Hamburg

Über das Leben mit einer bipolaren Störung

Thomas Melle, Jahrgang 1975, ist mit seinem neuen Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert

Thomas Melle, Jahrgang 1975, ist mit seinem neuen Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert

Foto: Dagmar Morath

Erfolgsautor Thomas Melle ist manisch-depressiv. Jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben.

Hamburg.  Wenn er in eine seiner manischen Phasen gerät, wenn sich die Psychose seiner bemächtigt, dann quatscht Thomas Melle jeden an, steigt mit einer Frau nach der anderen ins Bett, produziert sich permanent im Internet. Das sind die harmloseren Episoden. Sein Ich und die Anbindung an das, was wir die reale Welt nennen, zerbröseln aber noch viel stärker als lediglich in diesen Akten der Übergriffigkeit. Melle fühlt sich wie der Heiland und immer angesprochen, im Positiven wie im Negativen. Jeder kennt ihn. Jeder beobachtet ihn.

Er denkt er sei für 9/11 verantwortlich

Dieser manische Melle schläft kaum, trinkt, ist unentwegt unterwegs, setzt sich in Züge, Hauptsache weg. Der manische Melle ist größenwahnsinnig, aggressiv und getrieben. Er ist vor allem auch paranoid. Er denkt dann, er sei für 9/11 verantwortlich.

Und nach den manischen Phasen kommt die Depression, das Hinabsinken in die Unterwelt der Bedeutungslosigkeit. Nichts mehr ergibt Sinn, weder das vorher hektisch und erhitzt verfolgte Ziel, die Wirklichkeit und ihre Möglichkeiten zu ergreifen, noch der Alltag mit seinen Verrichtungen, Liebeleien, Kulturangeboten.

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren und seit Jahren in Berlin lebend, hat bisher zwei erfolgreiche Romane („Sickster“, 2011, und „3000 Euro“, 2014) geschrieben. Er hat Preise gewonnen, war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Er ist dies auch mit seinem neuen Buch „Die Welt im Rücken“. So lässt sich eine schöne Karriere im Literaturbetrieb an. Was nur Eingeweihten bekannt war, spricht Melle nun in diesem Bekenntnistext aus: unter welch schwierigen Bedingungen seine literarische Produktion stattfand und stattfindet. Seine Werke sind dem Alltag mit der Bi-Polarität – früher lautete die Diagnose auf manisch-depressive Erkrankung – abgerungen.

Eine Seelenschau und Selbstanklage

Wer mag, kann nun in den derangierten und problembehafteten ­Zu­ständen von Melles Helden den Autoren selbst erkennen. Wobei man ­natürlich nie den Autor mit seinen ­Figuren verwechseln sollte.

„Die Welt im Rücken“ ist eine Seelenschau, eine Beichte, in Teilen auch eine (Selbst-)Anklage. Es geht um ­Katharsis und, auch das, den therapeutischen Gedanken. „Die Welt im ­Rücken“ reiht sich neben die literarischen Selbstentblößungen, die derzeit en vogue sind. Erst im Frühjahr veröffentlichte Benjamin von Stuckrad-Barre sein Kotz- und Drogengeständnis „Panikherz“, es wurde zum Bestseller. Man könnte also geneigt sein, angesichts einer grassierenden Ästhetik der Psychomacke bei Melle gelangweilt abzuwinken. Wären da nicht dessen stilistische Brillanz und das Faszinosum, wie hier einer mit sich ringt und die Krise, die sonst so wenig beherrschbar ist, in Sprache zwingt.

Es ist eine biografische Katastrophe, die Melle ausbreitet; die Krankheit ist wie ein- bis jetzt dreimal aus einem Verlies ausgebrochenes Monster, ohne dass Melle die Angelegenheit so nennen würde.

Er schreibt vom „gescheiterten Bildungsroman“, den sein Buch erzähle – und referiert in eindringlichem und trotzdem abgeklärtem Ton die Psychiatrieaufenthalte, das Angewiesensein auf Medikamente, die (halben) Suizidversuche. Die Krankheit ist nicht nur seiner Karriere im Weg, sondern seinem Status als soziales Wesen. Seine Freunde sind irgendwann nur noch Rettungsschirme, die darauf achten, dass Melle nicht aus der Rolle fällt.

Unsympathischer Zeitgenosse

Das Outing Melles ist bemerkenswert, denn die Wahrnehmung, es hier mit einem nicht immer sympathischen Zeitgenossen zu tun zu haben, stellt sich automatisch ein. Bei aller Formulierungskunst Melles weiß man jedoch nicht mal annäherungsweise, wie sich Wahn und Depression anfühlen. Man bleibt staunender Beobachter.

Hamburg ist für den zwischen Suff, Austicken und hochtouriger Kommunikation besonders im Netz, zwischen kreativer Phase und lähmendem Niedergedrücktsein, zwischen stationären Aufenthalten und Rastlosigkeit wechselnden Melle immer ein Sehnsuchtsort. Einmal durchzecht er mit Freunden eine Hamburger Nacht. Die am Großmarkt gekauften Bananen werden danach am Hauptbahnhof („Bananen gegen Schill“) an Fahrgäste verteilt. Eine Gaga-Aktion im Rausch, die bei Melle in einem tieferen Loch endet als bei anderen: Er hat einen Lebenskater, der sich nur schwer bezähmen lässt.

„Die Welt im Rücken“ ist ein fesselndes Buch, wohl auch, weil der purer Existenznot, aber auch dem Künstlerwillen geschuldete Exhibitionismus auf einen durchaus voyeuristischen Leser hoffen darf. Das Niveau von Melles Selbstreflexion ist hoch, man darf wohl eine weitgehende Ehrlichkeit in der Beschreibung der Abstürze und Realitätsverweigerungen annehmen.

Er glaubt Knausgård kein Wort 

Melle weiß, wie er die Worte, Sätze und Szenen zu setzen hat. Als versierter Romancier und auch Bühnenautor hat er einen Sinn für Dramaturgie, nicht alles ist chronologisch, wie auch, bei dem Wirbel der Erinnerungen. Einmal schreibt Melle, dass er Karl Ove Knausgård, der minutiös seine Autobiografie in sechs Bänden zu Papier ­gebracht hat, „kein Wort glaubt“.

Weil Knausgård sein wahres Leben ja tatsächlich erdichtet; aber ähnlich romanhaft ist auch Melles Buch. So hat Melle in sehr guter Prosa, die sich das eigene Leid immer auch zurechtschnitzt, sein Lebensbuch geschrieben. Es fängt die Angst vor dem nächsten Schub ein und könnte die Wahrnehmung seiner Person und seiner Bücher verändern.

Vielleicht kann es die Krankheit auch in Schach halten. Man solle ihm, schreibt Melle einmal, wenn er wieder am Abdrehen ist, dieses, sein eigenes Buch zeigen.

Lesung Di 22.11., 20 Uhr, Nochtspeicher