Neu im Kino

US-Schauspieler Bill Murray ist endlich wieder in Hochform

Papa (Bill Murray) und Tochter (Rashida Jones) pfeifen sich eins.

Papa (Bill Murray) und Tochter (Rashida Jones) pfeifen sich eins.

Foto: A 24 / Courtesy of Apple

„One The Rocks“ ist eine wunderbare Beziehungskomödie von Sofia Coppola, die an „Lost In Translation“ erinnert.

Hamburg. Der Film hat noch nicht begonnen, die Leinwand ist noch dunkel, da hören wir aus dem Off eine ältere, männliche Stimme: „Und denk dran: Schenk dein Herz nicht irgendwelchen Jungs. Du gehörst zu mir, bis du heiratest. Und dann gehörst du immer noch zu mir.“ So könnte ein Horrorfilm beginnen. „On The Rocks“, der am Freitag ins Kino kommt, ist indes eine treffliche Komödie über eine Vater-Tochter-Beziehung.

Die Stimme gehört Bill Murray. Und wer weiß, vielleicht verraten diese Sätze ja noch mehr. Vor 17 Jahren hat Sofia Coppola mit Murray „Lost in Translation“ gedreht, eine Komödie über zwei Amerikaner, einen älteren Filmstar und eine junge Frau, die im fernen Japan zwischen den Welten feststecken und sich gegenseitig beistehen. Der Film wurde ein Hit.

Bill Murray hat schon vorher mit Sofia Coppola gearbeitet

Sofia Coppola hat später für Bill Murray auch dessen TV-Weihnachtsspecial „A Very Murray Christmas“ (2015) inszeniert. Und jetzt haben sie erneut eine Komödie fürs Kino gedreht. Auch Coppola scheint immer zu Murray zu „gehören“. Vielleicht aber auch er zu ihr.

Dabei ist „On the Rocks“ keine plumpe Fortsetzung von „Lost in Translation“, sondern eine raffinierte Variation. War die Konstellation 2003 eine Quasi-Vater-Tochter-Beziehung, so ist Murray hier als betuchter Kunsthändler Felix der leibliche Vater von Laura (Rashida Jones). Wie Scarlett Johansson in „Lost In Translation“ leidet diese Frau unter der schwächelnden Hingabe ihres erfolgreichen Gatten Dean (Marlon Wayans). Die klassische Ehekrise: Der Mann lebt nur für den Beruf, die Frau muss sich um die Kinder kümmern und kommt mit ihrer eigenen Arbeit, einem Buchprojekt, nicht voran.

Als sich dann auch noch Hinweise verdichten, ihr Angetrauter könnte eine Affäre mit seiner attraktiven Geschäftspartnerin haben, schaltet sich ausgerechnet Lauras Vater ein. Der ist selbst ein Hallodri, hat einst seine Frau und seine Kinder für eine andere verlassen. Und auch diese für andere Frauen. Er ist ein echter Dandy-Daddy, glaubt aber, sein Geschlecht gerade deshalb am besten zu verstehen. Und überredet die erst zaudernde Tochter, ihrem Gatten hinterherzuspionieren. Mit Dad im Schlepptau.

Vater und Sohn versuchen, im Einklang zu pfeifen

Sofia Coppola, die einmal mehr auch das Drehbuch schrieb, hat ihren beiden Hauptdarstellern treffsichere Dialoge geschrieben. Und wunderbare Situationen, wenn die zwei Amateurdetektive in den feinsten New Yorker Adressen spionieren. Dabei dreht Murray, der oft nur nur noch sein stoisches Gesicht vermietet, erfreulicherweise wieder mal zu komödiantischer Hochform auf. Allein wie er bei einer Autoverfolgung von Polizisten gestoppt wird und diese so lange bequasselt, bis sie ihn nicht nur laufen lassen, sondern auch noch seinen Wagen anschieben, muss man gesehen haben.

Vor allem aber stimmt die Chemie zwischen Murray und der hierzulande wenig bekannten Rashida Jones, die sich die Bälle zuspielen. Bei dem gemeinsamen Abenteuer ist der Vater der eigentliche Kindskopf. Und natürlich geht es dabei letztlich gar nicht darum, eine Affäre zu enthüllen, sondern das eigene dysfunktionale Verhältnis aufzuarbeiten. Der Running Gag des Films: Dauernd versuchen die beiden, im Einklang miteinander zu pfeifen. Und so viel darf man wohl schon verraten: Am Ende klappt’s.

„On the Rocks“ ist dabei nicht nur eine Variation von „Lost in Translation“, sondern auch von „Somewhere“, dem Drama über einen Filmstar in der Krise und seiner kleinen Tochter, für das Sofia Coppola 2010 auf dem Filmfestival von Venedig den Goldenen Löwen gewann. Und natürlich darf man darüber spekulieren, inwieweit die Regisseurin mit ihren Vater-Tochter-Filmen auch das eigene Verhältnis zu ihrem übermächtigen Papa Francis Ford Coppola („Der Pate“) aufarbeitet.

Rashida Jones erinnert an Scarlett Johansson in „Lost in Translation"

In dessen Werken hat sie ihre ersten Filmerfahrungen gesammelt, bevor sie sich einen eigenen Namen machte. Was alles andere als leicht war. Wobei „On the Rocks“ ein Familienfilm im besten Sinne ist: produziert vom Bruder Roman Coppola in der Produktionsfirma ihres Vaters, mit der Filmmusik von Phoenix, der Band ihres Ehemannes Thomas Mars.

Einmal sitzen in „On the Rocks“ Vater und Tochter in einer Bar genauso stoisch nebeneinander wie Murray und Scarlett Johansson in „Lost In Translation“. Ein Selbstzitat. Auch sonst ähnelt Rashida Jones auf frappierende Weise Johansson. Als Coppola ihr damals noch unfertiges „Translation“-Skript in einem Workshop mit einer Schauspielklasse einstudierte, war Jones mit dabei und spielte Johanssons Rolle. Auch in Murrays Weihnachtsspecial trat sie schon auf.

„On The Rocks“ ist eine dieser herrlich melancholischen, mit elegischen Jazztönen unterlegten New-York-Komödien in der hochkultivierten, aber auch hochneurotischen Upper Class, wie sie Woody Allen nicht mehr gelingen wollen. Längst hat sich Coppola nicht nur von ihrem Dad emanzipiert, auch andere Vergleiche scheut sie nicht. Hier schenkt sie uns eine wunderbar leichte und pointierte Komödie, die gerade in Corona-Zeiten, wo so wenige gute Filme im Kino landen, eine angenehme Abwechslung bereitet. Auch wenn der Film von Apple finanziert wurde und schon nach drei Wochen im Kino online verwertet wird.

„On The Rocks“ 96 Minuten, ab 12 Jahren, läuft ab 2.10. im Savoy (OF), Studio-Kino (OmU), Zeise (auch OmU)