Konzertkritik

Vivie Ann: Hamburger Sängerin mit Stadionpotenzial

Die Hamburger Sängerin Vivie Ann

Die Hamburger Sängerin Vivie Ann

Foto: Marcel Brell

Die Musikerin und ihre Band begeisterten mit Edelpop, der die Dimensionen des Nochtspeichers sprengte.

Hamburg.  Sprachlos. Man glaubt, nach vielen Hundert Konzerten wirklich alles gesehen, gehört und erlebt zu haben. Die internationalen Megastars, die ambitionierten Newcomer, die man über die Jahre in immer größere Hallen begleitet. Riesenshows im Volkspark, Schweiß an den Wänden im Logo, kollabierende Musiker, tobende Massen. Und dann spielt die Hamburger Sängerin Vivie Ann an einem ganz normalen Montag ein ganz normales Album-Releasekonzert im kleinen Club Nochtspeicher in der Bernhard-Nocht-Straße. Und sorgt für eine Mischung aus Erstaunen und Jubel. Was ist hier los?

In der sehr gut vernetzten Hamburger Pop-Szene ist die 27 Jahre alte Vivie Ann seit ihrem ersten Album „Flowers & Tigers“ 2016 keine Unbekannte. Regelmäßig gab sie Konzerte in der Prinzenbar und im Kukuun oder war bei Abenden wie „Knack den Krebs“, „Ladies - Artists - Friends“ und auf dem „Duckstein Festival“ zu sehen. Kleine, aber feine und familiäre Shows, zumeist rein akustisch begleitet. Auch im Vorprogramm von James Morrison und Jessie Ware spielte sie bereits.

Zweites Album erscheint auf eigenem Label

Aber Vivie Ann muss einen Masterplan gehabt haben. Ihr vor wenigen Tagen veröffentlichtes zweites Album „When The Harbour Becomes The Sea“ erscheint wieder auf ihrem eigenen Label „My Oh My Records“. Statt ihr Potenzial den großen Plattenfirmen anzubieten, bleibt sie unabhängig, sammelt Geld und Unterstützer via Crowdfunding und nutzt ihre Kontakte zu Produzenten wie Tobias Siebert (Kettcar, Juli) und Willy Löster (Joris, Leslie Clio), um ihre Songideen zu verwirklichen.

Folgte Vivie Anns Debütalbum noch hörbar den beliebten, leicht folkigen Hamburger Tonspuren von klasse Bands wie Boy oder Joco, so sind die neuen Lieder noch vielseitiger im Stil, ambitionierter in den Arrangements, feiner in den Kompositionen – und mit Blick auf Vivie Anns Konzerte in der Vergangenheit live eigentlich kaum reproduzierbar, schon gar nicht im kompakten Nochtspeicher. Von. Wegen.

Jeder noch so hohe oder tiefe Ton sitzt

Vivie Ann und ihre Band mit Christoph Klinger (Keyboard) Matthias Koschnitzke (Gitarre), Jonathan Schwenzer (Gitarre), Julian Domke (Bass) und Timon Schempp (Schlagzeug) katapultieren das Publikum mit den ersten Liedern der neuen Platte direkt aus dem Nochtspeicher ins Wembley Stadion. „No End“, „Obsolete Majesty“, „Anytime“, „Survivor“ und „Cold Water“ sprengen sämtliche Erwartungen mit Drama, Pathos, Emotion und einem fantastischen Sound. Die Band spielt wie geschliffen und gibt der Sängerin eine Sicherheit, die sie komplett aus sich heraus gehen lässt. Ob Songwriter-Ballade oder Rocknummer, ob „Until My Arms Break“ oder „Euphoria“, jeder noch so hohe oder tiefe Ton sitzt, strahlt, besticht.

„Loverboy“ bewirbt sich als Titelsong für den nächsten 007-Film. Hier erwischen alle Musiker und auch die weiteren Beteiligten am Misch- und Lichtpult wirklich einen Sahnetag und zaubern eine wuchtige Show auf engem Raum, die schwer in Worte zu fassen ist. Musik für 20.000, gespielt für 200. Coldplay in der Telefonzelle, Florence + The Machine im Gäste-WC, Adele im Zug-Abteil.

Zwei Stunden lang harmonieren Vivie Ann und Band bis zu den Zugaben „Chew It“ und „All Is Well“. Auch wenn sie alleine am elektrischen Piano nicht ganz so mitreißend auftritt wie in Begleitung ihrer Musiker oder Gastsängerinnen wie Sarajane und Kathrin Ost (August August), so hat das Konzert doch keine Längen. Die Besucher ihrer nächsten Konzerte im Mai in der Berliner Auster oder im Lux in Hannover können sich auf einiges gefasst machen. Vielleicht ist das auch die letzte Clubtour. Das Potenzial für die Arenen ist da.