Kino in Hamburg

Hermann Hesses Sinnsuche-Roman auf der Leinwand

Ein ungleiches Paar: Klosterschüler Narziss (Sabin Tambrea, links) und sein Freund Goldmund (Jannis Niewöhner).

Ein ungleiches Paar: Klosterschüler Narziss (Sabin Tambrea, links) und sein Freund Goldmund (Jannis Niewöhner).

Foto: Jürgen Olczyk / dpa

Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky hat „Narziss und Goldmund“ opulent verfilmt. Der Film startet in zwölf Hamburger Kinos.

Hamburg. Der Wiener Regisseur Stefan Ruzowitzky, Oscar-Preisträger für „Die Fälscher“, kehrt mit der Adaption von Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“ ins Mainstream-Kino zurück, in dem er mit „Anatomie“ und „Hexe Lilli“ große Erfolge feierte. In seiner Interpretation des Buchs begegnen sich Narziss und Goldmund das erste Mal als Kinder im Kloster.

Nach Jahren christlicher Erziehung trennen sich ihre Wege. Narziss steigt zum Abt auf, Goldmund kostet das Leben in allen Facetten aus. 15 Jahre später sehen sie sich wieder. In Hamburg startet der Film an diesem Donnerstag im Astor, Cinemaxx Dammtor/Harburg/Wandsbek, Elbe, Holi, Koralle, Passage, den UCI Mundsburg/Othmarschen Park/Wandsbek und im Zeise.

Hamburger Abendblatt: Welche Rolle spielt die Religion in Ihrem Leben?

Stefan Ruzowitzky: Ich bin kein religiöser Mensch. Trotzdem bin ich als Österreicher von der christlich-katholischen Kultur und deren Wertesystem geprägt.

Was reizte Sie an dem Roman von Hermann Hesse?

Ruzowitzky: „Narziss und Goldmund“ habe ich als Jugendlicher verschlungen und geliebt. Als mir die Adaption angeboten wurde, habe ich den Roman nochmals gelesen und dann beiseite gelegt. Beim Schreiben des Buches fühlte ich mich dem Geist Herrmann Hesses verpflichtet, andererseits müssen historische Phänomene wie die Verfolgung von Menschen jüdischen Glaubens neu interpretiert werden. Hesse hatte diese Passage eingefügt, weil er sich wegen der Freundschaft mit einer Jüdin mit den Nazis zerstritten hatte. Wir denken natürlich an den Holocaust. Dessen muss man sich bewusst sein und eigene Schwerpunkte in einem Mainstream-Film mit üppigen Bildern setzen. Erst im zweiten Schritt habe ich Originalzitate mit ein wenig philosophischem Mehrwert reingeschummelt und manch großes Dichterwort einer Hure oder Bauernmagd in den Mund gelegt.

War nicht entscheidend, die Figur von Narziss in die Handlung einzubeziehen, der in der Erzählung nur am Anfang und am Ende auftaucht?

Nach wie vor verlieben sich alle Frauen in Goldmund.

Regisseur Stefan Ruzowitzky

Ruzowitzky: Ich wollte für ihn keine eigene Agenda aufbauen wie es andere Autoren vor mir probiert hatten. Die Idee der Schaffung einer Rahmenhandlung ist für mich der Schlüssel der Adaption, damit er und die Freundschaft zu Goldmund durchgehend präsent sind.

Die Sie auf einen grundlegenden, aktuellen Konflikt zuspitzen: Lebe ich alle Möglichkeiten aus oder ordne ich mein Leben einer Philosophie oder Idee unter?

Ruzowitzky: Dem universellen, zeitlosen Widerstreit von Herz oder Verstand, Emotion oder Intellekt. Bin ich wie Narziss der klassische Intellektuelle, der sich aus dem Treiben der Welt zurückzieht und sie von außen analytisch betrachtet? Oder stürze ich mich wie Goldmund mit einem Hurra in den Trubel, begehe Fehler, für die ich dann büße und an denen ich wachse?

Ist es in unserer heutigen individualisierten Gesellschaft überhaupt noch zeitgemäß, sein Leben einer Idee zu weihen?

Ruzowitzky: Dieses Spannungsfeld hatte Ende der 1920er-Jahre eine andere Bedeutung. Junge Menschen wie Goldmund müssen sich heute nicht aus einer restriktiven Gesellschaft und deren Moral befreien. In der Sexualmoral gilt heute jaanything goes. Auch der Freiheitsbegriff ist anders konnotiert. Wir stehen unter dem Druck, alles ausprobieren zu müssen, was ich mit Goldmunds Odyssee andeute. Andererseits habe ich den Eindruck, das Pendel bewegt sich zurück zum Lebensentwurf von Narziss. Fokussiere dich auf eine Sache und finde das Zentrum in dir selbst.

Mussten Sie nicht auch Hesses Frauenbild modernisieren?

Ruzowitzky: Hesse war Anhänger der freien Liebe und tappte in dieselbe Falle wie später die 68er: Er beschränkte sie auf die Männer, die sich Frauen nach Bedarf pflücken. So wollte ich es nicht erzählen. Nach wie vor verlieben sich alle Frauen in Goldmund, dafür musste er so scharf sein, wie es nur geht. Andererseits begegnet er starken Frauen. Die eine spielt mit ihm, die andere will sein Talent oder den schönen Körper für eine heiße Nacht.

Die erotische Zuneigung von Narziss zu Goldmund wird dagegen nur angedeutet?

Ruzowitzky: Für die Amerikaner ist es mit dem eindeutigen Coming-out von Narziss die homoerotische Geschichte überhaupt. Im deutschsprachigen Raum haben sich offensichtlich die Deutschlehrer seit Jahrzehnten verschworen, damit diese Ebene überlesen wird. Trotzdem wollte ich keine homoerotische Lovestory. In meiner Interpretation verbietet sich Narziss jegliche Sexualität. Ihn verbindet mit Goldmund eine große schwärmerische Liebe.

Hatten Sie Angst, mit Ihren opulenten Bildern in den Kitsch abzugleiten?

Ruzowitzky: Mein Mittelalter wäre düsterer, gewalttätiger. Dieses triste Image ist letztlich auch nur ein Klischee, das nicht der historischen Wahrheit entspricht. Die Menschen wollten Farben. Unsere Farbgebung entspricht Hesses Blick in Goldmunds begeisterungsfähige Künstlerseele. Vielleicht blühten auf der Wiese nicht so viele Klatschmohnblüten, vielleicht war seine Freundin nicht so hübsch. Aber er hat es in dem Moment so empfunden.