Livemusik in Hamburg

Clubgeburtstag: 30 Jahre lang zur Freiheit raufbummeln

Ein denkwürdiger Abend in der 30 Jahre langen Geschichte der Großen Freiheit 36: Der Auftritt von Deichkind 2009 beim Reeperbahn Festival. Der Club war schon voll, doch noch Hunderte weitere Fans machten unter der markanten Neonreklame der Freiheit Remmidemmi

Ein denkwürdiger Abend in der 30 Jahre langen Geschichte der Großen Freiheit 36: Der Auftritt von Deichkind 2009 beim Reeperbahn Festival. Der Club war schon voll, doch noch Hunderte weitere Fans machten unter der markanten Neonreklame der Freiheit Remmidemmi

Foto: Isabel Schiffler / picture-alliance / Jazz Archiv

Vor 30 Jahren eröffnete an der Großen Freiheit 36 Hamburgs berühmtester Konzertclub. Ein Geburtstagsdialog mit Glückwünschen von den Abendblatt-Autoren Tino Lange und Thomas Andre.

Tino Lange: Ahoi Thomas, die Große Freiheit 36 wird 30 Jahre alt und ich überlege die ganze Zeit, welches das erste Konzert war, das ich dort gesehen habe. Es war in den 90ern. Aber wer sich an die 90er erinnern kann, war nicht dabei. Und ich gehöre nicht zu denen, die sich Konzertkarten zum Erinnern an die Wand pinnen. Gerade seit es diese langweiligen Systemkarten gibt, die alle gleich aussehen. Weißt Du noch, als es noch die so genannten „Hardtickets“ gab? Mit Prägedruck und einem hübschen Bandmotiv drauf?

Thomas Andre: Ich kenne die noch! Aber ich mag im Nachhinein auch die hingeschlunzten Ticket-Lappen: Gelber Karton, schwarze Schrift oder so. Die sahen aus wie Schwimmbad- oder Dorfkino-Tickets. Die waren sicher auf andere Art normiert, hatten aber doch mehr Charakter als die heutigen Karten, die direkt vom Nordpol kommen. Irre kalt sehen die aus, nicht nach pumpenden Rock’n‘Roll-Herzen. Als ich noch gar nicht in Hamburg wohnte, klang Große Freiheit für mich übrigens ganz seltsam. Ich hatte keine Ahnung von Hamburg und seinen Seefahrern. Von München zwar auch nicht, trotzdem fiel mir bei Große Freiheit immer „Ohne Dich fahr ich heute Nacht nicht heim“ ein.

Tino: „Ohne Dich kann ich heute Nacht nicht sein“, Münchener Freiheit, danke für den fiesen Ohrwurm. Anderen fällt sicher das Unheilig-Album „Große Freiheit“ ein. Auch nicht besser. Mein erstes Konzert dort war übrigens Skunk Anansie, 1999. Und es war so, wie es sein soll: laut, wild, heiß. Skin, die Sängerin, ist von der Empore ins Publikum gesprungen und hat sich auf Händen zurück zur Bühne tragen lassen. Auf dem Bauch liegend, wohlgemerkt.

Thomas: Skin, Haut, das ist ein gutes Stichwort. Die Freiheit ist in manchen Momenten, es sind nicht die schlechtesten, ein ziemlich aufgeheizter Schuppen. Das muss gar nicht unbedingt an den männlichen Besuchern liegen, die sich vor dem Besuch unseres innig geliebten Kiezclubs unter Umständen an St. Paulis Animierdamen, Stripperinnen und Dirnen erhitzt haben. Im Sommer ist es hier warm, eng, feucht. Ein Freiheit-Moment, wie er typischer nicht sein könnte: Ein durchgeschwitzter T-Shirt-Träger drückt sich vorbei, um von der Bühne weg zur Bar, zum Rauchen oder zum WC zu gelangen. Spätestens danach hat man auch als Hinten-Steher mit Händen in den Taschen einen nassen Film auf dem Arm. Besser ist, wenn der von der Abendschönsten kommt, der Tanzfee mit dem strahlenden Lächeln. Leider nimmt die immer den anderen Weg. Kennste?

Tino: Kenn ich. An mir kommt sie immer vorbei, ich stehe nämlich am liebsten oben auf der Galerie am Durchgang zu den WCs und der Bar. Rauchen darf man da auch. Kurze Wege, nicht so heiß, gute Sicht auf die Bühne, und die Abendschönsten fragen immer nach dem Weg zum WC. Einmal habe ich irgendwann zwei Schilder gemalt: „Klo: links“ und „Bar: rechts“. Gern wird man auch nach Kippen oder Feuer gefragt. Denn die Abendschönsten haben alles dabei, aber kein Feuer: Deos, Duschzeug, Regenschirme, so eine Art batteriebetriebene Hundeknochen, alles schon gesehen am Eingang, wo das ganze Zeug abgegeben werden muss.

Thomas: Wenn Du sogar schon für die Beschilderung in der Freiheit sorgst - ist schon auch eine Art von Zuhause für Nachtschwärmer mit Popvorlieben, ne? Ich finde es immer bemerkenswert, wie beeindruckt und geflasht die da vorne auf der Bühne sind. Thees Uhlmann, der nur stammeln kann, wie baff er ist, die Freiheit an zwei aufeinanderfolgenden Abenden auszuverkaufen: Er, der Provinzrocker aus Hemmoor. Olli Schulz, der von seinen DJ-Nächten erzählt, bei denen er seine Kumpels immer komplett für lau reinließ: böse, böse. Und alle Bands aus Übersee, die den historischen Wert in allem sahen oder rochen: Müffelt es hier nicht noch irgendwie nach John Lennons Achselschweiß, der aus dem Kaiserkeller hochsuppt? Eigentlich darf so ein Laden wie die Große Freiheit grade jetzt zum 30. Geburtstag ganz schön selbstbesoffen sein, stimmt’s?

Tino: Natürlich darf die Freiheit sich selber zuprosten. Vor 30 Jahren, als Rory Gallagher am 19. September 1985 das erste Konzert dort gab, war Livemusik nahezu tot auf dem Kiez. Aber die Freiheit hat die Fahne hochgehalten und ist jetzt nicht von ungefähr der bekannteste Konzertclub Hamburgs, ja vielleicht Deutschlands. Der Star-Club ist zwar der Mythos schlechthin, aber schon lange Geschichte. Wirklich alle haben in der Freiheit gespielt beim Durchmarsch in die großen Arenen: Robbie Williams, Muse, Blur, Neil Young, Kings Of Leon, Queens Of The Stone Age. Oder aus diesen Landen Westernhagen, Fettes Brot, Die Fantastischen Vier. Klar, das sind keine „Ich war dabei, als sie noch keiner kannte“-Konzerte wie im Molotow, aber ich denke gern an fantastische Abende mit Peter Fox, White Stripes, Archive, Sharon Jones oder Deichkind zurück. Ich hab die Skunk-Anansie-Karte übrigens auf dem Dachboden gefunden. War so ein langweiliges Systemding. Wen hast Du in der Freiheit gesehen?

Thomas: Ich wollte das Thema die ganze Zeit umschiffen, jetzt muss ich Farbe bekennen: Ich weiß nicht mehr, was mein erstes Konzert in der Freiheit war. Ich verspüre beim Pop ohnehin immer so eine Art Phantomschmerz und Nostalgie im Bezug auf Erlebnisse, die ich nie hatte. Ich wäre gerne mit 16 mal in der Freiheit gewesen, war aber erstmals, schätze ich, mit Anfang, Mitte 20 da. Mein bestes Konzert ist noch nicht so lange her: Belle & Sebastian vor drei Jahren. Alte Lieblingsband, irgendwann mal in Haldern gesehen, sonst nie. 2006 war ich bei Tomte da und hatte vorher schon zwei, drei Biere im Weserstadion – 3:0 gegen Bayern. Da störte dann auch Typ im Stellingen-Trikot nicht mehr, der direkt vor mir stand. Gefühlt waren die Konzerte, für die ich aus Bremen extra nach Hamburg fuhr, die größeren Bringer. Mehr Vorfreude und so. Heute schwinge ich mich auf das Rad, wenn die Vorband schon fast fertig ist und bin da, wenn die Hauptband sich so langsam überlegt, mal schnell anzufangen.

Tino: Och, nicht selten kann sich die Hauptband nicht viel Zeit lassen, weil im Anschluss noch komische Events wie „Champagner Party“, „90’s Reloaded“ oder „Studentenfutterparty“ anstehen. Als Konzertbesucher wird man dann nach der letzten Zugabe höflich aber bestimmt aus dem Saal gefegt. Das sind so kleine Details, die manchmal an der Freiheit nerven. Oder die langen Wege zu den WCs, wenn man in der falschen Ecke steht. Kleiner Tipp für Freiheit-Erstbesucher: Am schnellsten zu den Klos kommt man, wenn man zum Haupteingang geht und dann rechts die Treppe runter in den Kaiserkeller schleicht. Dort ist es immer leer. Auch, weil der Kaiserkeller als Club seit Jahren im Dornröschenschlaf liegt, obwohl dort die Beatles gespielt haben. Ein Schicksal, dass der Kaiserkeller mit dem Indra teilt. Zwei legendäre, gute Konzerträume mit Potenzial, aus denen viel zu wenig gemacht wird. Stattdessen werden neue Bühnen eröffnet und bespielt, aktuell das Klubhaus St. Pauli. Mal sehen, wie das in 30 Jahren aussieht.

Thomas: Die Freiheit sollte unter Kulturdenkmalschutz gestellt werden. Ich war noch nie bei einem Konzert da, das nicht proppenvoll war. Ich sage: Den Laden gibt es auch noch in 130 Jahren. Und dann wird da wieder überall geraucht. Irgendwann kommt alles wieder. Auch die große Rauchfreiheit. So oder so: Glückwunsch, Große Freiheit!

Tino: Rauchen kann man ja im Raucherschlauch links von der Bühne. Wer da rein geht, betritt zwar Dantes Inferno, aber durch den Schlauch kann man sich mit etwas Mut und langem Atem schnell und bequem bis direkt vor die Bühne schummeln. Und dort gibt es einiges zu sehen in nächster Zeit: Das Geburtstagskonzert mit Marcus Wiebusch, anschließend Reeperbahn Festival, Powerwolf, The Wombats, Boy, Kwabs, José Gonzales, Tonbandgerät und, und, und. Also herzlichen Glückwunsch, altes Haus! Hans Albers singt Dir ein Ständchen: „Heute ist mir nichts zu teuer, morgen geht die Reise los. Langsam bummel ich ganz alleine die Reeperbahn nach der Freiheit ‘rauf.“

30 Jahre Freiheit – Marcus Wiebusch, Die höchste Eisenbahn, Spaceman Spiff & Band
Fr 18.9., 21.00, Große Freiheit 36 (S Reeperbahn), Karten zu 21,60 im Vvk.; www.grossefreiheit36.de