Dem Bürgertum die Zähne zeigen

Dezenter Voyeurismus: "Die Träumer" von Bernardo Bertolucci

Jugend bedeutet Rebellentum, Aufbegehren gegen das Althergebrachte und Ausprobieren des Neuen. In unserer idealfreien Zeit aber scheint auch das mittlerweile dem Gesetz des Mediendschungels überlassen. Es wäre nicht die Zeit des Bernardo Bertolucci gewesen.

Der italienische Meisterregisseur liebt es auf der Leinwand von jeher gern extrem. Und findet Parallelwelten allemal aufregender als die Wirklichkeit. Außer seinen politischen Statements war der Skandalfilm seit dem "Letzten Tango in Paris" sein Metier. Auf seine alten Tage will Bernardo Bertolucci der bürgerlichen Moral noch einmal die Zähne zeigen. Auch wenn sie nicht mehr richtig zubeißen können.

"Die Träumer" nennt er seinen Film in Anlehnung an den Roman "The Holy Innocents" des Briten Gilbert Adair. Und der ist natürlich mitten im wilden Paris von 1968 angesiedelt, als es in der Stadt brodelte und kochte. Der junge unschuldige Amerikaner Matthew (Michael Pitt) lernt hier das tabulose Zwillingspaar Theo (Louis Garrel) und Isabelle (Eva Green) kennen und gerät in einen Sog aus Anziehung und Verführung. Der Ort ist kein Zufall: Der Leiter der Cinemathèque soll entlassen werden. Die kinosüchtigen Studenten fürchten den Entzug und gehen auf die Straße.

Zur selben Zeit verreisen auch die Eltern der Zwillinge. In der großbürgerlichen Wohnung nisten sich die drei zusammen ein und bauen sich ihre eigene Welt aus Ratespielen, Filmszenen der Nouvelle vague, üppigen Gelagen und Orgien zu dritt. Die Uni verkommt zur Nebensache. Die Zeit steht still. Nichts ist mehr wichtig. Die Grenzen werden immer weiter herausgeschoben.

Irgendwann verliert da auch der erdverbundene Matthew seine Bodenhaftung. Er wird zu einer Figur im Spiel der in inzestuöser Liebe verstrickten Zwillinge.

Bald reiht sich neben die schöne Illusion des freien Glücks eine Verletzung an die nächste. Eine Versöhnung zieht eine neue Demütigung nach sich. Leidlich üben sich die drei im Basiswissen der Philosophie, noch mehr in den Spielarten der Liebe. Und doch bleiben am Ende drei erschlaffte Wesen in einem riesigen Hohlraum zurück. Kein Ideal dringt da hinein. Bis plötzlich ein Steinwurf ein Fenster zertrümmert und die Träumer jäh in die - andere - Realität zurückholt.

Bertolucci erzählt all dies mit epischer Wollust an jeder Einstellung und dezentem Voyeurismus. "Lebe deinen Traum" lautete der Wahlspruch der 68er. Wohl wahr. Aber bitte nicht nur aus französischen Filmen.

Die Träumer GB/F/I 2003, 130 Minuten, ab 16 Jahren, R: Bernardo Bertolucci, D: Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, täglich im Abaton (OmU), Blankeneser, Holi; Internet: www.the-dreamers.com