#MeToo-Film

Maria Schrader über "She said": „Druck war schon sehr hoch“

| Lesedauer: 11 Minuten
Peter Zander
Maria Schrader bei der Premiere von "She said" im Kino International in Berlin. Am Donnerstag stellt sie den Film in einem Hamburger Kino vor.

Maria Schrader bei der Premiere von "She said" im Kino International in Berlin. Am Donnerstag stellt sie den Film in einem Hamburger Kino vor.

Foto: AAPimages/Timm / picture alliance / AAPimages/Timm

Die Regisseurin stellt ihren US-Film in Hamburg vor. Im Abendblatt spricht sie über ihr Hollywood-Debüt – und über den Weinstein-Skandal.

Hamburg. Es war einer der heißesten Filmstoffe in Hollywood: der Skandal um die sexuellen Übergriffe des übermächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein, der die #MeToo-Debatte auslöste. Inszeniert wurde das mit den US-Stars Carey Mulligan und Zoe Kazan. Regie aber führte Maria Schrader, die auch als Schauspielerin im Film („Aimée und Jaguar“) und auf der Bühne (u. a. in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Schauspielhaus) große Erfolge feierte. Als Regisseurin hatte sich die 57-Jährige auch mit der Serie „Unorthodox“ empfohlen.

„She Said“ startet am Donnerstag in zahlreichen Hamburger Kinos. Maria Schrader stellt ihren Film an diesem Tag (20 Uhr) im Zeise in Ottensen vor.

Gratulation: „She Said“ ist Ihr Hollywood-Debüt. Wie sind die Amerikaner eigentlich auf Sie gekommen? Weil Ihre Serie „Unorthodox“ so große Beachtung fand? Oder suchte man explizit jemand von außen, der nichts mit Hollywood zu tun hatte?

Maria Schrader: Ich denke, „Unorthodox“ hat da schon den Ausschlag gegeben. Und ich denke, dass „Unorthodox“ mit „She Said“ auch eine Verwandtschaft hat. Jedenfalls hatte ich mit vielen Fragen, die ich mir bei „She Said“ stellte, auch schon bei „Unorthodox“ zu tun – wenn es um Abhängigkeiten, gesellschaftliche Hierarchien oder Sexualität ging. Und auch wenn es sich hier um einen großen Hollywoodfilm handelt, ist er doch auch eine intime und persönliche Erzählung. „Unorthodox“ war auf jeden Fall eine Visitenkarte. Dass ich aber maximal weit vom Hollywoodsystem entfernt bin, entsprach sicher auch dem Geist dieses Projekts.

Es war eins der heißesten Themen Hollywoods, bei dem man sich aber auch die Finger verbrennen konnte. Spürt man da einen besonderer Druck?

Maria Schrader: Ja, es ist eine wahre Geschichte, und wir wollten ihr gerecht werden. Von der Vorbereitung bis zur Postproduktion sind mir immer wieder Menschen begegnet, die ihre eigene Vorstellung davon hatten, wie dieser Film aussehen und was er alles beinhalten sollte. Weil halt fast jeder eine Beziehung zu der Geschichte hat. Das Tolle ist aber, dass unser Film ja erzählt, wie diese Geschichte überhaupt öffentlich wurde. Die Details und die akribischen Recherchen, davon haben ja die wenigsten eine Ahnung. Auch ich wusste nicht, wer Megan Twohey und Jodi Kantor, die Journalistinnen der „New York Times“, waren. Und auch sie hatten ja keine Beziehung zu Hollywood, als sie zu recherchieren begannen.

„She Said“ orientiert sich streng an deren Recherchen und ist nüchtern gehalten wie eine Reportage. War das die einzig richtige Art, ein solches Thema zu verfilmen?

Maria Schrader: Der Druck war natürlich hoch: Jede Figur im Film basiert auf einer echten Person. Die beiden Journalistinnen haben auch eingewilligt, den privaten Teil ihres Lebens während dieser Zeit in den Film zu integrieren. Und ebenfalls die betroffenen Frauen, die ihre Erlebnisse erst Jodi und Megan und dann auch uns Filmemachern anvertraut haben. Das ist schon eine enorme Verantwortung. Das macht dieses Projekt aber auch so besonders. Auch die „New York Times“ hat erstmals ihre Türen für einen Spielfilm geöffnet. Da wurde mir manchmal schon ein bisschen schwindlig. Aber am Ende ging es auch darum, sich nicht einschüchtern zu lassen. Der Faktenreport war unsere Basis. Meine Aufgabe war, das mit Emotionen zu füllen. Und da folge ich nach wie vor meinem Instinkt.

Es gibt in „She Said“ Szenen, bei denen man Angst hatte, das könnte voyeuristisch werden. War das gut und richtig, dass in diesem Fall Frauen verantwortlich waren?

Maria Schrader: Ich würde sagen, wir haben klare Entscheidungen getroffen, die Voyeurismus ausschließen. Und es herrschte Einigkeit unter uns Frauen, wie wir diesen Film machen wollen und wie nicht. Das hat sicher auch mit weiblichen Erfahrungen zu tun. Es war aber keine erklärte Politik, und es gab auch Männer im Team. Ich habe es aber sehr genossen, erstmals mit einer Kamerafrau zusammenzuarbeiten. Bei meinen früheren Regiearbeiten fand ich es fast essenziell, dass im Zentrum des Sets auch ein Mann ist. Bei meinem Stefan-Zweig- Film „Vor der Morgenröte“ spielten 70 Männer und nur vier Frauen mit. Da hatte ich den Eindruck, ich brauche an meiner Seite einen Mann, um ein Gleichgewicht herzustellen. Mit „She Said“ habe ich das das erste Mal anders gesehen.

Auch weil es da um eine nach wie vor sehr männerdominierte Arbeitswelt geht?

Maria Schrader: Journalismus im Film, das ist ja ein eigenes Genre. Man hat dort noch nie zwei Frauen im Zentrum gesehen. Rachel McAdams war in „Spotlight“ Teil eines Teams, aber all diese Filme sind männerdominiert. Das erfahre ich jetzt auch bei den Interviews, die ich gebe. Von den Journalisten sind kaum zehn Prozent Frauen. Es geht in „She Said“ um diese spezifische Missbrauchsrecherche, aber auch ums Frausein in einer männerdominierten Welt. Um Frauen, die ihren Beruf mit dem Familienleben verbinden müssen, die auch Kinder kriegen und sich um sie sorgen.

Gewalt und Missbrauch werden im Film nie gezeigt. Das wird nur geschildert – von den Frauen, die sie erleiden mussten. Das war vermutlich von Anfang an Ihre Prämisse?

Maria Schrader: Ja. Ich möchte keine Vergewaltigungsszenen bebildern. Wir haben außerdem entschieden, dass keine nackte Frau gezeigt wird, auch kein Opfer an einem Tatort. Es ist ein Gewinn, wenn man es schafft, in einer filmischen Erzählung Bilder zu implementieren, ohne sie zu zeigen. Das hat mich schon bei „Vor der Morgenröte“ sehr gereizt: Der Film handelt von Europa, ohne Europa zu zeigen. Ich erhoffe mir, dass auch in „She Said“ Bilder in den Köpfen der Zuschauer entstehen und vielleicht einen andern Nachhall haben als das direkte Abbild, so schockierend es auch wäre. Besonders bei Themen wie Gewalt und Sexualität braucht es in meinen Augen eine Klarheit, wie wir damit filmisch umgehen. Das war schon bei „Unorthodox“ so. Da ging es um dysfunktionale Sexualität, und ich wollte, dass die Szenen auf gar keinen Fall irgendeine erotischen Komponente für den Zuschauer haben könnten.

Harvey Weinstein selbst kommt im Film fast gar nicht persönlich vor. War auch das eine Prämisse: dass es eben nicht um den Täter geht, sondern um die Opfer und wie schwer es ist, ihre Geschichte zu offenbaren?

Maria Schrader: Wir haben uns daran gehalten, aus der Perspektive der Journalistinnen zu erzählen. Und die hatten eben nur ganz am Ende Kontakt mit ihm, erst in Pressekonferenzschaltungen und dann mit dem unerwarteten Besuch mit seiner kleinen Delegation im Verlagsgebäude. Es kam auch immer die Frage auf, wie genau man erklären muss, wer Weinstein eigentlich war, und ob man das bebildern muss. Da gab es lange und lebhafte Gespräche. Ich bin froh mit dem Endergebnis, was wir zeigen und was nicht. Es war auch wichtig, verständlich zu machen, wieso er plötzlich so ein Repräsentant für Machtmissbrauch wurde. Was dazu führte, dass dieser Artikel überhaupt diesen gesellschaftlichen Ruck nach sich zog. Es ist aber genauso wichtig, klarzumachen, dass dies nur eine von unzähligen Geschichten ist, in denen Machtmissbrauch von hierarchischen Systemen gedeckt und ermöglicht wird.

#MeToo hat eine längst überfällige Diskussion in der Gesellschaft ausgelöst. Dennoch findet sie fast nur im kulturellen Bereich statt. Werden wir künftig über solche Fälle auch in anderen Branchen sprechen?

Maria Schrader: Der Begriff „Sexual Harassment“ wurde erst durch #MeToo weltweit bekannt und neu definiert. Wir sprechen darüber, und die Debatte findet in der Öffentlichkeit und nicht nur unter Kulturschaffenden statt. Das ist schon mal ein Anfang. Aber Sie haben recht, es sind vor allem Fälle aus der Entertainment-Industrie, über die wir reden. Weil diese Stimmen eben populär sind und auch gehört werden. Man darf aber nicht vergessen, dass es in vielen Bundesstaaten der USA bereits zu Gesetzesänderungen kam, dass es Policy-Änderungen im Workplace-Handling von Firmen gibt, nicht nur in Amerika. Ich würde schon sagen, dass da eine gesellschaftliche Veränderung im Gange ist. Trotzdem liegt noch eine ordentliche Strecke Weg vor uns.

Haben Sie nach Ihrem Hollywooddebüt Blut geleckt? Gibt es schon weitere Offerten aus den USA? Drohen Sie dem deutschen Film verloren zu gehen?

Maria Schrader: Der erste Film, den ich allein inszeniert habe, „Liebesleben“, wurde in Israel auf Englisch gedreht. Der zweite Film wurde in Afrika und Lissabon gedreht, spielte auch in New York. Und „Unorthodox“ spielte zu großen Teilen im jüdisch-orthodoxen Viertel von New York. Ich habe mich immer schon für Themen interessiert, die verschiedene Nationalitäten vereinen, für Geschichten, die sich nicht auf Deutschland begrenzen. Es ist ein großer Luxus, in verschiedene Länder zu reisen und dort arbeiten zu können. Ich habe noch keine Ahnung, was mein nächstes Projekt ist. Aber ich habe mich noch nie als Besitz von Deutschland empfunden, dem ich jetzt verloren gehen könnte.

Müssen Sie sich jetzt schon auf den Oscar-Rummel einstellen? Wirft der womöglich auch schon seine Schatten voraus?

Maria Schrader: Ich lerne gerade, dass der Oscar in den USA keine Trophäe ist, die man am Ende für einen Film gewinnt. Er scheint ein Tool zu sein für die Vermarktung von Filmen. Das ist mir alles neu. Aber ich bin im Moment damit beschäftigt, den Film auch in anderen Ländern zu bewerben. Ich nehme an verschiedenen Vorführungen und Diskussionen teil. Ich möchte, dass er gesehen wird. Alles darüber hinaus – da bin ich dann doch Europäerin – ist ein großes Spiel.