Oscarpreisträger

Im Kino: Hemmungslos trinken – bis nichts mehr geht

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Volker Behrens
Martin (Mads Mikkelsen) genießt das  Trink-Experiment.

Martin (Mads Mikkelsen) genießt das Trink-Experiment.

Foto: Henrik Ohsten / dpa

Thomas Vinterbergs Drama „Der Rausch“ hat schon zahlreiche internationale Preise gewonnen. Ab Donnerstag läuft er im Kino.

Hamburg. Ein Oscar, vier europäische Filmpreise, ein César und unzählige weitere Auszeichnungen: Mit seinem Film „Der Rausch“ ist dem dänischen Regisseur Thomas Vinterberg der mit Abstand größte Erfolg seiner bisherigen Karriere im Filmgeschäft gelungen. An diesem Donnerstag kommt er nun auch bei uns in die Kinos.

Das Drama um den Dämon Alkohol erzählt von dem Lehrer Martin (Mads Mikkelsen) und drei seiner Kollegen, die von ihrem Beruf angeödet sind. Als sie von einer wissenschaftlichen Untersuchung aus Norwegen hören, wonach Menschen mit einem erhöhten Alkoholspiegel im Blut zu besonderen Leistungen fähig sind, versuchen sie, das mit einem Selbsttest zu überprüfen. Zuerst scheint das Experiment zu gelingen, aber dann erhöhen sie die Dosis …

Film sollte die Geschichte des Alkohols erzählen

„Wir wollten mit diesem Film möglichst die ganze Geschichte des Alkohols erzählen und dabei so wahrhaftig wie möglich sein. Im Alter von 20 Jahren hätte ich ihn sicherlich anders gemacht“, sagt der Regisseur. Zuerst hätten er und sein Drehbuch-Koautor Tobias Lindholm keine richtig gute Geschichte finden können. Sie hatten lange Besprechungen – bei Coca-Cola Zero. „Dann erfuhr ich von dieser norwegischen Theorie, die eigentlich gar keinen akademischen Hintergrund hat.“ Und die Arbeit am Drehbuch nahm schnell Fahrt auf. „Meine Frau, die schlauer ist als ich, sagt immer: Ideen kann man nicht planen, die hat man. Man muss einfach warten, bis sie kommen.“

Er habe sich sehr ausführlich über das Thema informiert und sei erstaunt darüber gewesen, welch „großartige Dinge“ manche Menschen im betrunkenen Zustand auf die Beine gestellt hätten. Aber der 52-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, dass es für kreative Höchstleistungen keine Drogen braucht.

Verantwortungsbewusster Umgang mit Thema

„Eigentlich trinke ich ganz gern, aber ich habe Kinder und eine Karriere. Also habe ich dafür gar keine Zeit.“ Alkohol sei allgegenwärtig, schon seit Tausenden von Jahren. „Ich wollte mich mit der Frage beschäftigen, warum die Leute trinken und darauf gibt es eine ganze Reihe von Antworten. Ich glaube, junge Menschen trinken so viel, weil sie zurzeit so ein kontrolliertes Leben führen müssen.“

Vinterberg lehnt es jedenfalls ab, den Alkoholkonsum zu verbieten – auch wenn Abhängige durch ihren Konsum möglicherweise ihr Leben zerstören und ihre Familien nachhaltig schädigen. Als Filmemacher habe er bei diesem Thema indes eine besondere Verantwortung gespürt. Einer seiner Schauspieler sei ein trockener Trinker, der regelmäßig Treffen der Anonymen Alkoholiker besuche. Sie hätten viel über das Thema gesprochen.

Vinterberg galt als Regie-Wunderkind

Thomas Vinterberg ist ein Regisseur, dessen Karriere einer Achterbahnfahrt ähnelt. Als er 1998 im Alter von 29 Jahren das Drama „Das Fest“ ins Kino brachte, galt er als eine Art Regie-Wunderkind und gewann den Preis der Jury beim Filmfestival in Cannes. Die Missbrauchsgeschichte wurde später für die Theaterbühne adaptiert und war unter anderem am Thalia in Hamburg zu sehen.

Doch nach dem Anfangserfolg musste Vinterberg eine lange Durststrecke überwinden: Erst 2012 gelang ihm mit dem Drama „Die Jagd“ ein Comeback. Sein Hauptdarsteller in dem Film, in dem ein Kindergärtner zu Unrecht von einem kleinen Mädchen beschuldigt wird, sexuell übergriffig geworden zu sein, war Mads Mikkelsen – heute der Star in „Der Rausch“.

Erinnerung an verstorbene Tochter Ida

Bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck gewann „Die Jagd“ damals gleich drei Auszeichnungen. Darüber freute sich der Regisseur so sehr, dass er spontan mit seiner Frau, seiner Teenagertochter und seinem Baby in Kopenhagen in den Zug stieg, um bei der Preisverleihung live dabei zu sein.

Bei seiner Oscar-Rede am 25. April dieses Jahres erinnerte Vinterberg an seine Tochter Ida, die vier Tage nach Beginn der Dreharbeiten zu „Der Rausch“ im Alter von 19 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Der Unfallverursacher hatte auf sein Handy geschaut. „Sie sollte im Film mitspielen“, sagte ihr Vater. Seine Schauspieler boten ihm an, die Dreharbeiten abzubrechen, doch er lehnte das ab. „Wir haben den Film für sie gedreht, als ihr Denkmal.“

Verlust während Lockdown verarbeitet

Der Lockdown während der Corona-Pandemie habe seiner Familie und ihm geholfen, den Verlust zu verarbeiten. „Es tut mir sehr leid, dass so viele Menschen Verwandte und Freunde verloren haben, aber für mich war Corona gar nicht so schlecht, weil es mir ein wenig Seelenfrieden gegeben hat.“

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Während manche Kolleginnen und Kollegen fürchten, die Kinobranche könnte unter der Pandemie nachhaltig leiden, etwa weil viele Menschen sich an das bequeme Wohnzimmer-Streaming von Filmen gewöhnt haben und nicht mehr ins Kino gehen, ist Vinterberg eher optimistisch. „Ein Wissenschaftler hat gesagt, man brauche mehr als eine Pandemie, um die Gewohnheiten der Menschen zu ändern.“

Vinterberg optimistisch bei Kino-Zukunft

Er jedenfalls geht fest davon aus, dass nicht nur die Urlaubsflieger bald wieder so regelmäßig abheben werden, wie vor Corona, er glaubt auch, dass die Filmfans zurück in die Kinos kommen.

Zum Abschluss des Gesprächs erzählt Vinterberg noch eine Geschichte über seine Landsfrau Karen Blixen („Jenseits von Afrika“). Die soll einst einen Briefumschlag überreicht bekommen haben, mit der Auflage, ihn nur im Moment größten Glücks oder Unglücks zu öffnen. Als dieser Moment aus ihrer Sicht gekommen war, fand sie im Umschlag einen Zettel. Auf dem stand: „Es wird nicht so bleiben.“ In den vergangen Jahren hat Thomas Vinterberg mehr als einmal erlebt, wie viel Wahrheit in diesem simplen Satz steckt.

„Der Rausch“ 112 Minuten, ab 12 Jahren, läuft ab 22.7. unter anderem im Abaton, Elbe, Koralle, Studio-Kino, Zeise; Infos im Internet unter www.weltkino.de

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