Exklusiver Blog

Unterwegs mit dem Hamburg Ballett in Fernost

John Neumeier und sein Hamburg Ballett touren drei Wochen durch China. Im Blog auf abendblatt.de berichtet das Ensemble von seinen Abenteuern.

Am 21. Januar ist das Hamburg Ballett zu einer dreiwöchigen China-Tournee aufgebrochen – Peking, Hongkong und Shanghai heißen die Stationen. In zehn Vorstellungen sind John Neumeiers Tänzer auch kulturelle Botschafter der Hansestadt. 114 Menschen umfasst die Reisegruppe, darunter 54 Tänzer, sechs Ballettschüler, ein Arzt, mehrere Ballettmeister, Pianisten, Techniker und eine Physiotherapeutin für die hochempfindlichen Muskeln und Gelenke.

Was John Neumeier und sein Truppe in China erleben, wie sie aufgenommen werden und wem sie begegnen, beschreiben sie in diesem Blog – exklusiv für die Leser von abendblatt.de.

Teil 6 – Zuhause in Shanghai

Ich kann es gar nicht fassen, dass ich zum Abschluss des Neujahrsfests in Shanghai bin. Es ist unser größtes Familienfest, aber ich hatte seit fünf Jahren keine Gelegenheit mehr, es mit meinen Verwandten zu feiern. Bis Montag. Da habe ich endlich alle wiedergesehen. Es war ein großes Festessen, wir waren bestimmt 20 Leute, und hatten einen Tisch in einem sehr schönen Restaurant. Ich versuche, meine Familie jetzt jeden Tag zu besuchen. Und auch in den freien Tagen, anschließend an die Tournee, werde ich hier sein. Es ist so schön für mich, wieder zuhause zu sein.

Seitdem ich vor fünf Jahren nach Hamburg gezogen bin, um zuerst an der Ballettschule, dann im Ensemble des Hamburg Ballett' zu tanzen, hat sich die Stadt sehr verändert. Es ist heute ein anderes Gefühl durch die Straßen zu laufen – internationaler, europäischer, offener. Shanghai war schon immer eine moderne Stadt, aber heute ist es noch moderner geworden. Allerdings gibt es auch negative Änderungen – vor allem habe ich den Eindruck, als wären die Menschen weniger freundlich als früher. Vielleicht liegt es auch nur am Wetter – es ist furchtbar kalt für Shanghaier Verhältnisse –, aber es gibt viele grimmige Gesichter auf der Straße. Dabei sind die Shanghaier berühmt für ihre Freundlichkeit.

Die schnelle Stadtentwicklung hat unter anderem dazu geführt, dass alles, was alt ist, nicht gewürdigt wird. Das macht mich traurig. Natürlich wollen wir hier modern sein, aber das heißt nicht, dass wir das Alte vergessen sollten. Wir brauchen unsere Tradition, um eine Basis zu haben. Das gilt sowohl für die Architektur, als auch für die Lebensart. Shanghai existiert erst seit gut 150 Jahren, das was heute alt ist, war also vor nicht langer Zeit noch neu. Und die Stadt hat so viel Schönheit, die wir bewahren müssen.

Ich wünsche mir, dass das Publikum hier genauso enthusiastisch sein wird, wie in Beijing. Die Shanghaier gelten als die chinesischen Pfeffersäcke, während in Beijing die Kultur zuhause sein soll. Es wäre schön, wenn sich das als falsch herausstellt. In ganz China ändert sich das Kulturpublikum, es bereitet sich besser vor, weiß besser Bescheid als in den vergangenen Jahren. Es wäre gut zu sehen, dass wir mit dem Ballett das Herz dieser Stadt erobern können.

Daoyuan Chen, Gruppentänzer

Teil 5 – Die großen und kleinen Herausforderungen der Technik

Manchmal fühle ich mich in China wie in dem Film "Lost in Translation". Es ist nicht einfach, die Bühne für die Ballette aufzubauen und die Technik zum Funktionieren zu bringen, ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen. Natürlich haben wir Übersetzer, die uns helfen. Aber da geht viel Kommunikation verloren. Ein Bühnenaufbau dauert deshalb hier viel länger, als in Hamburg. In Beijing war es besonders schwer rüberzubringen, was wir wollten. Denn nicht nur die Sprache, auch die Art der Kommunikation ist bei uns ganz anderes, viel direkter. Das hat schonmal zu weinenden Übersetzerinnen geführt. Damit muss man erstmal umgehen können.

Die technische Mannschaft ist immer als erste im Theater, kümmert sich ums Ausladen und den Aufbau der Stücke. Und wir sind die letzten, die das Haus verlassen – erst, nachdem alles sicher in die Container zurückverladen wurde. Weil besonders Nijinsky ein aufwändiges Bühnenbild hat, sind wir mit einer großen Mannschaft hier: Aus Hamburg haben wir neun Techniker, sieben Beleuchter, zwei Tontechniker, zwei Requisiteure und dazu die Kollegen aus Kostüm und Maske mitgebracht. Sie werden unterstützt von 12 chinesischen Technikern und acht Beleuchtern. Und auch die anderen Abteilungen werden verstärkt.

Elf Container sind aus Hamburg nach China verschifft worden, um all unsere Kulissen und Materialien unterzubringen, sechs gingen nach Beijing und von dort weiter nach Shanghai, fünf direkt nach Hongkong. Ein Container wurde von uns in Beijing nach der letzten Vorstellung am Sonnabendabend mit all den Dingen beladen, die wir sowohl dort als auch hier benötigen. Der kam dann per Luftfracht hier in Hongkong an – leider erst am Montagmittag, den Sonntag über hing er im Zoll fest. Denn Hongkong gehört nicht zu Mainland China und hat so eigene Zollbestimmungen. Da am Sonntag aber niemand arbeitet, dauert so eine Containereinreise schonmal etwas länger. Am Montag um 14 Uhr hatten wir den Container endlich am Theater. Und um 15 Uhr war die erste Platzierungsprobe angesetzt. Es war nicht ganz einfach, da in nur einer Stunde alles fertigzumachen und aufzubauen. Aber wir haben es geschafft.

Dass wir solche kleinen und großen Herausforderungen gut bewältigen, liegt auch am Teamgeist der Kollegen. Wir haben hier eine sehr gute Stimmung. Schon in Hamburg überlegte ich mir, wer gut zusammenpasst und suchte die Leute danach aus. Jeder freut sich, wenn er mit auf Tournee gehen kann und deshalb darf auch jeder mal mit, der guten Einsatz zeigt.

Von Hongkong habe ich noch nicht viel gesehen, weil ich bisher nur im Theater war. Das will ich aber dieses Wochenende nachholen. Ich finde, grundsätzlich soll man auch was sehen von dem Ort, an den man reist. Und wenn es nur ein kleiner Eindruck der Kultur ist. Die spielt sich schließlich nicht nur hinter der Bühne ab.

Bernd Klein, Technischer Leiter

Teil 4 – Beste Freundinnen

Wir machen so viel zusammen, dass die Leute sogar unsere Namen verwechseln. Ständig heißt es Mili, Mari, Mili, äh nein Mari. Aber wir haben uns inzwischen daran gewöhnt. Schließlich kennen wir uns schon seit mehr als acht Jahren. Damals gingen wir noch in die Theaterklassen der Ballettschule. Richtig angefreundet haben wir uns aber erst, als wir beide im Ensemble waren. Und inzwischen sind wir beste Freunde. Klar, dass wir deshalb auch auf Tournee ständig zusammen etwas unternehmen. Wir haben einfach die gleichen Interessen, uns sind die gleichen Dinge wichtig. Zwar kommen wir aus ganz unterschiedlichen Ländern, Serbien und Brasilien, aber die Milieus, in denen wir aufgewachsen sind, waren trotzdem ähnlich.

In Peking waren wir hauptsächlich shoppen und essen. Zum Beispiel Pekingente – in einem tollen Lokal, dass Silvia Azzoni gefunden hatte. Zehn Tänzer waren wir insgesamt und haben richtig geschlemmt. Für uns war es das zweite Mal in Peking. Aber seit dem Gastspiel vor zwei Jahren hat sich nicht viel verändert. Damals haben wir auch das touristische Programm abgehakt. Was sich vielleicht verändert hat, ist das Publikum. Es war aufmerksamer, auf jeden Fall bei den Vorstellungen von Nijinsky.

Hier in Hongkong waren wir das letzte Mal im Jahr 2003. Damals kamen wir aus Singapur, wo alles sauber, elegant und schick war. Hongkong sah dagegen eher schäbig aus. Und überall wurde gebaut. Jetzt ist der Eindruck ein ganz anderer, gerade weil wir vorher in Peking waren. Die Hochhäuser, der Glanz, die Schnelligkeit sind schon beeindruckend. Es heißt nicht umsonst, Hongkong sei das asiatische New York. Am Abend fahren wir zum Victoria Peak. Von dort hat man eine wunderschöne Aussicht über die ganze Stadt – bei Sonnenuntergang.

Erschreckend sind aber die sozialen Unterschiede. Vor den Läden der Nobelmarken – riesige Shops in riesigen Einkaufszentren – stehen die reichen Chinesen Schlange. Sie warten darauf, reingelassen zu werden und teuer einkaufen zu können. So etwas haben wir noch nirgendwo sonst gesehen. Nur ein paar Straßen weiter sieht man dann die Armut. Im alten chinesischen Kowloon-Viertel gibt es viele Kleidermärkte vor halbverfallenen Häusern. Die Leute dort sind arm, versuchen irgendwie über die Runden zu kommen. Vielleicht fällt uns das besonders auf, weil wir aus Ländern kommen, in denen es auch viel Armut gibt. Wir wissen, wie Armut aussieht, auch wenn sie verdeckt ist.

Wir sind dankbar, dass wir durch das Ballett die ganze Welt bereisen können. Auf diese Weise sehen wir Länder, in die wir sonst nie reisen würden, wohnen in guten Hotels. So eine Tournee ist hauptsächlich deshalb stressig für uns, weil wir so viel wie möglich mitnehmen möchten von den Orten, an denen wir gastieren. Und gleichzeitig will man das Beste geben. Schließlich sind wir zu Gast, da wollen wir zeigen, was wir können, was das Besondere des Hamburg Balletts ausmacht.

Mariana Zanotto, Solistin und Miljana Vracaric, Gruppentänzerin

Teil 3 - Unbezahlbare Momente

Drei Wochen China. Das bedeutet für mich: Seit November treffe und emaile ich mit dem mit dem Auswärtigen Amt, stimme mich mit der Deutschen Botschaft in Peking und den Generalkonsulaten ab, mit dem Hamburg Liaison Office, mit den PR-Abteilungen der Theater, in denen wir auftreten. Ich verfasse Pressemitteilungen und gebe fremde frei, versende Pressebilder, koordiniere Pressetermine. Denn schließlich soll China so viel wie möglich über uns erfahren. Bislang habe ich zehn Interviews mit John Neumeier angesetzt, einen Fototermin, eine Pressekonferenz. Hinzu kommen ein Kamerateam aus Australien und mehrere Open Rehearsals, Durchlaufproben unserer Ballette, zu denen chinesische Jugendliche eingeladen werden.

Zu tun gibt es also genug. Aber Termine und Organisation sind nicht die Dinge, die hängen bleiben. Den Zauber einer Tournee machen die kleinen Momente aus. Wie zum Beispiel nach unserer ersten Nijinsky-Vorstellung in Peking, als das Publikum nicht aufhören wollte zu klatschen. Drei Vorhänge lang gab es Standing Ovations, Bravos und Gefühle, die vom Publikum auf die Bühne strömten. In solchen Momenten wird deutlich, dass wir etwas in den Menschen bewegt haben, dass sie in den Stunden des Balletts etwas Neues entdeckt haben, das sie berührt. Das macht glücklich.

In Erinnerung bleibt auch das Abendessen mit dem Deutschen Botschafter, Michael Schaefer. In einer Runde von 14 Personen, teils vom Hamburg Ballett, teils vom Chinese National Ballet, teils von der Botschaft. Eine kleine Runde, die sich im Separee eines traditionellen Restaurants in einem der wenigen verbliebenen Pekinger Hutongs traf, der traditionell alt-chinesischen Wohnviertel. Schaefer ist seit fast fünf Jahren in China und gilt als einer der großen Kenner des Landes. Er liebt China. Und er kann es erklären. Die vielen Fragen beantworten, die sich ergeben, wenn man ohne ein Wort der Sprache zu können in eine andere Kultur geworfen wird und dort drei Wochen lang arbeitet. Kein Botschafter vor ihm war ähnlich lange auf „Posten“, wie es im amtsdeutsch heißt.

Schaefer erzählt von seinem China. Und das geht weit über die Zahlen hinaus, die einem wegen ihrer Größenordnung den Mund vor Staunen offen stehen lassen: Natürlich berichtet er auch von den 300 Millionen Chinesen im Luxus, weiteren 400 Miollionen, deren Lebensstandard sich langsam nach oben bewegt und 600 Miollionen, die in Armut leben, als Wanderarbeiter oder Bauern und wenig Chancen haben, in ihrem Leben Wohlstand zu erlangen. Und wohl auch nicht im Leben ihrer Kinder. Er weiß, dass diese soziale Schere die größte Herausforderung für die chinesische Regierung ist, die angetreten war mit dem Versprechen, allen Chinesen den Weg in den Wohlstand zu weisen. Nur das war der Grund für die Öffnung des Landes. Je stärker sich die Städte in den nächsten Jahren jedoch modernisieren, je besser es Chinas Wirtschaft geht, desto größer wird diese Schere werden. Wie löst man so ein Dilemma?

Schon jetzt gibt es in China über 160 Städte mit mehr als 100 Millionen Einwohnern. Dass ich nur etwa fünf davon aufzählen kann, zeugt von meiner westlichen Ignoranz. Der Westen müsse aufhören, China zu dämonisieren, für alle seine Probleme verantwortlich zu machen, so Schaefer weiter – von der Erderwärmung bis zum Außenhandelsdefizit. Sonst würde das Land in den Nationalismus getrieben. Und der wäre für den Westen wirklich schlecht. Klar ist für Schaefer ohnehin: Die Zukunft liegt in Asien. Nur folgerichtig, dass sein 17-jähriger Sohn da fließend Chinesisch spricht und schreibt.

Eigentlich geht es an diesem Abend aber um das Verstehen. Das Verstehen einer Kultur, die sich Westlern nur schwer erschließt, die aber viel Schönheit und Eigenart verspricht, wenn man sich auf sie einlässt. In der jede Bewegung mit Sinn hinterlegt ist, jede Denkweise aus jahrhundertelangen Traditionen entspringt, von denen wir bis heute nur wenig wissen. Und in der der Westen viel Goodwill verspielt hat. Nicht in den letzten 20 Jahren, sondern in den 200 Jahren davor. Weil er arrogant aufgetreten ist und es den Chinesen schwer macht, ihr Gesicht zu behalten. Dieser Abend vermittelt all das, ohne alles in Worte zu fassen. Durch die Atmosphäre, durch das Essen, durch die Gespräche.

Verstehen lernen, darum geht es auch in meinen Gesprächen mit befreundeten Expats, die in Peking arbeiten. Sie kamen der unternehmerischen Möglichkeiten wegen nach China. Es ist für sie das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wohlgemerkt, sie sprechen von China. Nicht den USA. So wie Johannes. Er lebt seit fast drei Jahren in Peking, arbeitet in der Internetagentur Akryl und baut mit einem Hamburger Kollegen gerade die deutsche Dependance aus. Um auch chinesische Firmen in Europa besser vertreten zu können. Vom Osten in den Westen, das ist der Weg der Zukunft, so scheint es, wenn man mit ihm spricht.

Eines aber, da scheinen sich die meisten Westler in China einig, haben wir den Chinesen voraus: Unsere Innovationsfähigkeit. Den Spaß daran, Querdenker zu sein und auf diese Weise neue Lösungswege zu finden. Kreativität kann man das auch nennen. Und damit schließt sich der Kreis zurück zum Hamburg Ballett, zu John Neumeier, dem die Kreativität das wichtigste in seiner Arbeit ist. Vielleicht ist es wie Ying und Yang. Vielleicht braucht der Westen den Osten und der Osten den Westen. Vielleicht können sie nur gemeinsam ein Ganzes bilden.

Anna Schwan, Leiterin Presse und Kommunikation

Teil 2 - Ferner Vater

Die China-Tournee begann für mich mit einem Schock, einem positiven Schock. Am 22 . Januar, unserem ersten Tag in Peking, wurde mein Sohn geboren. Zwar hatte ich mich schon darauf eingestellt, dass ich bei der Geburt nicht dabei sein würde, weil ich auf Tournee bin, aber dass es so schnell ging, hätte ich nicht gedacht. Stichtag war erst der 4. Februar. Das Schlimmste für mich ist, dass ich bis heute nicht mit meiner Frau sprechen konnte und auch noch kein Foto von meinem Kind gesehen habe – solange sie im Krankenhaus sind, können sie nicht skypen und mein Telefon hat keinen Kredit für so teure Ferngespräche. Ich musste mich bislang auf Textnachrichten beschränken. Das ist nicht leicht.

Was ich nicht fassen kann: Schon mein erstes Kind wurde ganz knapp vor einem China-Gastspiel geboren. Meine Tochter kam vor zwei Jahren zur Welt, einen Tag, bevor wir damals nach Peking abgefahren sind. China ist für mich also untrennbar mit meinen Kindern verbunden. Ich habe mich gefragt, ob es richtig ist, dieses Mal mit auf Tournee zu gehen. Natürlich wäre ich gern bei der Geburt dabei gewesen. Aber ich hatte das Thema mit meiner Frau Katerina besprochen. Sie fand es wichtig, dass ich beim Gastspiel dabei bin. Ich bin einer der Pianisten des Hamburg Ballett, ich spiele während der Nijinsky-Vorstellungen auf der Bühne, ich begleite die Proben. Die Compagnie braucht mich eben auch.

Ich bin nur froh, dass meine Frau nicht allein ist, sondern der Rest der Familie in Hamburg war, als sie ins Krankenhaus kam – beide Großmütter und sogar die Urgroßmutter waren aus Prag angereist. Meine Schwiegermutter war selbst Kinderkrankenschwester, das beruhigt mich, denn so weiß ich, dass meine Frau auch zuhause gut versorgt ist.

Für mich ist es ein merkwürdiges Gefühl, nun wieder Vater zu sein. Es ist so unwirklich, mir fehlt die persönliche Begegnung mit dem Kind. Eine Geburt, das ist so ein emotionaler Moment, aber ich weiß davon nur durch Nachrichten auf meinem Handy. Ich freue mich so darauf, endlich mit Mutter und Kind skypen zu können. Heute kommen sie aus dem Krankenhaus, dann ist es soweit. Dann können wir auch den Namen des Kindes festlegen. Wir schwanken noch zwischen Michal und Michael. Wirklich amtlich können wir den Namen aber erst machen, wenn ich wieder zurück bin. Auf der Geburtsanzeige müssen beide Eltern unterschreiben.

Ich nutze diese Tournee, die Zeit ohne Familie, um zu üben und um mich auszuruhen. Denn viel Schlaf habe ich in den letzten zwei Jahren nicht bekommen – da war die Aufregung um das erste Baby, wir haben ein Haus gekauft und renoviert – ein pralles Leben also. Mit dem zweiten Kind wird es noch praller werden. Darauf freue ich mich sehr. Mein Sohn ist am ersten Tag des chinesischen Neujahrs geboren, er ist ein kleiner Drache.

Ondrej Rudcenko, Pianist beim Hamburg Ballett

Teil 1 - China ist mir nah

Der erste Eindruck dieser Chinatournee, gestern, kurz nachdem ich aus San Francisco gelandet bin, war ein sehr schöner: Eine Einladung zum Mittagessen. Ein Mittagessen, ein Business-Lunch noch dazu, das mag wenig aufregend klingen. Aber gestern war Sonntag. Der erste Tag des Chinesischen Neujahrsfests, des wichtigsten Fests des chinesischen Kalenders. Es ist das größte Familienfest des Landes, jeder Chinese besucht seine Verwandten, das ganze Land ist in Bewegung. Ich habe gelesen, dass in den nächsten drei Wochen insgesamt 3,6 Milliarden Chinesen unterwegs sein werden, soviel wie die halbe Weltbevölkerung. An einem solchen Tag zum Essen eingeladen zu werden, das zeugt von sehr großer Wertschätzung. Ich hatte das Glück mit Madame Feng zu essen, der Direktorin des Chinesischen Nationalballetts. Wir haben uns während der letzten Tournee nach Beijing im Jahr 2010 kennengelernt und seitdem eine enge Zusammenarbeit unserer beiden Compagnien etabliert. Und so sprachen wir über unsere nächsten Projekte, über die Tournee und darüber, wie sich China als Tanzland verändert.

China überrascht mich und macht mich neugierig. Episoden wie dieses Mittagessen, überhaupt die gesamte Zusammenarbeit mit dem Nationalballett, die inzwischen sehr persönlich geworden ist, schaffen eine wachsende persönliche Nähe zu diesem Land. Es klingt wie ein Klischee: zu sagen, dass sich hier alles so schnell wandelt. Aber es ist so. Auch in künstlerischer Hinsicht, auch beim Ballett.

Ich war beeindruckt, dass wir nur zwei Jahre nach unserem letzten Bejing-Gastspiel wieder auf so eine aufwändige Tournee eingeladen worden sind. Wir werden bis zum 12. Februar nicht nur in Beijing auftreten, sondern auch in Hongkong und in Shanghai. Unsere Vorstellungen fallen genau in die Zeit des Neujahrsfests. Aber sie sind trotzdem sehr gut verkauft. Das zeigt mir, dass die Menschen hier, auch wenn sie keine lange Ballett-Tradition haben, eine große Neugier besitzen und sehr aufgeschlossen sind. Sie wollen Neues erfahren, Grenzen überschreiten. Dem begegnen wir mit den drei Choreografien, die wir hier zeigen: Die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler, Nijinsky und Endstation Sehnsucht. Die drei Ballette zeigen neue Perspektiven auf den Tanz und seine Erlebbarkeit. Sie wenden sich ab vom klassisch-akademischen Ballettstil, der hier in China bisher am bekanntesten ist, ohne jedoch die Tradition zu verraten. Gleichzeitig sind es wichtige Werke im Repertoire des Hamburg Ballett, sie zeigen die Bandbreite meiner Choreografien.

Den Auftakt macht Mahlers Dritte Sinfonie. Schon morgen ist die Premiere im National Center for the Performing Arts, dem zu den Olympischen Spielen 2008 fertiggestellten Theaterbau direkt neben dem Platz des Himmlischen Friedens. Die Bühne hier ist viel größer als in Hamburg. Wir müssen also neu platzieren, damit das Ballett optimal wirken kann. Das heißt, wir müssen neue Positionen für die Tänzer finden. Die Bühne ist weit ins Auditorium vorgebaut, das Publikum ist deshalb sehr nah am Geschehen, es wird direkt involviert. Gute Bedingungen also, damit sich die Zuschauer einlassen auf mein Ballett. Ich halte Mahlers Dritte Sinfonie inzwischen für das perfekte Stück zum hiesigen Neujahrsfest – die ganze Stadt ist momentan rot geschmückt, die Farbe symbolisiert Glück für das Neue Jahr. Auch die letzten Szenen des Balletts sind ganz in rot getaucht. Für mich bedeutet diese Farbe Liebe. Glück und Liebe – mehr kann man sich für den Auftakt einer Tournee kaum wünschen.

John Neumeier, Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Ballett