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„House Of Gucci“: Familie Gucci ist empört über den Film

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Beziehung mit tödlichem Ende: Maurizio Gucci (Adam Driver) und Patrizia Reggiani (Lady Gaga).

Beziehung mit tödlichem Ende: Maurizio Gucci (Adam Driver) und Patrizia Reggiani (Lady Gaga).

Foto: Fabio Lovino / dpa

Neu im Kino: Regisseur Ridley Scott erzählt in „House Of Gucci“ derart übertrieben, dass es schon wieder gut ist.

Hamburg. Der Vater war ja gleich dagegen. Diese Frau sei nichts für ihn, sie sei nur auf sein Geld scharf, hatte er seinen Sohn gewarnt. Er könne mit ihr Zeit verbringen, könne mit ihr schlafen, aber heiraten – auf keinen Fall. Natürlich tut der junge Mann es dennoch. Wann hätte je ein Verliebter auf einen abgeklärten Vater gehört? Doch behaupte keiner, man habe Maurizio Gucci nicht gewarnt: Jahre später, am 27. März 1995, ließ seine Frau Patrizia Reggiani ihn ermorden. Sie wurde in einem aufsehenerregenden Prozess ebenso verurteilt wie die zwei Auftragskiller und die obskure TV-Wahrsagerin, die den Kontakt zu ihnen hergestellt hatte.

Dieser Stoff hat alles, wonach Drehbuchautoren sich die Finger lecken. Geschichten, die das wahre Leben schrieb. Und die auch noch von Geld, Macht und Luxus handeln, von schnellen Wagen, eleganten Roben und schönen Frauen. Aber eben auch von Eifersucht, Intrigen und Komplotten. Bis hin zum Auftragsmord. In diesem Fall klebt sogar ein Emblem darauf, das weltweit Fantasien anheizt: das ineinandergespiegelte doppelte G des Modehauses Gucci.

Lady Gaga als eiskalte Frau, die vor nichts zurückschreckt

Ridley Scott, der gerade erst seinen 84. Geburtstag feierte, hat diesen Stoff nun verfilmt, nach dem Tatsachenbuch „House of Gucci: A Sensational Story of Murder, Madness, Glamour and Greed“ von Sara Gay Forden, das sie vor 20 Jahren schrieb. Wobei sich Scott wenig für die Modewelt von Gucci & Co. interessiert, wenig für Fashion, Topmodels oder Prêt-à-porter-Schauen. Umso mehr aber für Hass und Häme, Heuchelei und Hinterhalt. Und sein größtes Pfund dabei ist Lady Gaga. In „A Star Is Born“ lernte die Welt die Popsängerin vor drei Jahren auch als Schauspielerin kennen, damals hat sie uns zu Tränen gerührt. Jetzt lehrt sie uns das Grausen: als wilde Katze, die ihre Krallen ausstreckt, als eiskalt berechnende Frau, die vor nichts zurückschreckt.

Auf einer Party hält sie Maurizio Gucci zunächst für einen Barkeeper, weil er eher linkisch hinterm Tresen steht. Und auch sonst ist der Mann ziemlich blass und unscheinbar und wird von Adam Driver auch so gespielt. Doch sobald Patrizia Reggiani seinen Namen hört, stellt sie ihm nach. Drängt sich ihm förmlich auf. Und wickelt ihn um den Finger. Nur mit der Konsequenz seines Vaters, des Schauspielers Rodolfo Gucci (Jeremy Irons), rechnet sie nicht. Der enterbt seinen Sohn nach der Hochzeit. Für den Filius beginnt damit ironischerweise seine wohl glücklichste Zeit: weil er nun im Fuhrunternehmen von Patrizias Vater arbeitet und mit den Arbeitern Fußball spielt. Ein einfaches Leben, jenseits vom gewohnten Luxus – und der ewigen Langeweile.

Aber Rodolfo Gucci hatte den richtigen Riecher: Das genügt der Gattin nicht. Und als Maurizios Onkel Aldo Gucci (Al Pacino) den Neffen in sein Modeimperium nach New York locken will, ist sie es, die ihren antriebslosen Gatten dazu drängt. Endlich kann sie in Luxus schwelgen, kann durch die Welt jetten und jede Gucci-Robe tragen, die im Laden hängt. Damit nicht genug: Sie muss auch noch Aldos leiblichen Sohn Paolo Gucci (Jared Leto) ausstechen. Und schließlich Aldo selbst. Damit die Firma ganz in den Händen ihres Mannes liegt.

„House Of Gucci“: Tödliche Gier nach Luxus

Als der schließlich da steht, wo er nie hinwollte, entwickelt er indes zum ersten Mal das, was ihm bis dahin immer fehlte: einen eigenen Willen. Er will nicht mehr länger der Spielball seiner Frau sein und macht ihr klar, welch bedeutenden Namen er trägt – den sie lediglich angeheiratet hat. Spätestens da wird die Schmierenkomödie in Haute Couture zu einer klassisch-antiken Tragödie, mit einer Furie, die ewige Rache schwört. Und am Ende hat kein Gucci mehr mit dem Luxus-Label zu tun: Seit den 90er-Jahren ist es im Besitz der französischen Gruppe Keri.

Altmeister Ridley Scott inszeniert das Ganze als große Realsatire. Er schwelgt dabei in den Luxusinterieurs und Hochglanzbildern, die er zugleich karikiert. Dabei hält sich der Kultregisseur nicht stringent an das zugrunde liegende Tatsachenbuch, er geht recht frei mit den Fakten um und macht daraus eine große, wirkungsvolle Zirkusshow voller Sensationen und Menschen, die zu Tieren werden.

„House of Gucci“ liegt irgendwo zwischen großer Oper und schmieriger Seifenoper, sodass man am Ende nicht recht weiß, ob das alles reif für die Oscars ist oder doch eher für die Goldenen Himbeeren für die schlechtesten Filmdarbietungen. Denn Scott lässt seine Stars einfach machen. Und die nutzen diese Freiheit weidlich aus: Al Pacino und Jeremy Irons, die immer Hauptdarstellern die Schau stehlen, wenn sie nicht selber welche sind, Salma Hayek als prekäres Pseudo-Orakel, vor allem aber Lady Gaga, die hier genüsslich das berechnende Luder gibt und den Film ganz zu ihrer eigenen Show macht. Etwa wenn sie beim Kreuzeschlagen im Namen des Vaters und des Sohnes den Heiligen Geist durch „das Haus von Gucci“ ersetzt.

Gucci-Erben reagieren empört auf den Film

Und dann ist da noch Jared Leto, eigentlich ein schöner Mann und selbst ein Werbegesicht der Luxus-Marke Gucci, hier aber mit angepapptem Bauch und kiloweise Latexschminke im Gesicht als aufgeschwemmter Gucci-Sohn Paolo kaum zu erkennen. Allein diese Performance ist so über die Maßen übertrieben, dass es schon wieder gut ist. Und das gilt letztlich für den ganzen Film.

So gar nicht über „House of Gucci“ schmunzeln kann allerdings das Haus Gucci selbst. Es droht sogar mit rechtlichen Schritten gegen Scotts Film. „Die Familie Gucci behält sich das Recht vor, jede Initiative zu ergreifen, um ihren Namen und ihr Image sowie das ihrer Angehörigen zu schützen“, zitierte die italienische Nachrichtenagentur Ansa aus einem Brief der Erben des Gründers des Modehauses.

Die Angehörigen der Gucci-Familie, so der Vorwurf, würden als „Krawallmacher, ignorant und unsensibel gegenüber der Welt um sie herum“ dargestellt. Vor allem aber störe man sich daran, dass Patrizia Reggiani trotz ihrer Verurteilung „als Opfer“ dargestellt werde. Das kann man dem Film nun aber wirklich nicht vorwerfen. Da sollten die Guccis doch erst mal ins Kino gehen und den Film anschauen. Alle anderen macht ihre vehemente Reaktion nur noch neugieriger auf „House of Gucci“.

  • „House of Gucci“ 158 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Abaton, Astor FilmLounge, Blankeneser, Cinemaxx Dammtor/Harburg/Wandsbek, Holi, Koralle, Passage, Savoy, Studio, UCI Mundsburg/Othmarschen/Wandsbek, Zeise

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