Kinokritik

"She Said": Harvey Weinstein hinter der Mauer des Schweigens

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Carey Mulligan (r) als Megan Twohey und Zoe Kazan als Jodi Kantor in einer Szene des Films "She Said".

Carey Mulligan (r) als Megan Twohey und Zoe Kazan als Jodi Kantor in einer Szene des Films "She Said".

Foto: JoJo Whilden / dpa

Regisseurin Maria Schrader trifft in ihrem Film stets den richtigen Ton – und zeigt, warum der Filmmogul so lange ungestraft davonkam.

Eine junge Frau spaziert mit ihrem Hund durch den Wald. Und findet sich in einer anderen Welt. Weil hier ein Historienfilm gedreht wird. Zu dieser Welt will sie auch gehören. Aber dann ein harter Schnitt: Dieselbe Frau rennt panisch vor etwas davon. Sie ist wirklich Teil der Filmwelt geworden, aber anders als gedacht. Der Traum wurde zum Albtraum. So beginnt dieser Film. Und es ist, das erfährt man bald, nur einer von vielen Fällen, die viel zu lang verschwiegen wurden.

Nachdem es mit „Bombshell“ bereits 2019 einen thematisch ähnlichen Film über die sexuellen Übergriffe des Fox-News-Chef Roger Ailes gab, kommt am Donnerstag der neue #MeToo-Film „She Said“ ins Kino, der den Fall Harvey Weinstein behandelt. Wobei die Filmindustrie hier gleich selbst zum Thema wird. Ein Film, den jeder sehen will, bei dem aber auch jeder genau zu wissen glaubt, wie er auszusehen hat. Weil es niemanden gibt, der zu dem Casus keine Meinung hat. Und weil es dazu auch schon zahlreiche Reportagen und Filmdokumentationen gibt.

Kino: Der Weinstein-Skandal, einer der heißesten Stoffe im Filmbusiness

Aber dieser Film rückt die Dimension dieses Traumas und blinden Flecks in der Traumfabrik in den Mittelpunkt. Es war einer der heißesten Stoffe im Filmbusiness. Aber auch einer, bei dem man sich die Finger hätte verbrennen können.

Deshalb hat man ihn wohlweislich an zwei Filmemacherinnen gegeben, die nichts mit dem Hollywoodsystem zu tun hatten: die britische Autorin Rebecca Lenkiewicz, die das Drama „Her Naked Skin“ schrieb sowie Drehbücher für Filme wie „Ida“ und „Colette“. Und die deutsche Regisseurin Maria Schrader, die in den USA für Aufsehen sorgte mit ihrer Netflix-Serie „Unorthodox“. Die spielte im jüdisch-ortho­doxen Viertel von New York. Und auch da schon hätte sich Schrader die Finger verbrennen können, bewies aber Fingerspitzengefühl, was die Darstellung einer ihr völlig fremden Welt anging.

Der Fall Harvey Weinstein zeigt exemplarisch das Missbrauchssystem

Die beiden Filmemacherinnen gingen den einzig richtigen Weg. Weil sie die Geschichte hinter der Geschichte erzählen: Wie zwei junge Investigativ-Reporterinnen der „New York Times“, Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan), recherchieren, für die Hollywood auch ein absolutes Neuland ist. Und die erst allmählich die Ausmaße und Tragweite und des Falls erkennen. Die quälend lange gegen eine Mauer des Schweigens ankämpfen. Und von traumatisierten Frauen immer mehr schreckliche Details erfahren – aber immer nur im Vertrauen, weil keine damit an die Öffentlichkeit gehen will. Ändert sich ja doch nichts.

Es ist dies eben nicht der Einzelfall Weinstein, der seine Position als allmächtiger Hollywoodmogul skrupellos ausnutzte, um Frauen zum Sex zu zwingen. Sondern, das macht die Geschichte so exemplarisch, um ein ganzes System, dass diesen Missbrauch geschützt hat. Die Frauen wurden dabei mundtot gemacht. Mit Schweigegeld. Oder mit Verleumdungen und Drohungen.

„She Said“ rollt das alles auf. Ganz nüchtern, sachlich, fast wie in einem Dokumentarfilm. Weinstein, der Täter, wird dabei nie konkret gezeigt. Nur am Ende ist er am Telefon zu hören, wenn er die Recherchen torpedieren will, und ganz zum Schluss ist er von hinten und weit weg zu sehen, als er mit einem Tross von Anwälten überraschend im Verlag auftaucht, um die Publikation noch zu verhindern.

"She Said" lässt die Opfer erzählen, statt Übergriffe zu zeigen

Es gibt auch keine Rückblenden, die die Übergriffe zeigen. Stattdessen erzählen die Opfer, was ihnen widerfahren ist. Aber wie sie dies tun, wie sie dabei stocken, mit den Tränen kämpfen, sich schämen und kaum überwinden können – das macht die Szenen nur umso eindringlicher. Es ist bemerkenswert, dass das Medium Kino, das doch sonst ganz auf die Emotionalisierung durch Bilder setzt, sich hier einmal ganz aufs Zuhören verlegt. Was ja schon im Titel programmatisch angelegt ist.

Zu den Aussagen gibt es dann höchstens Bilder von Hotels, in denen die Übergriffe passiert sind: lange, endlose Flure, das Bett in der Suite, der Morgenmantel darauf und Kleider, die am Boden liegen. Das Gesagte und das Gezeigte erzeugen ein Kopfkino, das vermutlich noch erschütternder und verstörender ist, als es jede Nachstellung leisten könnte.

"She Said" ist ein Denkmal für mutige Frauen

„She Said“ zeigt auch, unter welchem Druck die Journalistinnen stehen. Die beide jung sind und Beruf und Familie vereinen wollen. Megan Twohey hatte zuvor schon Investigativ-Reportagen über Donald Trump, dessen dubiose Deals und seine Übergriffe gegenüber Frauen geschrieben. Und dennoch wurde Trump Präsident. Und verhöhnte sie öffentlich. Sie war damals schwanger, wusste nicht, ob sie weitermachen wollte, und sicher nicht bei dem Thema. Bis Jodi Kantor bei ihr anrief und sie fragte, wie sie Frauen dazu gebracht habe, ihr Schweigen zu brechen. Der Beginn einer wunderbaren Kooperation.

„She Said“ ist ein Denkmal für all die Frauen, die den Mut hatten, ihre Geschichte öffentlich zu machen, die Weinstein-Opfer. Aber auch für die unbeugbaren Journalistinnen. Es ist zudem ein Recherche-Thriller, der die Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit des kritischen Journalismus feiert.

Nicht von ungefähr erinnert eine Szene, in der Carey Mulligan und Zoe Kazan in der Redaktion sitzen, an den Filmklassiker „Die Unbestechlichen“, in dem Dustin Hoffman als Carl Bernstein und Robert Redford als Bob Woodward die Watergate-Affäre aufdecken und Präsident Nixon zu Fall bringen.

Kino: Maria Schrader trifft mit "She Said" stets den richtigen Ton

Dass „She Said“ ein wichtiger, ein nötiger Film ist, war von vornherein klar. Dass er auch ein so guter und eindringlicher werden würde, der immer den richtigen Ton trifft, das konnte man allenfalls erhoffen. Die Ironie des Ganzen: Der Film wird wohl auch eine Rolle bei der Oscar-Verleihung spielen, die früher stets ein Heimspiel für Weinstein war. Der aber sitzt nun im Gefängnis. Und derzeit erneut als „degenerierter Vergewaltiger“ auf der Anklagebank. Die Gerichtsjury durfte übrigens nicht den Trailer zu „She Said“ schauen. Um nicht voreingenommen zu sein. Als ob es noch jemanden gäbe, der nicht vom Fall Weinstein gehört hätte.

„She Said“ 129 Min., ab 12 J., ab 8.12. im Abaton, in der Astor FilmLounge, im Holi, Passage, UCI Mundsburg + Othmarschen, Zeise