Wu-Tang Clan

18.000 D-Mark Telefonkosten – eine Musikmanagerin erzählt

| Lesedauer: 5 Minuten
Heinrich Oehmsen
Manchmal ein Herz und eine Seele: Eva Ries mit Wu-Tang- Rapper Method Man.

Manchmal ein Herz und eine Seele: Eva Ries mit Wu-Tang- Rapper Method Man.

Foto: Ivo Klujce

Eva Ries arbeitet jahrelang für das Hip-Hop-Kollektiv Wu-Tang Clan. Was sie erlebt hat, erzählt ihr Buch „Wu-Tang is forever“.

Hamburg. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet die deutsche Musikmanagerin Eva Ries für das internationale gefeierte Hip-Hop-Kollektiv Wu-Tang Clan. Der bis heute aktive Clan ist verschrien als ein unberechenbarer Haufen, der mit seinen Alben „Enter The Wu-Tang (36 Chambers)“ (1993) und „Wu-Tang Forever“ (1997) Hip-Hop-Geschichte geschrieben und Millionen Alben verkauft hat. Die Musik-Managerin hat ihre Erfahrungen und bisweilen krassen Erlebnisse mit dem Clan aufgeschrieben; am Sonnabend, 25. Juni, liest sie im Kent-Club aus dem Buch „Wu-Tang is forever“.

Hamburger Abendblatt: Sie, eine weiße deutsche Frau, gehörten zum inneren Kreis des neunköpfigen Wu-Tang Clans, der als kaum zähmbar galt. Wie haben Sie das Vertrauen der Mitglieder gewonnen?

Eva Ries: Mit großer Ehrlichkeit. In den Anfangszeiten waren sie nicht mehr als eine schwarze Streetgang. Sie hatten fast alle kriminelle Erfahrungen, waren Drogendealer und haben sich auf einem Parkett bewegt, auf dem man sowieso paranoid ist, weil man sich permanent verfolgt fühlt. Der Clan war mir anfangs sehr misstrauisch gegenüber.

ODB hat Geschichten erzählt, ich arbeite für einen Geheimdienst. Ich habe ihnen gesagt: Ich habe den Auftrag der Plattenfirma, eure Karriere zu fördern, aber ich kann das nicht, wenn ich eure Musik nicht verstehe. Ihr müsst meine Mentoren werden. Ich habe ein bisschen naiver getan, als ich war. Aber ich war keine Bedrohung und habe vom Clan alles über Hip-Hop gelernt.

Wu-Tang Clan: Hip-Hop-Kollektiv mit Hierarchien

Was ist der Wu-Tang Clan eigentlich? Gibt es innerhalb der Gruppe eine Hierarchie?

Ries: Der Clan ist eigentlich wie eine dysfunktionale Familie. Das kann man so ehrlich sagen. Es gibt eine Hierarchie mit RZA als Boss. Dann kommen die nächstwichtigen Rapper, also Method Man, Ghostface Killah und Raekwon. GZA ist nicht ganz so prominent, weil er sich nicht ins Rampenlicht spielt, aber er ist ein Gründungsmitglied. Dann kommen die etwas weniger wichtigen Mitglieder, also U-God, Masta Killa, Inspektah Deck. Als Ol’ Dirty Bastard (ODB) noch gelebt hat, war er auf dem Level wie Method Man.

Eigentlich ist dieser gefürchtete und chaotische Haufen nicht zu managen gewesen. Wie haben Sie es dennoch all die Jahre geschafft?

Ries: Der Clan war zum Glück nicht mein Arbeitgeber, sondern die jeweiligen Plattenfirmen. Ich wusste mit der Zeit, wie die Mitglieder ticken, und ich wusste, wie man das Schlimmste antizipiert, und habe die entsprechenden Gegenmaßnahmen ergriffen. Ich war gedanklich oft schon einen Schritt weiter.

Im Ihrem Buch steht, Sie kamen sich häufig vor wie eine „Mutter mit ungezogenen Kindern“.

Ries: Mehr wie eine Klassenlehrerin mit extrem verhaltensgestörten Kindern oder wie eine Flohzirkusdirektorin.

Musikmanagerin berichtet über 18.000 D-Mark Telefonkosten

Ein großes Problem bei den internationalen Tourneen in den 90er-Jahren war das Thema Telefonate, über das Sie an diversen Stellen in Ihrem Buch schreiben ...

Ries: Die Telefonate in den Hotels haben horrende Kosten verursacht, weil jedes Hotel bei den Festnetzgesprächen die Gebühren brutal aufgeschlagen hat. Bei Transatlantik-Gesprächen summierte sich das enorm. In Hannover hatten wir zum Beispiel am nächsten Morgen 18.000 D-Mark Telefonkosten, in London sogar mal 22.000 Pfund. Der Clan wollte das nie freiwillig bezahlen, letztlich übernahm die Plattenfirma die Rechnungen, nachdem ich flehentlich bei BMG Ariola in Hamburg angerufen hatte. Sonst wären die Tourneen geplatzt.

Sie sind von einem Kollegen mal als „gatekeeperin“, also als Pförtnerin, beschrieben worden.

Ries: Ja, das war ich auch, besonders bei den Tourneen. Ich hatte immer das Gefühl, ich muss den Europäern den Clan erklären und umgekehrt dem Clan die Vorstellungen der Weißen. Ich fühlte mich wie ein Wanderer zwischen zwei Welten. Ich war oft in der Situation, dass ich zerschlagenes Porzellan kitten musste. Ich war mit den Jungs nicht gerade ein gern gesehener Gast. Aber ich habe von ihnen bei allem Stress, den wir hatten, auch viel Respekt bekommen.

Haben Sie mal überlegt aufzugeben?

Ries: Nein. Am Anfang war es schwer. Aber als der Erfolg sich eingestellt hat, gab es keinen Grund mehr aufzugeben.

Was hat den Erfolg des Wu-Tang-Clans ausgemacht?

Ries: Das Besondere ist die Mystik, die den Clan umgibt. Man weiß als Außenstehender nicht, was innen passiert. Die Band hat sich immer eingemauert. Nach außen waren sie eine Einheit, innen waren sie aber zerstritten. Aber die Band ist sehr authentisch. Da ist nichts erfunden. Alles ist „real“, das ist das A und O im Hip-Hop. Sie sind begnadete Geschichtenerzähler. Sie berichten aus einer Getto-Welt, von Armut, Gewalt, Rassismus und wie man sich durchschlägt.

Was können Hip-Hop-Fans bei Ihrer Lesung im Kent-Club erwarten?

Ries: Ich werde nur wenige Passagen aus meinem Buch lesen. Ich freue mich auf das Gespräch und die Fragen von Moderator Falk Schacht, der ein ausgesprochener Hip-Hop-Experte ist.

Eva Ries liest Sa 25.6., 20 Uhr, Kent-Club (U Holstenstraße), Stresemannstraße 163, Karten 19,- an der Abendkasse

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