Schuld und Sühne in Afghanistan

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MICHAEL RANZE

DRAMA „Drachenläufer“ ist eine ungemein einfühlsame und sehr werkgetreue Verfilmung des Bestsellers von Khaled Hosseini

Kabul 1978, fast so etwas wie eine Idylle. Keine Russen, keine Taliban und keine Amerikaner Kabul ist eine lebendige, friedvolle Metropole. Und so sehen wir gleich zu Beginn, wie zahlreiche Jungen an diesem schönen Herbsttag ihre Drachen über den Dächern der Stadt tanzen lassen. Ein emblematisches Bild von Freiheit und Unbeschwertheit. Dabei kreuzen sich die Flugbahnen. Wie bei einem Duell versuchen die Kontrahenten, den Drachen der anderen niederzukämpfen. Zwei Freunde beherrschen diese Technik perfekt: Amir (Zekiria Ibrahimi), Sohn eines reichen Geschäftsmannes, und Hassan (Ahmad Khan Mahmidzada), Sohn des Hausdieners. Trotz der sozialen und charakterlichen Unterschiede sind die beiden unzertrennlich. Doch ihre Freundschaft zerbricht, als Amir aus Feigheit tatenlos zusieht, wie Hassan von einem Halbstarken vergewaltigt wird. Schlimmer noch: Um sich seiner Schuld nicht stellen zu müssen, bezichtigt Amir Hassan fälschlicherweise des Diebstahls. Eine Schande, die Hassans Vater dazu nötigt, mit seinem Sohn das Haus zu verlassen. Dann, 1979, der Einmarsch der Russen. Amir flieht mit seinem Vater über Pakistan in die USA. 20 Jahre später. Der Junge ist mittlerweile Schriftsteller geworden und lebt mit seiner Frau Soraya (Atossa Leoni) in San Francisco. Ein Telefonanruf lockt ihn zurück in die alte Heimat. Endlich erhält Amir die Chance, seine Schuld abzutragen. Leseratten wissen Bescheid: "Drachenläufer" beruht auf dem gleichnamigen Bestseller von Khaled Hosseini, den auch in Deutschland viele Menschen gelesen haben. Das Aufregende und Überraschende an dem Roman: Der Leser lernt Afghanistan als friedliches Land kennen, in dem die Menschen ihrem normalen Alltag nachgehen. Krieg, Besetzung, Chaos und Uno- Missionen, die unser Bild von Afghanistan noch immer prägen, sind noch nicht zu erahnen. Regisseur Marc Forster ("Monster’s Ball") und sein Drehbuchautor David Benioff haben den Roman nun einfühlsam und werkgetreu für die Leinwand adaptiert - auch wenn einige Kritiker die Deutlichkeit und Schärfe vermissten, mit der der Roman religiösen Fanatismus, hier in dem immer noch schwelenden Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, verurteilte. Vor dem politischen Hintergrund, der auch die Schreckensherrschaft der Taliban nicht ausspart, erzählt der Film eine Geschichte von Freundschaft, Verrat, Feigheit und Sühne. Hier wird nichts beschönigt. Eindrücklich schildert "Drachenläufer" den moralischen Zwiespalt eines Jungen, der seine Charakterschwäche kennt und sich trotzdem nicht zu helfen weiß. Ein Dilemma, das Zekiria Ibrahimi glaubwürdig, natürlich und kraftvoll verdeutlicht so wie Ahmad Khan Mahmidzad der Passivität und Leidensfähigkeit seiner Figur nachspürt. Aus naheliegenden Gründen drehte Forster nicht in Kabul, sondern in China. Trotzdem gelingt es dem Regisseur, Ort und Zeit aufleben zu lassen und Verständnis für die islamische Kultur zu wecken. Wie die Väter von Amir und Soraya die Hochzeit ihrer verliebten Kinder verhandeln, ist eine der anrührendsten und warmherzigsten Szenen des Films.

>> Drachenläufer USA 2007, 122 Min., ab 16 J. R: M. Forster, D: Khalid Abdalla, A. Leoni, täglich im Abaton (OmU), Cinemaxx, Holi, Koralle, Zeise;

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