Obdachlose in Hamburg

Schicksale aus 100 Jahren Pik As

In einem neuen Buch erzählt Uta Mertens Geschichten von Gestrandeten. Der Erlös kommt der Hamburger Obdachloseneinrichtung Pik As zugute.

Hamburg. Es schockiert, rührt und macht betroffen. Die Journalistin Uta Mertens und die Fotografin Heike Ollertz dokumentieren in ihrem Buch „Pik As – 100 Jahre Nachtasyl“ den Alltag der Bewohner der Obdachloseneinrichtung. Das rote Backsteinhaus an der Neustädter Straße ist seit 1913 ein Anlaufpunkt für Männer und Frauen, die kein Dach über dem Kopf haben. Hier bekommen sie ein Bett, eine Mahlzeit, die Möglichkeit zu duschen und ihre Wäsche zu waschen. Sie erhalten Zuwendung und werden ärztlich versorgt.

In dem Buch erzählen die Autorinnen persönlich, nah und respektvoll über das bewegte und bewegende Leben in Hamburgs ältester Übernachtungsstätte. Eine lebendige Reportage und Dokumentation mit beeindruckenden Bildserien aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Verkauf des Buches erfolgt zugunsten des Fördervereins Pik As. Hier eine Leseprobe aus „Das Leben des Harry R. – Ich bin stehen geblieben“:

Nach über 35 Jahren auf der Straße entschließt sich Harry R. im Februar 2013, doch ein festes Zimmer im Pik As anzunehmen. Vorher hatte er schon einige Monate auf dem Flur des heillos überfüllten Hauses gelebt. Das Winternotprogramm läuft. Jetzt kann er einfach nicht mehr. Mit seinen 75 Jahren ist er unter den Obdachlosen eine Ausnahme, man kann fast sagen: ein Fossil. Durchschnittlich ist ein Mensch, der in Deutschland auf der Straße lebt, etwa 43 Jahre alt. Harry R. reiste durch viele Länder, hat viel gesehen und erlebt. „Heute kommst Du ja für 30 Euro überall hin. Ich bin die Strecken alle getippelt“, erzählt er.

Und Strecke hat er zurückgelegt. Er war in Griechenland, Italien, Frankreich, Belgien … Meist zu Fuß, immer allein, gerne draußen, hatte schöne Platten. Was er an Geld brauchte, hat er erbettelt. „Ich habe immer auf ein gepflegtes Aussehen geachtet, das hat mir geholfen.“ Die Ausbeute liegt heute bei 30 bis 45 Euro am Tag. „Das reicht dann wieder ein paar Tage“ – jedenfalls, wenn man nicht trinkt. „Ich habe früher viel getrunken. Bis ich eines Tages mit 4,8 Promille im Krankenhaus landete. Ich war fast tot. Das war in Würzburg, so vor 14 Jahren“, erinnert er sich. Danach war Schluss mit dem Alkohol. Zweimal hat er versucht, sesshaft zu werden. Lernte Frauen kennen, zog bei ihnen ein. „Aber nach vier Wochen musste ich wieder weiter, hab einfach einen Zettel auf den Küchentisch gelegt und bin los. (…)

Harry R. kommt aus Duisburg. Dort wurde er am 28. April 1938 geboren, da ist er aufgewachsen, hat geheiratet und zwei Kinder. Er arbeitete auf der Zeche, sagt er. Seine Frau und seine Kinder (damals zwei und vier Jahre alt) verunglückten bei einem Autounfall. „War das der Auslöser für Ihr neues Leben auf der Straße?“ frage ich. „Mag sein, ich habe das viel verdrängt. Aber wenn man dann alt und krank ist, zur Ruhe kommt, denkt man doch wieder daran, überlegt, wie alt die Kinder jetzt wären …“, sagt er und kann ein paar Tränen nicht unterdrücken.

Das Buch hat 168 Seiten, kostet 20 Euro und ist erhältlich in der Buchhandlung in den Deichtorhallen oder im Internet unter www.foerderverein-pik-as.de