Herr der Ringe

„Gandalf ist ein großer Teil meines Lebens“

Ian McKellen, 76, ist einer der profiliertesten britischen Shakespeare-Mimen

Ian McKellen, 76, ist einer der profiliertesten britischen Shakespeare-Mimen

Foto: dpa Picture-Alliance / Etienne Laurent / picture alliance / dpa

Die Rolle in „Herr der Ringe“ machte Ian McKellen weltberühmt. Jetzt spielt der Brite in „Mr. Holmes“ den alten Detektiv. Das Interview.

London.  Ein grauer Nebel liegt über London. Ian McKellen steht auf einem Balkon des Mondrian Hotel und schaut auf die Themse, die sich träge vorbeiwälzt. „Wissen Sie, dass hier, am Südufer der Themse, das Globe Theatre stand, in dem Shakespeare seine Stücke aufführte?“, fragt einer der größten Shakespeare-Mimen Englands und erwartet nicht wirklich eine Antwort. Er trägt ein rot-blau kariertes Holzfällerhemd, schwarze Hosen und rote Turnschuhe. Er streicht sich mit der Hand über den Dreitagebart und lässt sich völlig entspannt auf einem Ledersofa nieder. Der Mann, der als Zauberer Gandalf durch die „Herr der Ringe“- und „Hobbit“-Movies in die Filmgeschichte eingegangen ist, hat im Laufe seiner 50-jährigen Karriere auch noch viele andere Rollen gespielt: Er war Richard III. und Macbeth, Magneto in den frühen „X-Men“-Filmen, „Frankenstein“-Regisseur James Whale in „Gods and Monsters“ und im aktuellen Film „Mr. Holmes“ spielt er den alternden Meisterdetektiv Sherlock Holmes.

Hamburger Abendblatt: Was hat Sie an der Holmes-Rolle am meisten gereizt?

Ian McKellen: Ich fand es faszinierend, diesen großen Detektiv als alten, ja gebrechlichen Mann zu spielen, der sich am Ende seines Lebens mit ein paar ernsten persönlichen Problemen aus­einandersetzen muss.

Im Film sagt Holmes, dass er ein paar Dinge in seinem Leben richtigstellen will, bevor er stirbt. Welche falschen Bilder oder Meinungen würden Sie denn über sich korrigieren wollen?

McKellen : Keine, denn es ist mir schon lange völlig gleichgültig, was die Leute von mir denken. Früher war das anders. Da habe ich mir immer große Sorgen um mein Bild in der Öffentlichkeit gemacht. Als Kind wollte ich zum Beispiel nie aus der Rolle fallen, sondern immer so sein wie andere Kinder. Und auch als junger Mann war ich in fast allem, was ich tat, sehr unsicher. Da wollte ich mich meistens nur verstecken.

So gesehen ist es ziemlich erstaunlich, dass Sie Schauspieler geworden sind. Ein Schauspieler will doch im Scheinwerferlicht stehen, oder etwa nicht?

McKellen : Sicher. Er will zumindest angeschaut, bestaunt oder gar bewundert werden. Andererseits ist der Luxus meines professionellen Schauspielerlebens eben der, dass ich mich immer hinter Rollen und Sätzen verstecken kann. Die Schauspielerei erlaubt mir, der Wirklichkeit zu entfliehen. Und das finde ich sehr schön. Denn ich bin im wirklichen Leben ein großer Vermeider und ein noch größerer Zögerer. Ich verschiebe gerne alles auf morgen. Ich sage mir ständig, dass ich das Problem morgen angehen und mich mit jener Beziehung nächste Woche auseinandersetzen werde … so nach dem Motto: ,Sorry, ich habe heute eine Theateraufführung!’

Sie haben mit Bill Condon, dem Regisseur von „Mr. Holmes“, vor fast 20 Jahren den sehr schönen Film „Gods and Mosters“ gemacht …

McKellen : … und Bill und ich sind seit damals enge Freunde. Seitdem wollten wir unbedingt wieder einen Film zusammen machen. Aber leider hat sich nichts ergeben. Bis Bill mich anrief und sagte: ,Ian, endlich habe ich wieder die richtige Rolle für dich!‘ Ich sagte nur: ,Wann fangen wir mit dem Drehen an?‘

Nicht einmal ein kurzes Zögern? Immerhin haben schon über 100 Schauspieler vor Ihnen den Sherlock Holmes gespielt.

McKellen : Das stimmt. Aber ich spiele ihn als alten Mann. Sozusagen kurz vor seinem Tod. Das hat noch niemand zuvor gemacht.

„Mr. Holmes“ ist auch ein Film über die Sterblichkeit.

McKellen : Vor allem über das Annehmen der Sterblichkeit. Ich denke mit 76 fast täglich an den Tod (lacht). Und wenn ich mich mit Gleichaltrigen treffe, sprechen wir gerne übers Sterben. Nur wenn Jüngere mit am Tisch sitzen, will ich nicht über den Tod sprechen. Denn die wollen sicher nicht hören, wie ein alter Knacker über sein Ableben philosophiert.

Wie würden Sie gerne sterben, wenn Sie die Wahl hätten?

McKellen : Schnell, mit allen geistigen Fähigkeiten intakt. Nichts wäre schrecklicher, als langsam zu verfallen – geistig oder körperlich.

Sie wollten doch eine Autobiografie schreiben. Warum haben Sie davon Abstand genommen?

McKellen : Ich hatte sogar schon den Vertrag unterschrieben. Aber dann bekam ich Zweifel. Sollte ich wirklich die wenige Zeit, die mir noch bleibt, in meiner Vergangenheit verbringen? Und als ich begonnen hatte, mein Leben aufzuschreiben, habe ich bemerkt, was für eine anstrengende Arbeit das war. Außerdem konnte ich mich an vieles nicht mehr genau erinnern, da ich nie Tagebuch geführt habe. Da habe ich den Rückzieher gemacht. Ich will im Jetzt leben. Im Hier. Im Augenblick.

Sie haben so viele prägende Rollen gespielt. Stört es Sie, dass Sie in die Film­geschichte höchstwahrscheinlich als Gandalf eingehen werden?

McKellen : Überhaupt nicht. Das liegt doch in der Natur der Sache. Die Filme, in denen ich Gandalf spiele, sind mit Abstand die erfolgreichsten Filme meiner Karriere. Und die Leute lieben diese Filme – und natürlich auch Gandalf. Warum sollte mich das stören? Hinzu kommt, dass ich eine Menge Lebenszeit in diese Rolle investiert habe. Ich lebte sogar viele Monate lang in Neuseeland, um bei den Dreharbeiten rund um die Uhr präsent zu sein. Gandalf ist ein großer Teil meines Lebens. Und diejenigen, die sich wirklich für meine Arbeit beim Film interessieren, werden sich schon noch an ein, zwei weitere Rollen von mir erinnern, oder?

Sie gehen seit Jahren sehr offen mit Ihrer Homosexualität um. Aber Sie waren fast 50 Jahre alt, als Sie sich geoutet haben. Warum so spät?

McKellen : Das frage ich mich heute auch. Denn das war damals für mich ein echter Befreiungsschlag. Es fiel eine sehr schwere Last von mir ab. Auch als Schauspieler bin ich seitdem immer besser geworden. Davor war ich von meinem Unterkörper wie abgeschnitten. Emotional total blockiert. Der Grund, warum ich so lange gewartet habe, bis ich mich öffentlich zu meiner Homosexualität bekannt habe, war höchstwahrscheinlich der, dass ich privat sehr schüchtern bin. Hinzu kam noch, dass ich als Schwuler in einer Zeit aufwuchs, in der Homosexualität in England illegal war, ja sogar strafbar. Es war mir sozusagen gesetzlich verboten, mich so auszudrücken, wie es meiner Natur entsprach. Und der einzige Ort, an dem man exaltiert sein durfte, war die Theaterbühne oder beim Film.

Und wenn Sie nicht auf der Bühne stehen oder vor einer Kamera – was machen Sie da am liebsten?

McKellen : Ich bin sehr viel in Schulen unterwegs und erzähle den Kindern dort, dass Homosexualität nichts Böses ist. Und dass wir alle Menschen sind, ganz gleich, wo wir herkommen, welche Hautfarbe wir haben oder welche sexuelle Ausrichtung. Ich bin sehr gerne ehrenamtlich unterwegs. Erst kürzlich habe ich bei einem Fußballverein zehnjährigen Jungen Medaillen verliehen, weil sie sich als Nachwuchsspieler profiliert hatten. Und als sie so in einer Reihe vor mir standen, sagte ich: ,Ihr wisst schon, wenn man von der Königin eine Medaille verliehen bekommt, muss man sich vor sie hinknien.‘ Und was glauben Sie, was diese Jungen dann getan haben? Das hat mich zu Tränen gerührt!

Was denn?

McKellen : Sie haben sich, einer nach dem anderen, vor mich hingekniet.