Berlin/Hildesheim. Als 15-Jähriger entkam der jüdische Junge aus Hildesheim den Nazis, konnte aber seine Familie nicht in die USA nachholen. Der Germanist hielt bis ins hohe Alter Vorträge als Streiter für die Demokratie.

Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler und Holocaust-Überlebende Guy Stern ist im Alter von 101 Jahren gestorben.

Das teilte der Berliner Aufbau-Verlag mit. In dem Verlag erschien die Autobiografie des gebürtigen Hildesheimers („Wir sind nur noch wenige“) auf Deutsch anlässlich seines 100. Geburtstags am 14. Januar 2022. Als 15-Jähriger hatte Stern 1937 allein zu einem Onkel in die USA flüchten können, damals hieß er noch Günther. Seine Eltern und jüngeren Geschwister gehörten zu den knapp sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden.

In den USA schloss sich Stern einer Spezialeinheit der US-Armee an, die in Europa von 1944 bis Kriegsende deutsche Kriegsgefangene verhörte. Nach dem Krieg studierte er Romanistik und Germanistik und lehrte anschließend an zahlreichen amerikanischen und deutschen Universitäten, wie der Verlag weiter mitteilte. Seit seiner Emeritierung 2002 war er Direktor des Instituts für Altruismusforschung am Holocaust-Museum in Detroit.

Zahlreiche Auszeichnungen

Stern, der am Donnerstag (7. Dezember) gestorben ist, war Mitbegründer der Lessing Society, Vize-Präsident der Kurt Weill Foundation for Music und Präsident des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Der Wissenschaftler erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, die Goethe-Medaille und die Ehrenbürgerschaft von Hildesheim. Er war mit der deutschen Schriftstellerin Susanna Piontek verheiratet und lebte im US-Bundesstaat Michigan.

Noch im hohen Alter hielt Stern Vorträge, oft vor jungen Menschen. 2019 sprach er im niedersächsischen Landtag. In einem dpa-Interview sagte er im Februar 2022, die Errungenschaften der Demokratie dürften nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. „Eine Demokratie ist ein zartes Pflänzchen, das jederzeit eingehen kann, wenn es nicht genügend gehegt wird“, sagte Stern der dpa. „Wir können derzeit gut beobachten, was sich weltweit abspielt in Ländern, in denen - oft demokratisch gewählt - „starke Männer“ ihren Machtradius immer mehr erweitern und die Freiheiten ihres Volkes immer mehr einschränken.“