Abendblatt-Interview

Martina Gedecks Lektionen in Sinnlichkeit

Martina Gedeck als Verführerin in einer Filmszene mit Micaela Ramazotti

Martina Gedeck als Verführerin in einer Filmszene mit Micaela Ramazotti

Foto: CAMINO

Die Schauspielerin („Bella Martha“) über das Starsein, ihren Film „Anni felici – Barfuß durchs Leben“ und Liebesszenen mit einer Frau.

Der Deutsche kennt Martina Gedeck eher durch spröde, zurückhaltende, manchmal sogar recht abweisende Rollen. Ganz anders dagegen kann man sie in dem italienischen Film „Anni felici – Barfuß durchs Leben“ sehen, der seit Donnerstag in den Kinos läuft. Dort spielt sie eine lebenslustige Frau, die offensiv mit Erotik spielt und eine andere Frau verführt. Ein Gespräch über Sinnlichkeit und das Spiel mit dem Eros.

Hamburger Abendblatt : Gratulation, Frau Gedeck, nach Ihnen wurde gerade ein Stern benannt. Wie fühlt man sich da?

Martina Gedeck: Es ist schon ein wenig seltsam, aber ich freue mich sehr darüber. Das ist ja schon eine außergewöhnliche Verbindung mit dem Universum, die ich da jetzt eingehe.

Martina Gedeck hat einen Durchmesser von zwei Kilometern. Ist das ein Kompliment? Oder kratzt das am Image, dass das nur ein Kleinplanet ist?

Gedeck : Das finde ich gerade schön, dass das nur ein kleiner Planet ist. Das erinnert ein wenig an Antoine de Saint-Exupéry, der ja auch immer von den fehlenden, kleinen Planeten gesprochen hat. Darum geht es auch in seinem „Kleinen Prinzen“: der kleine Planet mit seinem jeweiligen Menschen. Ich bin gespannt, ob ich meinen Stern mal zu sehen bekomme. Mit dem einfachen Teleskop geht das ja nicht. Da muss ich mal mit dem Astronomen Felix Hormuth sprechen, der ihn nach mir benannt hat.

Sie sind jetzt ganz offiziell ein Stern. Fühlen Sie sich denn auch als Star?

Gedeck : Ich fühle mich vor allem immer noch als Schauspielerin. Zum Glück. Ich glaube, wenn man zu sehr abhebt und die Bodenhaftung verliert, trudelt man relativ hilflos im Kosmos herum. Der Staub der Straße muss schon auch gefühlt werden, nicht nur der Sternenstaub. Das ist meine Erdung, die brauche ich und die habe ich auch. Ich bekomme die unterschiedlichsten Rollen-angebote, das macht die Würze meines Schauspielerlebens aus.

Sie sind nun in „Anni felici“ zu sehen, einem italienischen Film. Wie sind Sie denn da hineingeraten?

Gedeck : Das war so ein kleiner Traum von mir. Ich liebe Silvana Mangano, Anna Magnani und all diese tollen italienischen Schauspielerinnen. Ich wollte immer mal in einem italienischen Film mitspielen. Das hat sich dann vor sechs Jahren erfüllt, als Sergio Castellitto, mit dem ich „Bella Martha“ gedreht habe und der in Italien ein großer Star ist, mich bat, bei „Tris di donne & abiti nuziali“ seine Frau zu spielen. Für diesen Film habe ich eigens Italienisch gelernt. Als Daniele Luchetti dann nach einer Deutschen für „Anni felici“ suchte, war ich in der glücklichen Lage, Italienisch zu sprechen.

Sie haben die Sprache erst vor wenigen Jahren gelernt? Es klingt, als ob Sie sie schon immer sprechen.

Gedeck : Das war das Ziel, daran habe ich auch hart gearbeitet. Da bin ich sehr perfektionistisch, das fände ich peinlich, wenn man das merkt.

Sie spielen in diesem Film so sinnlich wie nie. Sonst sind Sie eher die Verführte und da eher abweisend, hier sind Sie klar eine Verführerin. So sieht man Sie in deutschen Filmen nie. Muss man erst ins Ausland gehen, um so was spielen zu dürfen?

Gedeck : Die Figuren, die ich in „Elementarteilchen“ oder „Das Leben der anderen“ gespielt habe, waren auch große Verführerinnen. Aber Sie haben schon recht, normalerweise ist der Eros eher als schlummerndes Potenzial zu erkennen. Der Regisseur Luchetti hat mich aber so gesehen, und er brauchte das für die Rolle, eine Frau, die das Leben genießt, die frei ist. Und vielleicht bin ich in Italien auch so gewesen. Männer tragen einen da bekanntermaßen auf Händen, in Italien liegt immer ein bisschen Eros in der Luft, das Leben wird gefeiert. Man ist da etwas offensiver unterwegs. Das ist wirklich anders als bei uns, das habe ich schon bei meinem ersten italienischen Film so erlebt.

War das so etwas wie ein Befreiungsschlag, endlich auch mal so etwas zu spielen?

Gedeck : Das hat mir großen Spaß gemacht. Schon in meinem letzten Film „Das Ende der Geduld“ habe ich mal eine ganz andere Frauenfigur gespielt, eine sehr kämpferische Frau, darüber war ich sehr froh. Das bin ganz stark auch ich, das Klare, Gesunde, Kraftvolle, das sieht man im Ausland offensichtlich stärker in mir. Nicht nur in Italien, auch in anderen Ländern werde ich öfter als kraftvolle, starke Frau besetzt, nicht so als zarte, zerbrechliche. Das ist sehr interessant.

Wünschten Sie sich das auch bei Angeboten aus Deutschland? Oder ist das gerade interessant, unterschiedliche Images zu haben?

Gedeck : Ich mag das gern, dass ich so unterschiedliche Dinge machen und ausprobieren kann. Aber ich sage Ihnen: Ganz viel kommt schon mit der italienischen Sprache. Die ist so physisch, so lebendig, die ist viel stärker dazu da, den anderen zu erreichen, zu verführen, einzunehmen. Bei uns ist das mit der Sinnlichkeit anders. Die ist entweder zu eindeutig oder eher versteckt, auf jeden Fall scheint sie immer ein wenig mit Arbeit verbunden. In Italien eben nicht, da ist die Sinnlichkeit frei. Das ist ein göttlicher Zustand, den wünscht man sich so oder so. Nicht nur in Rollen.

Ist das etwas, was uns Deutschen abgeht? Bräuchten wir mehr Sinnlichkeit?

Gedeck : Nicht nur wir in Deutschland, jeder Mensch braucht das. Das hat auch was mit Reife zu tun, mit innerer Freiheit. Manche haben das Glück, dass sie das ausleben können. Andere müssen mit Barrieren kämpfen, die sie bei dieser Persönlichkeitsentwicklung behindern. Ich glaube, dass jeder Mensch das Recht hat, sich gewollt zu fühlen. Und das Leben zu genießen.

Sie spielen nicht nur eine sinnliche Frau, Sie verführen eine andere. Cate Blanchett hat gerade in Cannes das Lesbendrama „Carol“ vorgestellt und musste sich danach beeilen zu erklären, dass sie nie eine lesbische Neigung hatte. Haben Sie jetzt Angst vor ähnlichen Fragen?

Gedeck : Eigentlich nicht. Ich habe diese Liebesgeschichte mit der Frau nicht anders empfunden als mit Männern. Es ist einfach immer fremd und seltsam, wenn man einen fremden Menschen küssen soll. Das war jetzt nicht anders. Das Reizvolle war, einmal die Position des Eroberers einzunehmen. Das habe ich sonst bei Liebesszenen nicht.

Sie spielen öfter in französischen Filmen, haben kürzlich in England und gerade mit Mika Kaurismäki gedreht. Tut sich da eine internationale Karriere auf? Oder, um in der Sternenmetapher zu bleiben: Erweitert sich Ihr Sonnensystem?

Gedeck : Ja, das ist schön. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, hin und wieder die Umlaufbahnen zu wechseln. Es ist immer eine Bereicherung, in einem anderen Land zu arbeiten. Und ich denke, wir haben zurzeit auch so etwas wie einen „europäischen Auftrag“, wir müssen raus, wir müssen uns öffnen und miteinander kommunizieren.