Frage nach Identität

Domenico Starnones Roman "Im Vertrauen"

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Der Liebesroman "Im Vertrauen" von Domenico Starnone.

Der Liebesroman "Im Vertrauen" von Domenico Starnone.

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In seinem Liebesroman spielt der Italiener Domenico Starnone auch mit Identitäten. Wobei manch einer in Italien glaubt, dass der Autor selber noch eine andere Identität hat.

Berlin. Sie sind schon ein auffälliges Paar, dieser Pietro und seine Teresa: Er ist Lehrer an einem Vorstadtgymnasium in Rom und sie seine ehemalige Schülerin, zehn Jahre jünger. Sie streiten oft lautstark, wollen aber niemals auseinander gehen.

Nach drei Jahren trennen sie sich trotzdem, ohne im späteren Leben jemals richtig voneinander loszukommen.

Pietro und Teresa sind die Hauptfiguren im Roman "Im Vertrauen" des italienischen Schriftstellers, Drehbuchautors und Journalisten Domenico Starnone. Es ist ein Roman um zwei Liebesgeschichten, ein Akademikerleben und um Identitätsfragen, in dem auch autobiografische Elemente sichtbar sind. Das Ganze spielt im Italien der 1970er und 80er Jahre, mit einem finalen Zeitsprung in die Gegenwart.

Nach der Trennung von Teresa lernt Pietro die Lehrerkollegin Nadia kennen, mit ihrem ruhigen Temperament ein Gegenpol zu Teresa. Pietro und Nadia heiraten, leben in einer schönen Wohnung unweit ihrer Schule, im Laufe der Jahre kommen drei Kinder zur Welt. Pietro schreibt Bücher über das italienische Erziehungswesen und geht als gefragter Autor auf viele Lesereisen, oft in Begleitung seiner attraktiven Lektorin. Nadia dagegen scheitert mit dem Versuch, als Mathematikerin eine Universitätskarriere einzuschlagen.

Dass Teresa in Pietros Leben weiter eine Rolle spielt, liegt an einem eigentümlichen Pakt, den beide kurz vor der Trennung geschlossen hatten und mit dem sie sich eigentlich für immer aneinander binden wollten: Jeder vertraute dem anderen ein schlimmes Geheimnis aus dem eigenen Leben an, das auf keinen Fall irgendjemand erfahren darf. Nun fürchtet Pietro, Teresa könnte ihn ruinieren mit den Dingen, die sie über ihn weiß und nimmt Kontakt zu ihr auf, um dies zu verhindern.

Teresa lebt längst in den USA, er schreibt ihr - in Zeiten vor dem Internet - Briefe und erhält auch Antworten. Nur einmal begegnet er ihr in Mailand wieder, es kommt zu einer längeren Aussprache. Er lässt, so scheint es, seine Ex sein Leben kontrollieren, auch wenn er seiner Ehefrau, zumindest physisch, treu bleibt. Doch welches ist das fürchterliche Geheimnis, das Teresa hütet, und was hätte er umgekehrt gegen sie in der Hand?

Der Roman endet mit einem Sprung in die Gegenwart: Der längst pensionierte Pietro soll auf Betreiben seiner Tochter Emma bei einem Nationalen Tag des Lehrers ausgezeichnet werden und seine frühere Schülerin Teresa - eine renommierte Wissenschaftlerin - die Laudatio halten. Hier wechselt die Erzählerperspektive: Ist im Hauptteil der Geschichte Pietro der Ich-Erzähler, sind es nun Emma und Teresa.

Starnone gefällt das Spiel mit den Identitäten. So geht es bei ihm auch immer um die Frage, wie zuverlässig die Geschichten sind, die Menschen von sich und anderen erzählen und wie zutreffend das Bild, das sie sich vom anderen machen - um die "Wahrheit eines Klischees", wie es Pietro nennt. "Die Person, die wir lieben, ist eine Sache, eine andere ist die reale Person, deren wahres Gesicht wir nie zu sehen bekommen, solange wir sie lieben", sinniert der Lehrer.

Auch der 78-jährige Starnone, einer der bekanntesten Schriftsteller Italiens, hat seine Berufslaufbahn als Lehrer begonnen. Seine Romanfigur Pietro ist wie er in Neapel geboren, in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgewachsen und später nach Rom gezogen.

Bekannt in Italien ist auch Starnones Ehefrau, die Übersetzerin Anita Raja. Von ihr hieß es vor einigen Jahren, sie sei die wahre Elena Ferrante, also die nur unter Pseudonym schreibende Erfolgsautorin ("Meine geniale Freundin"). Bestätigt wurde das nie. Doch auch Starnone zählt zum Kreise derjenigen, die das italienische Feuilleton schon für die wahren Autoren der "Genialen Freundin" gehalten hat. Zwei Szenen in seinem Roman - wo Pietro auf Lesereisen auftritt - erinnern auffällig an eine Szene am Ende des zweiten Teils von Ferrantes Neapel-Tetralogie. Das kann natürlich Zufall sein.

- Domenico Starnone: Im Vertrauen, Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker, Verlag Klaus Wagenbach, 168 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-8031-1357-3.

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