Hamburger Clubszene

Onkel Pö in Hamburg – der kleine Club mit großem Auftritt

Udo Lindenberg - der Panikrocker in den 70er Jahren im Onkel Pö.

Udo Lindenberg - der Panikrocker in den 70er Jahren im Onkel Pö.

Foto: picture alliance / Jazz Archiv

Vor 50 Jahren öffnete am Lehmweg die legendäre Onkel Pös Carnegie Hall. Udo Lindenberg und Al Jarreau starteten hier durch.

Hamburg. Armin war bereits so hackevoll, dass Bier und ­Pineau schon über den Rand seiner Unterlippe schwappten, sobald er auch nur leicht den Kopf bewegte. Aber eine Runde Billard ging noch. Es war ja erst 2 Uhr, und die Band spielte auch weiter.

Er kniff die Augen zusammen, halb aus Konzentration, halb weil der Zigarettenqualm, undurchdringlich wie die Nebel über der Neufundlandbank, die Augen tränen ließ. Erschwerte Bedingungen, aber es ging um alles, um einen weiteren Meter Pineau-Pintchen.

Schwarze Acht, linkes oberes Eck. Wie um die Spannung zu erhören, kratzte der Waschbrett-Spieler der Skiffleband auf der Bühne, Leinemann oder so hieß die, wie ein Besessener über sein Spielgerät. Raa-tschaka, Raa-tschaka, linkes oberes Eck, Raa-tschaka, Raa-tschaka, Stoß, Raa-tschaka, Raa-tschaka, rein ins rechte untere Eck.

Scheiße. Aber Wettschulden sind Ehrenschulden. Armin, nur noch Fahrgast in seinem Körper, drängte sich durch den wippenden Pulk aus vielen bärtigen Männern in fleckigen Kordjoppen und morsch knirschenden Lederjacken sowie einigen Frauen in vom Schweiß transparent gewordenen Blusen zur Bar. Aber Hahn und Flaschen blieben gerade zu, die Band war zu gut, dann gab es erst mal nix. Wäre die Band unfassbar gut gewesen, wäre vielleicht sogar der Billardtisch gesperrt worden, gegen Androhung von sofortigem Rauswurf bei Zuwiderhandlung.

Armin wurde plötzlich sehr müde, mit letzter Kraft schleppte er sich zum nächsten Tisch und rollte sich darunter in Embryohaltung zusammen. Mensch, war das gemütlich bei Onkel Pö.

Das Onkel Pö passte in den1970ern perfekt in die Zeit

Armin ist nur eine Fantasiefigur, auf die hier verschiedenste „Pö“-Anekdoten als Konzentrat vereint wurden. Es war einfach zu viel zu erleben dort, weil auch sonst nicht viel zu erleben war im Hamburg der frühen 70er-Jahre. Drei TV-Programme mit Sendeschluss, die berühmten Theater, Kinos und legendäre Kneipen wie die Palette in der ABC-Straße, eine Handvoll Clubs wie das Kulturzen­trum Fabrik, Cotton Club, Riverkasematten, Jazzhouse, Logo, Remter oder Danny’s Pan und die ersten Discos wie Gruenspan und Madhouse. Für größere Konzerte Marke Deep Purple, Led Zeppelin, Pink Floyd, Rolling Stones und ABBA hatte man die Musikhalle (heute Laeisz­halle), das Audimax und die Ernst-Merck-Halle.

Viele der damals Herangewachsenen sprachen von einer Krise der Livemusik, die spätestens mit der Schließung des Star-Clubs Silvester 1969 offensichtlich wurde. Die Unbeirrbaren, darunter besonders viele Jazzer, suchten ihre Oasen wie Durstige in der Wüste, und wenn der Kiez es nicht hergab, durchstreiften sie sogar das piefige Pöseldorf, wo Bernd Cordua und Per Mathäus an der Ecke Mittelweg/Milchstraße 1969 die Musikkneipe Onkel Pö Peu à Peu eröffnet hatten. Dort traf sich einige Monate lang ein sehr eingeweihtes Publikum.

Nicht selten quetschten sich 200 Gäste im Onkel Pö

Die Band Leinemann mit Pianist Gottfried Böttger gehörte schon zum beweglichen Inventar, das 1970 den abrissbedingten Umzug von Onkel Pö an die Grenze zwischen Hoheluft-Ost und Eppendorf mitmachte. Onkel Pös Carnegie Hall stand vom 1. Oktober 1970 an über der ehemaligen Tanzhalle „Ball der einsamen Herzen“ an der Kreuzung von Lehmweg und Eppendorfer Weg. Onkel Pös Royal Albert Hall oder Onkel Pös Madison Square Garden wäre nicht weniger anmaßend gewesen für die kleine, dunkel gestrichene Räuberhöhle mit knarzendem Holzfußboden und ebenso knarzendem Mobiliar aus zweiter und dritter Hand.

120 Menschen hatten offiziell Platz, schon mit 60 bis 70 Gästen war Onkel Pö gut gefüllt, und nicht selten quetschten sich 200 und mehr zwischen Tresen und Billardtisch. Kommen durfte jeder, spielen durfte man alles, aber eins war ganz wichtig: Schlucken. Das Hausgetränk, der süße Obstlikör Pineau, dürfte auch den Absatz von Aspirin in Hamburg gesichert haben.

In den Stunden vor den Kopfschmerzen herrschte im „Pö“ großes Hallo. Hier lernten sich Musikerinnen und Musiker, große Könner und kleine Talente kennen, schätzen und – auf dem Billardtisch – lieben, bildeten Freundschaften, Netzwerke, Projekte und Bands. Es fehlte nur einer, der in diesem Durcheinander die Übersicht behielt und es geschickt steuerte, und der kam 1972 mit Peter Marxen ans Ruder.

Das großherzige und trinkfeste Ostsee-Unikum übernahm zusammen mit Walter Dehnbostel die „Karnickelhalle“. Seine Beziehungen und Kontakte zu den damals noch zahlreich in Hamburg residierenden Plattenfirmen und in die NDR-Musikredaktionen baute er derart geschickt aus, dass bald drei Programmsäulen das „Pö“ trugen: Dort wurden erstens neue Talente entdeckt, zweitens aufstrebende Künstler getestet und drittens internationale Stars auf eine viel zu kleine Bühne gestellt. Manche Deals, die Marxen einfädelte oder besser gesagt eingoss, machen auch fast 50 Jahre später immer noch fassungslos.

Die ganze Hamburger Szene traf sich im "Pö"

Sehr oft ist geschrieben worden, wer im „Pö“ seine Talente feinschliff, trotzdem seien sie gern wieder erwähnt: Udo Lindenberg, Otto Waalkes, Hans Scheibner, Inga Rumpf und Frumpy, Truck Stop, Torfrock, die ganze „Hamburger Szene“ mit ihrer Mischung aus Dixie-Jazz, Folk und Humor: Leinemann, Willem, Rentnerband und „Teufelsgeiger“ Lonzo. Und dann die großen Namen auf den Plakaten: Pat Metheny, Chet Baker, Dizzy Gillespie, Chick Corea, Art Blakey. Großer Jazz auf engstem Raum, in denen Zustände wie oben bei Armin an der nächtlichen Tagesordnung waren.

Irrsinn eigentlich. Vieles von diesem Wahnsinn ist oft überliefert worden wie die drei Konzerte von Al Jarreau, der Samtstimme aus Milwaukee im März 1976. Am ersten Abend kamen 60 Gäste, am zweiten 150 und am dritten die NDR-Übertragungswagen sowie Tausende, die Schlange standen und bis vier Uhr morgens in 200er-Gruppen 20 Minuten lange Sets sehen durften. Der Rest war Weltkarriere. Andere Geschichten wie eine nächtliche Jamsession von ABBA im „Pö“ sind vielleicht Pineau-Fantasien, aber nicht weniger schön.

Mitte der 70er war alles aus Hamburg in langen Reportagenstrecken der Nachrichtenmagazine und Journale, TV-Berichte und Radioshows. Es war völlig überhitzt, wer auch nur ein Banjo oder eine Fidel anschaute, bekam einen Plattenvertrag. „Hamburger Deern“ sang Peter Petrel, und in „Hamburg ’75“ spielten Gottfried Böttger, Lonzo und Hans Scheibner bereits 1974 prophetisch ihren Abgesang. Busweise kamen Szenetouristen aus der ganzen Republik, dann war es auch schnell wieder vorbei, das Strohfeuer.

Udo Lindenberg hält die Erinnerung an Onkel Pö wach

Der weitsichtige Peter Marxen erkannte die Zeichen der Zeit und zog sich bis zu seinem Tod im Juni 2020 auf den Pielsberg in Ostholstein zurück, wo er das Feinschmecker-Lokal Forsthaus Hessenstein betrieb. Die Schlüssel zur „Karnickelhalle“ bekam 1978 der benachbarte Antiquitätenhändler und „Pö“-Stammgast Holger Jass, der zwar keine Ahnung von Gastronomie und Musikgeschäft hatte, aber Onkel Pö mit viel Herzblut noch bis 1985 über die Runden rettete. Aber auch Konzerte der frühen Talking Heads oder U2 konnten nichts daran ändern, dass der Zahn der Zeit am „Pö“ und seinem langsam bös verschimmelten Holzboden nagte.

Neujahr 1986 ging Onkel Pö den gleichen Weg wie der Star-Club, wobei in das Gebäude kein Sex-Kabarett wie das Salambo einzog, sondern ein Restaurant. Wir sind schließlich in Hoheluft. Sogar die „Tagesthemen“ brachten einen Bericht zur Schließung.

Jetzt ist es hauptsächlich Udo Lindenberg, der bei seinen Konzerten oder als Kinoheld die Erinnerung mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ wachhält: „Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland“. Hamburger Deerns und Jungs, war das gemütlich. So was gibt es heute nicht mehr. Ist verdammt lange her.