Deutscher Buchpreis 2016

Der beste Erzähler des Jahres stammt aus Hamburg

Buchpreisträger Bodo Kirchhoff bei seiner Dankesrede im Frankfurter Römer

Buchpreisträger Bodo Kirchhoff bei seiner Dankesrede im Frankfurter Römer

Foto: imago stock&people / imago/HMB-Media

Bodo Kirchhoff gewinnt mit seinem Werk „Widerfahrnis“ den Buchpreis. Für die Novelle des 68-Jährigen gibt es verschiedene Lesarten.

Frankfurt.  Einen einzelnen, klaren Favoriten hatte es nicht gegeben in diesem Jahr, aber auf diese Entscheidung hätte wohl trotzdem manch einer gewettet – und es dürften ebenso viele zufrieden sein. Der Deutsche Buchpreis 2016 geht an Bodo Kirchhoff. Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Montagabend im Kaisersaal des Frankfurter Römers bekannt.

Kirchhoff, 68 und gebürtiger Hamburger, erhält die prestigeträchtige Auszeichnung für sein Buch „Widerfahrnis“, in dem er von dem Italien-Trip eines älteren, sich gerade erst findenden Liebespaares erzählt: dem Ex-Verleger Reither und der ehemaligen Hutladenbesitzerin Leonie Palm. Ein dicht gewebtes Stück Literatur, das auf eindrucksvolle Weise von viel mehr handelt als nur einer einfühlsam und doch abgeklärt geschilderten Altersliebe.

Nur knapp 200 Seiten lang ist der vom Autor als Novelle deklarierte Text, der jedoch genauso gut als Roman gelten kann. Mit seiner schlanken Gestalt setzt er sich in jedem Fall ab von den zuletzt mit Preisen behängten dickleibigen Titeln: Frank Witzel erhielt 2015 den Buchpreis für seinen Riesenroman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“, Guntram Vesper im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse für seine nicht minder voluminöse Chronik „Frohburg“.

Kirchhoff will Parolen etwas entgegensetzen

„Widerfahrnis“ ist eines von mehreren Prosawerken in der jüngsten Gegenwartsliteratur, das sich mit der Flüchtlingsthematik beschäftigt, auch wenn Kirchhoff selbst darauf besteht, kein „politischer Kommentator solcher historischen Prozesse“ zu sein, sondern, wie er erst kürzlich in einem Interview mit der „FAS“ sagte, nur „eine kleine, anschauliche Geschichte dazu gefunden und erzählt“ zu haben. „Mir war beim Schreiben dieses Buches vor allen Dingen wichtig, eine entzerrte und berührende Sprache für die Vorgänge über das, was über uns hereinbricht, zu finden, um sie den vorherrschenden Parolen, Schlagworten, Halbsätzen entgegenzusetzen.“

In der Jurybegründung heißt es jetzt: „Kirchhoff gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln.“ Es handele sich bei „Widerfahrnis“ um einen vielschichtigen Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebe.

Verschiedene Lesarten der Novelle

In Kirchhoffs behutsam komponierter Novelle ist der Zusammenprall des saturierten, einerseits wohlmeinenden und andererseits in Abwehrhaltung gehenden Nordens mit den Hilfebedürftigen und Hoffenden aus den krisengeschüttelten Ländern nur eine Bedeutungsspur. Man kann „Widerfahrnis“ auch einfach als schicksalshafte Begegnung dreier Menschen lesen: Reither, Palm und das namenlose Mädchen sind die Familie, die Reither nie besessen und die Palm verloren hat.

Reither und Palm lernen sich einem Seniorenresort in den Bergen kennen. Ihr Aufeinandertreffen verführt sie zu einer radikalen Tat. Noch am selben Abend brechen sie zu einer Reise in Richtung Süden auf. Der Aufbruch ist verbunden mit beider Blick zurück: Sowohl er als auch sie haben Niederlagen und Schicksalsschläge zu beklagen. Ist das späte Zusammenfinden, zu dem sich genauso plötzlich das Mädchen gesellt, die Chance, frühere Entscheidungen rückgängig zu machen?

Familie verließ Hamburg Richtung Süden

Gerade das jüngere Werk des Schriftstellers Kirchhoff kreist um die Themen Verlust und Liebe, Romane wie „Die Liebe in groben Zügen“ und „Verlangen und Melancholie“ wurden von der Kritik einhellig gelobt. Kirchhoff lebt seit vielen Jahren in Frankfurt am Main und am Gardasee. Geboren ist er 1948 in Hamburg. Sein Vater Heinz Kirchhoff besaß eine Firma für medizinische Geräte. Kirchhoffs Mutter ist die Schauspielerin und Autorin Evelyn Peters-Joost, die in Hamburg einst Theater spielte.

Noch in seiner Kindheit siedelte die Familie nach Süddeutschland über. 1959 ließen sich Kirchhoffs Eltern scheiden. Er besuchte anschließend eine Internatsschule am Bodensee. Später studierte Kirchhoff in Frankfurt und promovierte über den Psychoanalytiker Jacques Lacan. Nur kurz arbeitete er als Heilpädagoge. Seit 1979 ist er freier Schriftsteller.

Nachfolger von Tellkamp oder Mora

Für den Buchpreis waren auch Reinhard Kaiser-Mühlecker („Fremde Seele, dunkler Wald“), Thomas Melle („Die Welt im Rücken“), Philipp Winkler („Hool“), André Kubiczek („Skizze eines Sommers“) und Eva Schmidt („Ein langes Jahr“) nominiert. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die anderen Finalisten je 2500 Euro. Kirchhoff ist der zwölfte Preisträger der 2005 ins Leben gerufenen Auszeichnung. Vor ihm gewannen unter anderem Uwe Tellkamp, Julia Franck und Terézia Mora. (HA)