Theaterkritik

Mein Freund, der Nazi – große Theaterkunst im Marmorsaal

Jonas Hien (links), Maximilian Scheidt und eine braune Wurst (Mitte)

Jonas Hien (links), Maximilian Scheidt und eine braune Wurst (Mitte)

Foto: Sinje Hasheider

Das Jugendstück „Abgrenzung“ im Deutschen Schauspielhaus (oder auf Wunsch im Klassenzimmer) ist spektakulär.

Hamburg.  „Ich bin Johann, ich bin Journalist“, grinst Jonas Hien ins Publikum. Maximilian Scheidt sekundiert: „Ich bin Finn, ich bin Nazi.“ Und dann ruckeln sie ihre Kappen zurecht, und Hien ist der Nazi und Scheidt der Nachwuchsjournalist. Was hier im Marmorsaal des Schauspielhauses passiert, ist ein Spiel: Zwei Schauspieler probieren Rollen aus, Theaterästhetiken, Zugriffe. Eine frühe Probensituation eigentlich.

„Abgrenzung“, eine Uraufführung aus der Feder des Schauspielhaus-Theaterpädagogen Michael A. Müller, erzählt eigentlich eine unspektakuläre Geschichte: Zwei Schulfreunde langweilen sich auf Klassenfahrt, absolvieren einen stupiden Ferienjob, haben Angst vor den Zeugnissen. Und entwickeln sich ab einem gewissen Punkt auseinander; der eine macht nach dem Abitur eine Weltreise, der andere engagiert sich in einer an die Identitäre Bewegung angelehnten Jugendgruppe. Irgendwann gibt es keine Basis mehr. Zerbrechende Freundschaften hat jeder schon einmal erlebt, und so traurig die Geschichte ist, echte Schärfe gewinnt „Abgrenzung“ nur durch den politischen Hintergrund.

„Abgrenzung“ wendet sich primär an ein junges Publikum

Was aber die junge Regisseurin Anna Werner gemeinsam mit ihrem Spielerduo aus der Geschichte macht, ist spektakulär. Denn auch wenn Hien und Scheidt im Schauspielhaus-Ensemble nicht zu den altgedienten Kräften zählen: Teenager sind das keine mehr. Weswegen sie auch gar nicht versuchen, die Zwölfjährigen spielen, sondern das gesamte Stück über Schauspieler bleiben. Und gegenseitig die Auftritte kommentieren: Die Geschichte von Finn und Johann als Rap? Anbiedernd. Eine Musicalnummer? Grauenhaft. Als Hien die Beerdigung von Finns Vater mit viel Empathie performt, leistet sich Scheidt gar eine Spitze gegen das Nachbarhaus: „Das ist kacke. Das ist viel zu romantisch und irgendwie… Thalia Theater.“ Doch, ein guter Witz.

Aber „Abgrenzung“ ist kein Witz, und weil sich der auch als Klassenzimmerstück buchbare Abend primär an ein junges Publikum richtet, muss irgendwann die Kurve gekriegt werden, von der postdramatischen Doppelbödigkeit in die konkrete Tragik. Und wie Werner, Hien und Scheidt diesen Umschwung hinbekommen, wie klug sie das zuvor auf Slapstick und Kumpelei setzende Spiel runterdimmen, wie passgenau hier von Witz auf Ernst umgeschaltet wird – das macht die kleine, gerade mal 45-minütige Produktion zur großen Theaterkunst.

„Abgrenzung“ läuft wieder am 7. 5., 11 Uhr, und 12. 5., 16 Uhr, Marmorsaal, Kartentel. 248713