München. Das Deutsche Theater hat einen ungewöhnlichen Musiktheater-Stoff nach München geholt: Am Donnerstag feierte „Wüstenblume“ dort Deutschland-Premiere. Doch kann die brutale Geschichte auch Musical-Stoff sein?

Die beiden jungen Frauen auf der Bühne haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es sich anfühlt, zur Frau zu werden. Für die eine ist es der Moment sexueller Erregung - für die andere der unbändigen Schmerzes. Sie singen ein gleich klingendes Lied, mit unterschiedlichen Worten, einer unterschiedlichen Geschichte.

Die berührende Szene ist eine der Schlüsselmomente in der Musical-Adaption des Bestsellers „Wüstenblume“, die am Donnerstagabend im Deutschen Theater in München Deutschlandpremiere feierte. Denn darin erzählt Waris Dirie (Kerry Jean) ihrer Freundin Marilyn (Denis Lucia Aquino) vom dem grausamen Ritual der weiblichen Beschneidung, dessen Opfer sie als Kind in ihrer Heimat Somalia wurde.

Ein harter Stoff für ein Musical

Die bewegende Geschichte des Beststellers „Wüstenblume“, geschrieben von Frauenrechtlerin und Topmodel Waris Dirie (57), berührt und begeistert auch als Musiktheater. Das Publikum feiert Sänger, Tänzer und das Kreativteam um Komponist Uwe Fahrenkrog-Petersen, und besonders auch die Frau, deren Geschichte an diesem Abend auf die Bühne kommt.

Die gebürtige Somalierin Dirie, die seit Jahrzehnten gegen die grausame Genitalverstümmelung bei Frauen kämpft, zeigt sich ebenfalls auf der Bühne und lässt sich auch später auf der Premierenparty feiern.

Thomas Linsmayer hatte zu Beginn schon eingeräumt, dass es sich bei dem Projekt auch um ein Risiko handle nach dem Motto „Kann man aus so einem Stoff ein Musiktheater machen, das die Leute unterhält?“ Die Premiere habe gezeigt, dass das absolut geglückt sei, sagte er im Anschluss. Er hoffe, dass es dem Theater auch künftig gelinge „Stücke mit einer solchen Relevanz hierher holen zu können“.

Eine emotionale Reise bis auf die Laufstege der Welt

Die Geschichte habe alles: „Sie hat Lachen, Weinen, das Drama. Es ist eine Female-Empowerment-Geschichte, die gut ausgeht“, hatte Fahrenkrog-Petersen vor der Premiere gesagt und von „einer echten Cinderella-Geschichte“ gesprochen. „Nur ist sie danach nicht mit einem Prinzen ins Schloss gezogen, sondern hat gesagt: Jetzt muss ich zurück und die anderen auch retten.“

Er sollte mit seiner Einschätzung am Donnerstag Recht behalten. Unterstützt wird die emotionale Reise Diries aus der somalischen Wüste nach London und von dort auf die Laufstege der Welt in der Inszenierung von Gil Mehmert durch ein effektreiches Bühnenbild, für Musical-Verhältnisse durchaus moderne und ausdrucksstarke Choreographien, bunte Kostüme und hochemotionale Darstellungen der Sänger - allen voran Jean in der Hauptrolle.

Zweiter Publikumsliebling des Abends ist Joachim Kaiser aus Udo Lindenbergs Panikorchester in der Rolle von Diries irischem Scheinehemann, der die Zuschauer mit großen und überraschenden Emotionen begeistert.

Vor der Premiere im Deutschen Theater war das Musical schon in St. Gallen in der Schweiz auf die Bühne gekommen. Zwei Wochen lang soll „Wüstenblume“ in München zu sehen sein, dann geht es auf Europa-Tournee.

„Die Zeiten ändern sich, auch im Musical“, hatte Fahrenkrog-Petersen bei der Vorstellung des Musical-Projektes betont - und mit Verweis auf Klassiker wie „Starlight Express“ oder „Cats“ hinzugefügt: „Die Ära der Rollschuh laufenden, singenden Katzen ist vorbei.“ Auch im Musiktheater wolle das Publikum inzwischen mehr: „Die Menschen sehnen sich nach Sinn, nach Inspiration, nach einem Bezug zur Realität auch im Entertainment.“