Das Wettangeln

Darum geht es in Siegfried Lenz' letzter Erzählung

Der Angler aus Lenz letzter Erzählung. Auch die Illustrationen machen das Buch zu einem Höhepunkt

Der Angler aus Lenz letzter Erzählung. Auch die Illustrationen machen das Buch zu einem Höhepunkt

Foto: Nikolaus Heidelbach

Vor einem Jahr starb der große Hamburger Schriftsteller. Jetzt dürfen sich seine Leser noch einmal über eine neue Geschichte freuen.

Hamburg.  Die deutschsprachige Literatur hat einen zentralen Ort: das Literaturarchiv in Marbach. Dort wird all das gesammelt und archiviert, was in deutscher Sprache gedichtet und geschrieben worden ist. Dort haben die ihren Ort, die zu Lebzeiten der deutschen Literatur auf maßgebliche Weise ihre Schaffenskraft gewidmet haben. Wie Siegfried Lenz.

Der große Hamburger Schriftsteller, der am 7. Oktober 2014 in seiner Wahlheimat starb, regelte vor seinem Tod mit der Gründung einer Stiftung und der Übereignung des Nachlasses an das Marbacher Archiv seine literarischen Angelegenheiten. Und er arbeitete an einer letzten Erzählung, obwohl ihm im hohen Alter das Schreiben nicht leicht fiel. Die letzte, einfache, ruhige und schöne Erzählung trägt den Titel „Das Wettangeln“ und erscheint jetzt bei Lenz’ Stammverlag Hoffmann und Campe. Sie zeigt den „ganzen“ Lenz auf wenigen Seiten: seine tiefe Menschlichkeit und Nahbarkeit.

Wenn den Angler nicht Barsche glücklich machen, ist ein Mädchen im Spiel

In „Das Wettangeln“ geht es um einen Wettbewerb in dem (fiktiven) Ostsee-Örtchen Thorshafen, wo der jugendliche Erzähler unbedingt den dicksten Fisch angeln will. Es ist ein glücklicher Tag im Leben dieses Erzählers, aber nicht wegen all der Hechte, Barsche, Karpfen und Welse. Sondern wegen Anja, des Mädchens, mit dem er zusammenkommt.

Was für eine hübsche Idee, für eine alltägliche und doch auf ihre Art besondere Liebesgeschichte das Setting einer großen Angelei zu finden! Mit kernigen Kerlen, die beim Fischen nicht viele Worte machen, jedoch mit Ehrgeiz bei der Sache sind. Das gilt auch für die jungen Leute, nicht zuletzt für Anja, die nach dem Sonnenbaden, das sie ihrem Liebsten so nah brachte wie vorher nie, noch einen letzten Fisch an der Angel hat. Er entwischt, ohne dass dies ihr Glück trüben kann.

Ein gutes Buch mit tollen Illustrationen

Beobachtet wird das amouröse Treiben von Anjas Onkel Henry Weiß, der früher ein preisgekrönter Turmspringer war und jetzt im Rollstuhl sitzt. Er ist nicht mehr Teil des sinnenfreudigen Geschehens, aber er betrachtet es wohlwollend. Alter Mann und junger Bursche – „sie sind ein und dieselbe Person“, nämlich Lenz selbst, schreibt Günter Berg, der frühere Hoffmann-und-Campe-Verleger und jetzige Vorsitzende der Lenz-Stiftung, in seinem Nachwort zu dem Bändchen.

Das in der Bibliothek von Lenz-Liebhabern nicht fehlen sollte – gerade auch wegen Nikolaus Heidelbachs Illustrationen. Sie übersetzen die Sätze in Bilder mit Fischen, Anglern und Flirtenden, die so eindeutig sind wie der Text: Die Metaphorik ist nicht schwer zu verstehen. Man hat Heimweh nach der Jugend, der unbekümmerten,

Was aber nicht heißen muss, dass man sich als Älterer nicht mehr beim Lieben und Fischen beteiligen kann, das genauso ein und dasselbe ist wie der Turmspringer und der Teenager in „Das Wettangeln“.

Wenn es ans Eincremen geht, gönnt sich Lenz bei der Beschreibung des Liebespärchens als Sonnenbadende eine erotische Fantasie – eine vergleichsweise und rührend unschuldige.

Den breitmäuligen Wels, der sich dem Ufer nähert, lassen die beiden passieren. „,Siehst du den Burschen’, fragte ich Anja. ,Er ist noch auf dem Streifzug’, sagte Anja.“

Die Kurzgeschichte mit dem zeitlosen, klassischen Sujet wird in einer Auflage von 50.000 Exemplaren gedruckt. Mit der letzten fertiggestellten literarischen Schöpfung ein letzter Verkaufserfolg: Das wäre eine schöne Pointe. Es könnte, erklärte Günter Berg allerdings nun in einem Interview, in Zukunft noch einige weitere Lenz-Veröffentlichungen geben.

„Im Bereich Kurzgeschichten, Erzählungen, aber vor allem essayistische Rundfunkarbeiten kann man noch auf einiges gefasst sein“, sagt der Lenz-Experte über den Nachlass, der innerhalb der nächsten zwei Jahre geordnet werden soll. Auch die Korrespondenz mit anderen Autoren wie zum Beispiel dem Niederländer Cees Nooteboom muss laut Berg noch ausgewertet werden. Entdeckungen seien vor allem für die ersten zwei Jahrzehnte von Lenz als Schriftsteller zu erwarten.

Erste Versuche und Frühwerke also – für Lenz-Deuter und Philologen ist jede Niederschrift des Meisters wichtig. Angedacht ist, was das angeht, übrigens eine Siegfried-Lenz-Gesamtausgabe unter der wissenschaftlichen Leitung des Göttinger Germanisten Heinrich Detering. Die ersten beiden von etwa 24 angedachten Bände könnten im Herbst 2016 bei Hoffmann und Campe erscheinen.

Es wird also in vielen verschiedenen Formen noch weitere Lenz-Bücher geben. Wahrscheinlich wird keines von ihnen so einfach und klar, so wahr und liebenswürdig sein wie „Das Wettangeln“. Gewidmet ist die Kurzgeschichte übrigens seiner zweiten Frau. „Für meine Ulla, 22.3.2014“, so steht es nach dem letzten Satz der Geschichte, handschriftlich.