Buchkritik

Raffiniert: Die stärksten Krimis des Monats

Autor Heinrich Steinfest

Autor Heinrich Steinfest

Foto: Imago/VIADATA

Absolut lesenswert: Heinrich Steinfest überzeugt mit „Der schlaflose Cheng“, Bernhard Jaumann mit „Der Turm der blauen Pferde“.

Hamburg. Cheng geht auf Reisen. Was durchaus ungewöhnlich ist für den in Wien ansässigen, einarmigen Privatermittler, denn er verlässt nur ungern seine gewohnte Umgebung. Doch jetzt ist Cheng auf Mallorca, für ein paar Urlaubstage, und kommt an der Hotelbar mit einem Mann ins Gespräch, dessen Stimme ihm vertraut vorkommt, es ist die Synchronstimme eines weltberühmten britischen Schauspielers. Ein Jahr später sitzt die Stimme im Knast, lebenslang lautet das Urteil. Der Mann soll den Schauspieler ermordet haben. Nur, warum? Seine Tochter beauftragt Cheng, ihres Vaters Unschuld zu beweisen. Und wieder muss der Chinese mit deutschen Wurzeln reisen, nach London zuerst, dann sogar nach Island.

„Der schlaflose Cheng“ (Piper, 286 S., 16 Euro) ist der fünfte Roman des Autors Heinrich Steinfest mit seinem Ermittler Markus Cheng, der immer seinen Hund Lauscher dabei hat, gleichwohl der bereits vor Jahren gestorben ist. Steinfest ist gebürtiger Wiener, lebt aber bereits seit gut 20 Jahren in Stuttgart und zählt fraglos zu den stilistisch brillantesten deutschsprachigen Krimiautoren. Mehrfach hat er den Deutschen Krimipreis erhalten, 2014 stand er für „Der Allesforscher“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Und Steinfest verfügt über eine subtile Form des schwarzen Humors.

Es ist März in dem neuen Roman, und Cheng bereitet sich auf das Osterfest vor, indem er seine ganz private Fastenzeit ausruft. Dabei verzichtet er jedoch nicht etwa auf bestimmte Essens- oder Trinkgewohnheiten, nein, Cheng verzichtet auf Nachrichten, kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio. Sieben Wochen ohne News. Eine kleine Groteske à la Steinfest in diesem so unterhaltsamen wie raffinierten Kriminalroman.

Preisgekrönter Autor

Auch Bernhard Jaumann ist ein mehrfach preisgekrönter Autor von Kriminalromanen. Seine Reisen hat er allerdings, anders als Steinfests Antiheld Cheng, freiwillig unternommen: So hat der gebürtige Augsburger in Italien, Australien, Mexiko und Namibia gelebt, wo er auch einige seiner Geschichten hat spielen lassen. In seinem aktuellen Roman hat sich Jaumann eines der berühmtesten verschollenen Werke der Kunstgeschichte angenommen, dessen Titel auch der Buchtitel ist: „Der Turm der blauen Pferde“ (Galiani, 330 S., 15 Euro). Franz Marcs Gemälde hat eine turbulente Historie hinter sich, wurde von den Nazis zu „entarteter Kunst“ erklärt, geriet in den Besitz von Hermann Göring. Wo sich das Bild seit Kriegsende befindet, weiß offenbar niemand.

Da setzt Jaumanns Geschichte an: Eine Münchner Detektei, die sich auf verschwundene Kunstwerke spezialisiert hat, erhält einen Anruf von einem Kunstsammler, der behauptet, das fulminante Werk von einem Unbekannten gekauft zu haben. Das Bild, so stellt sich heraus, hat offenbar Jahrzehnte in einer alpenländischen Bauernstube überdauert, ohne dass die Bewohner sich des Wertes bewusst gewesen waren. Kann das wirklich stimmen? Ist das Bild wirklich echt? Die Mitarbeiter der Detektei sind skeptisch, doch Auftrag ist Auftrag, und so beginnen sie zu recherchieren. Die Spuren führen zurück in die Nachkriegszeit.

Jaumann hat eine ungemein fantasievolle Geschichte geschrieben, die mit Geheimnissen jongliert, Fakten und ­Fiktion geschickt vermischt. Ein ver­wirrend-komplexes Puzzle um Original und Fälschung, satirische Seitenhiebe auf den Kunstbetrieb inklusive. Absolut lesenswert.