Lieben Sie Hamburg?

Die Häutung der menschlichen Seele

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30 werden war ganz einfach. Man stand auf, zog sich was Hübsches an, für das man mit 29 noch zu jung war, und wusste genau, die sinnlichsten zehn Jahre einer Frau beginnen - voilà.

Fünfunddreißig werden ist seltsam. Ist fast schon 40. Fast schon Halbzeit. Das Leben passt nicht mehr auf einen Bierdeckel, manches ist zu Bruch gegangen, von dem man dachte, es hielte ewig. Die Scherbenklinik im Grindel fällt mir ein; ob die auch solche Splitter flicken können? Guten Tag, ich hätte da ein mehrfach zerrissenes Herz, einige Vertrauensbrüche, und können Sie mir eine Rolle Pflaster mitgeben für die Opfer meiner Egozentrik? Danke, ich zahle bar.

Gleichzeitig bin ich unruhig. Will Bilanz ziehen, Neues beginnen, Altes abschließen, mich nicht mit Vielleichts aufhalten, nur noch Ja, oder Nein. Ich will auf roten Schuhen durchs Leben tanzen, und schaue doch weit zurück, alte Gefühle durchbranden mich, Stillstand.

35. Alle sieben Jahre häute sich die Seele eines Menschen, heißt es; er ändert sich, und kurz darauf sein Leben, brennt durch, schmeißt dem Chef die Klotten vor die Füße, lernt Ukulele oder behauptet plötzlich, Liebe sei ein Recht und nicht mehr als Geschenk anzusehen. Zumindest in der Numerologie und Astrologie hat die Frist "Sieben" heilige Bedeutung, und auch die indische Chakrenlehre glaubt an "Lebensthemen", die alle sieben Jahre wechseln. Mit Esokram hab ich sonst nicht viel am Hut (aber Parkplatzbestellungen beim Universum funktionieren wirklich!), und frage nun all jene, die in diesem Jahr 35, oder 28, 21 oder 42, 14, 56 oder sieben Jahre alt werden: Merken Sie auch was? Die Haare sollen dunkler werden, und Sie mögen angeblich andere Kleidungsfarben. Ihr nächstes Chakra öffnet sich (Öhem, bei mir das Stirnchakra, was mir erlauben soll, Dinge zu wissen bevor ich weiß, woher ich das weiß. Tja) - und alle Zellen des Körpers haben sich runderneuert. Das ist praktisch. Der Mann von heute küsst quasi einen ganz unverbrauchten Mund; auf dem der Ex von vor acht Jahren ausgelöscht ist. Und man hat plötzlich Lust auf eine der interessanten sieben Wurzelsünden.

Wie gesagt: Eso ist nicht so mein Cous-Cous. Aber ich spüre, etwas ist anders. In sieben Wochen ist es soweit.

Als ich dies schreibe, hält hinter der Verbindungsbahn ein Zug; als ob er wartet, mitten auf der Strecke.


Okay, tauschen wir die Leben: "Das Ende vom Anfang" Komödie, 10.7.- 12.7., jeweils 20.00, St.-Pauli-Theater (Spielbudenplatz 29-30, U St. Pauli), Karten 24,20 , Reservierung unter T. 47 11 06 66 oder im Internet unter www.st-pauli-theater.de