Band 4: Friedrich Dönhoff - Savoy Blues

Savoy Blues

Das Buch

Sommer in Hamburg – und ein Lied in aller Ohren: »Savoy Blues«. Der Swing-Song von Louis Armstrong aus den dreißiger Jahren in der Coverversion von DJ Jack ist der Megahit des Jahres. Aus allen Cafés, aus allen Autos ist er zu hören. Auch dem jungen Hauptkommissar Sebastian Fink schwirrt das Lied im Kopf herum, während er sich an die Aufklärung seines ersten eigenen Falls macht. Der Mord an einem pensionierten Postboten scheint auf den ersten Blick nicht spektakulär zu sein. Doch die Untersuchungen verästeln sich mit jedem Tag mehr, und Sebastian Fink sieht schon seine schlimmste Befürchtung bestätigt: dass er bereits an seiner ersten Aufgabe scheitern könnte. Bis der Wirbel um »Savoy Blues« ihn auf die richtige Fährte bringt …

Mit Sebastian Fink wagt sich Hamburgs jüngster Kommissar auf die Krimi-Bühne – noch etwas unsicher und gerade deshalb so charmant.

Der Autor

Friedrich Dönhoff, geboren 1967 in Hamburg, ist in Kenia aufgewachsen. Nach seinem Studium der Geschichte und Politik und der Ausbildung zum Drehbuchautor hat er sich als Verfasser von Biographien, darunter der Bestseller »Die Welt ist so, wie man sie sieht – Erinnerungen an Marion Dönhoff«, einen Namen gemacht. Friedrich Dönhoff lebtin Hamburg.

Das sagt die Redaktion

Schuld ist eigentlich der Vater. Dessen Satz "Zeit fürs Lesen haben nur die Leute, die zu viel Zeit haben" war für den jungen Friedrich Dönhoff eine psychologische Mauer, die es zu durchbrechen galt. Schwer genug, aber eine Aufgabe, der man sich stellen muss in der Pubertät, will man das eigene Selbst finden und jenen Ort, an dem es sich verwirklichen kann.

Früh begann Friedrich Dönhoff, 1967 in Hamburg geboren, Geschichten zu erfinden, wobei auch seine Kindheit in Kenia, wohin es den Vater als Entwicklungshelfer verschlagen hatte, eine Rolle spielte. Dort, in Afrika nämlich, sah er die Armut, überall war sie präsent. Nicht selten ging es deshalb in den Geschichten, die der junge Friedrich sich ausdachte, kriminalistisch zu.

Am Anfang aber stand das Sachbuch – Dönhoff schrieb die Lebensgeschichte des Hamburger Hafenarbeiters und Kommunisten Tönnies Hellmann. Die Klippe Belletristik zu umschiffen schien noch zu riskant, schwebte doch über ihr die väterliche Gewitterwolke, die sich zu entladen drohte. Das Studium der Geschichte und Politik hatte Dönhoff abgebrochen, an der Filmhochschule in München lernte er das Drehbuchschreiben. Und hatte seine Passion gefunden – fast. Lange Gespräche mit seiner Großtante in deren Villa in Blankenese gaben ihm Stoff für das Schreiben. "Die Welt ist so, wie man sie sieht" war das überaus erfolgreiche Ergebnis jener Tage und Abende, die er mit Ma8rion Gräfin Dönhoff verbrachte, der im Jahr 2002 gestorbenen Herausgeberin der Wochenzeitschrift "Die Zeit". Ein Buch mit Erinnerungen an jene Frau, die ihn immer fasziniert hat mit ihrer schier unermüdlichen Energie. Ein Vorbild, wie er sie nennt. Doch Sachbücher allein waren ihm nicht mehr genug.

Irgendwann war es soweit, dass Dönhoff die Mauer in sich durchbrechen konnte. "Endlich Kriminalromane schreiben zu können war wie eine Befreiung", erzählt er rückblickend. Für die Kriminalgeschichten war ihm auch der Zivildienst in Mümmelmannsberg hilfreich – wie in Kenia sah er sich mit Not und Armut konfrontiert, lernte eine Welt konträrer Milieus kennen, in denen sich ein komplexes Feld sozialer und psychischer Spannungen auftat.

Diesem Nährboden entstieg alsbald ein gewisser Sebastian Fink, mit 34 Jahren der jüngste Hauptkommissar der Hamburger Kripo. Seine Ermittlungen führen in eine Zeit, in der die Hakenkreuz-Fahnen bereits wehten, die Hamburger Swing-Jugend aber noch ausgelassen tanzte nach einem Song von Louis Armstrong: dem Savoy Blues. Ein Tanz auf dem Vulkan....

"Savoy Blues" hat Dönhoff denn auch seinen ersten Kriminalroman genannt. Historisches Interesse und die Leidenschaft für alles Kriminalistische paaren sich darin aufs Schönste.

Der erste Fall für Sebastian Fink, ein Single, der mit seiner Freundin Anna und deren Sohn Leo zusammen lebt, scheint recht unspektakulär zu sein. Während auch der aufstrebende Kommissar den Armstrong-Song im Ohr hat (in der zeitgemäßen Ver8sion des DJ Jack, eines schon betagten grauhaarigen Mannes, tönt er aus allen Cafés und Bars in Hamburgs Szenevierteln), muss er den Mord an einem pensionierten Postbeamten aufklären. Wer könnte ein Interesse daran haben, diesen alten Mann ins Jenseits zu befördern? Die Sache entwickelt sich komplizierter, als Fink gehofft hat – schon treiben ihn Befürchtungen um, er könnte grandios scheitern an seinem ersten Fall als Hauptkommissar. Schließlich wird er von den neuen Kollegen argwöhnisch beobachtet.

So recht kommt Sebastian Fink in seinen Recherchen nicht weiter. Als aber ein gewisser Joachim Menzel ermordet in seinem Hamburger Hotel aufgefunden wird, beginnt Fink zu ahnen, dass dieser Fall in tief in die Vergangenheit führen wird. Denn Menzel ist eben jener DJ Jack, der auf seine alten Tage mit Armstrongs "Savoy Blues" ungeahnte Erfolge feierte. Doch was verbindet den toten Oldie-DJ mit dem ermordeten Postboten? Als Leo, Annas Sohn entführt wird, spitzt sich die Situation dramatisch zu – und Sebastian Fink weiß, dass er mit seinen Ermittlungen auf dem richtigen Weg ist.

Es ist eine Geschichte mörderischer Rache, deren Wurzeln in der dunklen deutschen Geschichten liegen. Und es ist ein erfolgreicher, von der Kritik hoch gelobter Kriminalroman geworden, mit dem Dönhoff im Jahr 2008 in jenem Genre debütiert hat, das ihm schon so lange am Herzen lag – eine Art Be8freiungsschlag.

Doch imperative Leitsätze aus der Kindheit haben eine lange Lebensdauer. "Noch heute habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen Roman aufschlage", erzählt Dönhoff. Trotzdem schreibt er weiter, Kriminalromane. Der zweite Fall für Fink erscheint im Frühjahr 2010.

Hellmuth Karasek meint

Während der Vorkriegszeit galt die Swing-Musik als "Negermusik". Für sie trafen sich vor allem in Hamburg heimlich Schüler und Studenten, Mädchen wie Jungs, und schwänzten dafür die Hitler-Jugend, um zu tanzen, Jazz zu hören und Swing-Musik zu spielen. Sie gemeinsam zu hören war ein subversiver Akt, der in den Kriegsjahren lebensgefährlich wurde. Jetzt war es Widerstand und Wehrkraftzersetzung, die Swing-Musik-Fans lebten auf Abruf.

Friedrich Dönhoff, Großneffe der legendären Hamburger "Zeit"-Chefredakteurin, der "Gräfin", hat aus diesem Swing-Stoff einen analytischen Krimi geschöpft. "Savoy Blues" heißt der Roman, nach einem Louis-Armstrong-Titel. Ein heutiger Serienmörder geht um, und Kommissar Fink hat einige Mühe, die Spuren zu verfolgen, die in die Vergangenheit führen.

Das Buch spielt in Hamburg, im neuen Polizeipräsidium und an Schauplätzen wie dem Uni-Viertel, dem Rothenbaum oder auch der nahe gelegenen Ostsee. Der Hamburg-frische Kommissar Fink steigt nicht nur in die Archive der Uni- und Gestapo-Vergangenheit Hamburgs, sondern entdeckt auf diese Weise auch die Gegenwart der Stadt: Mittelstandswohnungen, Luxushotels, Ausflugs- und Ferienziele. Also eine Stadt der lebendigen Jazz-, Musik- und Discjockey-Szene auch in heutigen TV-Shows.

Vielleicht bleibt ja Fink nach dem erfolgreichen Hamburg-Debüt hier rund um Alster, HafenCity, NDR-Studios und naher Ostsee weiter im Dienst.

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