Kino

Regisseur Lars Kraume über den Nazi-Jäger Fritz Bauer

"Der Staat gegen Fritz Bauer" zeigt einen facettenreichen Mann. Regisseur Lars Kraume verrät im Interview noch mehr über ihn.

Hamburg. Den renommierten Grimme-Preis hat er bereits gewonnen, mit seinem aktuellen Film rührt der Regisseur Lars Kraume in einem heiklen Kapitel der deutschen Geschichte: In „Der Staat gegen Fritz Bauer“ geht es um den ehemaligen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903 – 1968) und die Aufarbeitung der Verbrechen der Nazi-Diktatur. Film-Experte Volker Behrens hat mit Kraume gesprochen.

Hamburger Abendblatt: Wie sind Sie auf diesen historischen Stoff gestoßen?

Lars Kraume: Ich bin auf Fritz Bauer durch das Buch „Heimkehr der Unerwünschten“ von Olivier Guez gestoßen. Es ist hier vor fünf Jahren erschienen und behandelt die Frage, wie jüdisches Leben nach 1945 in Deutschland überhaupt wieder möglich war. In einem Kapitel behandelt Olivier auch die Auschwitz Prozesse, wodurch ich zum ersten Mal von Fritz Bauer hörte. Ich habe mich mit ihm näher beschäftigt und Olivier schließlich gefragt, ob wir nicht einen Film über diesen ungewöhnlichen Mann machen wollten. Dass Bauer auch die treibende Kraft hinter der Entführung Eichmanns durch den Mossad war, ist den meisten Menschen nicht bekannt. Anhand dieser Geschichte versuchen wir ein Porträt Fritz Bauers vor dem Hintergrund der Demokratisierung Deutschlands nach dem Dritten Reich zu erzählen.

Hamburger Abendblatt: War Bauer ein früher Whistleblower à la Edward Snowden?

Kraume: Er hat ja kein Staatsgeheimnis verraten. Aber ein Bruder im Geiste ist er insofern, dass er sich gegen den Zeitgeist und die Meinung der Mehrheit stellt. Er hat vielen Menschen die Augen geöffnet. In Deutschland wollte man damals vom Dritten Reich und vom Krieg nichts mehr wissen. Die, die es wussten, wollten es verheimlichen. Die meisten Leute wollten nach vorne sehen. Diese Geschichte ist universell und archaisch: einer allein gegen die Mehrheit, aber für die Wahrheit.

Hamburger Abendblatt: Der Titel „Der Staat gegen Fritz Bauer“ irritiert, denn eigentlich war er in seiner Eigenschaft als Jurist Repräsentant des Staates.

Kraume: Er war zwar Staatsanwalt, aber ziemlich isoliert. Was nützt die Gewaltenteilung bin ein Staatsanwalt nicht auf seine Ermittlungsbehörden zugreifen kann, ihnen sogar Misstrauen muss? Der Titel ist vielleicht etwas provokant, aber in ihm klingt an, dass es hier um David-gegen-Goliath geht.

Hamburger Abendblatt: Bauers Todesursache war umstritten. Es hat da mehrere Verschwörungstheorien gegeben. Hat Sie das interessiert?

Kraume: Es sind nur Theorien. Aus unserer Sicht scheint alles auf einen Unfall hinzudeuten. Wir wollten den Aspekt im Film haben, ihn aber nicht ans Ende stellen. So wie der Film endet, mit dem kampfbereiten Mann hinter seinem Schreibtisch, so muss man Bauer aus heutiger Sicht sehen. Ob die Todesursache am Ende ein Unfall, Selbstmord oder gar ein Mord war – an diesen Spekulationen wollen wir uns nicht beteiligen.

Hamburger Abendblatt: Von ihm stammte der berühmte Satz: „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland.“

Kraume: Das hat er nicht ohne Grund gesagt. Er war umzingelt von vielen Leuten, die schon im Dritten Reich in den Institutionen und Behörden die Eliten gestellt haben. Sie waren immer noch oder wieder in Amt und Würden und rehabilitiert. Die waren natürlich dagegen, dass jemand so viel Staub aufwirbelte wie er. Er war ein einsamer Rufer in der Wüste.

Hamburger Abendblatt: Viele sagen, er war moralisch integer, sonst aber durchaus widersprüchlich. Zu seinem Judentum hat er sich in der Öffentlichkeit nicht bekannt.

Kraume: Seine Themen waren andere. Es ging ihm um Demokratie und Humanismus. Man muss ihn als einen weltlichen Mann verstehen. Er kam aus einer sehr bürgerlichen Familie, vermutlich war er Atheist. Er hat zur jüdischen Gemeinde in Frankfurt keinen engen Kontakt gesucht, wahrscheinlich weil er aufpasste, dass man ihn nicht zu einem "Rachejuristen" stempelte.

Hamburger Abendblatt: Der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ behandelt fast die gleiche Epoche. Demnächst soll auch noch ein Buch über eine Übersetzerin bei den Auschwitz-Prozessen auf den Markt kommen. Hat sie das in der Entscheidung beeinflusst, den Film zu machen?

Kraume: Im „Labyrinth“ spielt Bauer eine Nebenrolle. Unser Film sollte jedoch ein Porträt von ihm sein. Und da es 50 Jahre keinen Film über ihn gab, ist es doch besser, dass wir nun zwei haben.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ Deutschland 2015, 105 Minuten, ab 12 Jahren, Regie: Lars Kraume, Darsteller: Burkhart Klaußner, Roland Zehrfeld, Sebastian Blomberg; täglich im Abaton, Holi, Koralle und Zeise

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