liebender, dessen Hoffnungen grausam enttäuscht wurden – und vor dessen nicht unberechtigter Wut man sich am Schluss tatsächlich fürchten musste.

Motto der Saison am Ernst Deutsch Theater: „Vielfalt“

Aber Lechtenbrink und Ehlers legen den Fokus (durchaus legitim) anders. Das Motto der Saison am Ernst Deutsch Theater lautet „Vielfalt“, und als gut gelauntes Plädoyer für eine in erster Linie sexuelle Vielfalt funktioniert diese Inszenierung optimal – gerade auch weil, „Was ihr wollt“ nicht irgendwann in der Spielzeit auftaucht, sondern als Eröffnung der Repertoire-Saison an den Hamburger Theatern den Charakter eines Ausrufezeichens hat.

Frauen verlieben sich in Frauen in Männerkleidern, Männer verlieben sich in Männer, bei denen sie nicht wissen, dass es in Wahrheit Frauen sind – den Verfechtern klarer Geschlechterordnungen dürfte bei solchen Handlungskapriolen der Kamm schwellen. Und tatsächlich: Nach der Pause hat sich der Saal zwar nicht dramatisch aber doch spürbar geleert.

„Reden ist Silber/Schweigen ist Gold“ entlässt Lechtenbrinks Narr das Publikum in die spätsommerliche Nacht. „Geht ihr jetzt nach Hause / und macht – was ihr wollt.“ Schöner kann man die freundliche Liberalität dieser klugen Inszenierung nicht auf den Punkt bringen. Auch wenn Volker Lechtenbrink und sein wunderbares Ensemble sich ein wenig um die Momente drücken, an denen Shakespeare wirklich schmerzhaft wird.

„Was ihr wollt“ wieder Sa 24.8., 19.30, bis 26.9., Ernst Deutsch Theater (U Mundsburg), Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutscht-theater.de