Kurzgeschichten

Kleider machen Leute

Kleidung ist nicht so wichtig, nur eine Nebensache? Stimmt nicht, findet Elke Heidenreich.

Kleidung ist nicht so wichtig, nur eine Nebensache? Stimmt nicht, findet Elke Heidenreich.

Foto: dpa

Kleidung ist nur Nebensache? Von wegen. Mode hat Macht in unserem Leben. Davon erzählt Elke Heidenreich in ihrem amüsanten Kurzgeschichtenband "Männer in Kamelhaarmänteln".

Berlin. Ein hässliches giftgrünes Polohemd oder unpassende glänzende Goldknöpfe am Jackett können schon einmal alle romantischen Träume ruinieren.

Solche Geschmacklosigkeiten zerstören liebevoll gehegte Erinnerungen an eine große Leidenschaft, an einen verführerischen Mann, der einen einst um den Schlaf brachte. Doch bereits beim ersten Blick auf seine Kleidung weiß sie: "In diesem Moment war es wirklich vorbei. Ein giftgrünes Hemd, dieser elegante Mann."

An solchen Beispielen sieht man, dass Kleidung nicht nur eine banale Nebensache ist, sondern ein wichtiger Teil des Lebens. Der Beginn oder das Ende einer Beziehung können davon abhängen. Man verbindet beglückende, aber auch peinliche Erlebnisse damit. Wer erinnert sich nicht zeitlebens an das Lieblingskleid, das einen zur Prinzessin adelte oder an schwer missglückte Outfits, die bedauerlicherweise auf alten Fotos für immer verewigt sind? Von all dem erzählt Elke Heidenreich (77) in ihrem Buch "Männer in Kamelhaarmänteln".

Es sind wunderbare Kurzgeschichten über Kleider, Mäntel, Blusen, Hüte, die geliebt, gehasst, verlegt, vertauscht, vergessen oder wieder hervorgekramt wurden. Wie etwa das mottenzerfressene Seidenkleid, das einzig gute Stück der Mutter. Es stammte noch aus der Vorkriegszeit und hatte, in Seidenpapier gewickelt, die Jahrzehnte überlebt. Elke Heidenreich trug es, als sie 2008 die Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen hielt. Es war ein gesellschaftliches Großereignis, viele festlich gekleidete Stars waren anwesend. Sie aber hatte die Bedeutung brutal unterschätzt und nun stand sie da in ihrem schwarzen Kleid mit weißen Punkten, dessen Löcher sie mit einem Jäckchen überdeckte, in roten flachen Ballerinaschuhen. Nicht einmal zum Friseur war sie vorher gegangen.

Die Dissonanz war so groß, dass ihr die Knie schlotterten: "Doch es gab kein Zurück." Beim Lesen bekommt man an dieser Stelle wie Elke Heidenreich feuchte Hände.

Das Buch, garniert mit interessanten alten Fotos, erzählt von verrückten Designerkäufen, modischen Jugendsünden und Extravaganzen. In den 60er Jahren waren bunt geblümte lange Hippiekleider in. Besonders spleenig waren Kleider aus Papier. Damit präsentierte sich die junge Elke stolz bei einem Freilichtkonzert, um einen verehrten Künstler zu beeindrucken. Das ging so lange gut, bis es anfing zu regnen und sich der Papiertraum nach und nach in Wohlgefallen auflöste. Darunter kam dann die grundsolide weiße Feinripp-Unterwäsche zum Vorschein.

Heidenreich beherrscht das kurze Format, dass Anekdotische und Leichte, das mit einer Pointe am Schluss gewürzt ist. Auch die weniger schönen Dinge im Leben lassen sich so elegant erzählen. Dass ihre Eltern nicht zueinander passten, verriet allein schon ihr Kleiderstil: "Meine Mutter zog etwas Raffiniertes an, und es sah nach nichts aus." Der Vater dagegen "hatte Stil und Geschmack. Und er wusste das." Andere Frauen erkannten das zum Leidwesen der Mutter auch. Besonders gut standen ihm offen wehende Kamelhaarmäntel, die er lässig über Stuhllehnen warf. Die richtige Attitüde gehört zu einem Kleidungsstück eben auch dazu: "Keiner, keiner kann Kamelhaar so tragen, wie das mein Vater konnte. Darum soll auch keiner mehr Kamelhaar tragen. Schafft sie ab, die Kamelhaarmäntel. Ihre Zeit ist vorbei."

- Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln. Kurze Geschichten über Kleider und Leute, Hanser Verlag, München, 224 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-446-26838-8.

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