Literatur

Darum ist der neue Politroman aus Kiel enttäuschend

Matthias Göritz: „Parker“, C.H. Beck, 300 Seiten

Matthias Göritz: „Parker“, C.H. Beck, 300 Seiten

Foto: C.H. Beck

Matthias Göritz schreibt in „Parker“ eine Kieler Geschichte, die (falsche) Erwartungen weckt. Ähnlichkeiten mit aktuellen Politikern.

Kiel. Wenn ein mehrfach ausgezeichneter Autor wie Matthias Göritz einen Roman über einen „jungen, vielversprechenden Politiker“ in Kiel und dessen Medien­berater schreibt, glaubt man als norddeutscher Journalist, das perfekte Buch für sich gefunden zu haben. „Parker“ heißt es, so wie die Hauptfigur: Matthew Parker, ein international anerkannter Rhetorikexperte, der sogar an der Präsidentschaftskandidatur von Barack Obama beteiligt gewesen ist. Er wird nach Kiel gerufen, weil es dort einen ambitionierten Politiker namens Mahler gibt.

Man denkt an Daniel Günther

Da die Geschichte im Jahr 2016 spielt, denkt man als Leser unwillkürlich an Daniel Günther, damals Fraktionsvorsitzender der CDU, heute Ministerpräsident. Und daran, dass dem inzwischen weit über Schleswig-Holstein hinaus eine große Zukunft vorhergesagt wird. Nicht obwohl, sondern weil er aus Kiel kommt.

Oder, wie es Mahler im Buch sagt: „Kiel ist nicht schlecht, wenn Sie etwas Großes vorhaben. Wenig Konkurrenz, gutes Experimentierfeld. Haben die Grünen ja auch begriffen, aber der junge Riese …“ Damit ist Robert Habeck gemeint, 2016 Umweltminister, inzwischen auch Bundesvorsitzender der Grünen. Im Buch wird beschrieben, wie der eine Hoffnungsträger dem anderen zuprostet: „Mahler hob seine Apfelsaftschorle im Sektglas in Richtung des blonden Hünen im Wollpullover, den Parker von gestern schon kannte, nur hatte er da noch Jackett getragen. Der Hüne wurde auch noch von einer Menschentraube umstanden und winkte ihnen süffisant durch die Scheibe zurück. ‚Habeck, nicht wahr?‘“

Skandalträchtiges Schleswig-Holstein

Der Roman spielt in seinen Anfängen so dicht mit und an der Wirklichkeit, dass es eine kleine Enttäuschung ist, als sich Mahler irgendwann als zweiter Mann der SPD, als Lauernder hinter dem damaligen SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig entpuppt. Spätestens von diesem Moment an pendelt das Buch unentschlossen zwischen einer politischen aufgeladenen Geschichte aus dem an Skandalen reichen Schleswig-Holstein und dem Porträt eines Mannes, für den es um alles geht. Dieser Mann ist nicht Mahler, sondern Parker, und erzählt wird vor allem dessen Vergangenheit jenseits von Kiel, schnell verschwinden die aktuellen Bezüge ganz. Dafür wird es schmutzig auf allen Ebenen, als würde es im politischen Schleswig-Holstein gar nicht anders gehen, und endet vor dem Staatsanwalt, schließlich im Gefängnis.

Matthias Göritz, der 1969 in Hamburg geboren wurde und derzeit an der Washington University in St. Louis lehrt, will viel. Das gehört sich so für einen Literaten, der unter anderem den Mara-Cassens-Preis (für „Der kurze Traum des Jakob Voss“) und den Robert-Gernhardt-Preis (für „Träumer und Sünder“) erhalten hat. Göritz weckt aber auch mit dem Versprechen einer „perfekten Intrige“ in Kombination mit dem Schauplatz Kiel Erwartungen, die er nicht einlösen kann. Wahrscheinlich ist „Parker“ doch nicht das perfekte Buch für einen norddeutschen Journalisten.