Interview

Mary Roos, die „Helene Fischer der Bronzezeit“

| Lesedauer: 10 Minuten
Lars Haider
Mary Roos spricht im Abendblatt-Interview unter anderem über ihr neues Buch.

Mary Roos spricht im Abendblatt-Interview unter anderem über ihr neues Buch.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Der Hamburger Schlagerstar spricht über seine Ehe(n), einen Flop beim Grand Prix, über die Karriere – und über die echte Helene Fischer.

Hamburg. Für den NDR ist sie „eine Ikone“, für Kabarettist Wolfgang Trepper die „Helene Fischer aus der Bronzezeit“. Unbestritten ist Mary Roos sie seit kurzem Bestsellerautorin: Die Sängerin hat zusammen mit Pe Werner ein Buch über ihr „liederliches Leben“ geschrieben, über das sie in unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ spricht. Es geht um Gottlieb Wendehals, Pierre Cardin, Johannes Strate – und um die echte Helene Fischer.

Das sagt Mary Roos über…

… das Leben, das erst mit 40 Jahren richtig beginnt:

„Man weiß, was man nicht will. Man weiß, dass man nicht der Nabel der Welt ist und trotzdem sehr viel Spaß und Erfolg haben kann. Man kann sich auf das konzentrieren, was für einen wichtig ist. Das Leben ist so bunt, man kann so viele verschiedene Sachen machen, aber all das wird einem eigentlich erst jenseits des 40. Geburtstages klar. Je weniger man will, desto mehr passiert, zumindest war und ist das bei mir so.“

… ihre erste Hochzeit mit Pierre Scardin:

„Alle haben damals gedacht, dass ich Pierre Cardin geheiratet habe, den Modeschöpfer. Ich hatte noch nie so viele Freundinnen, das Telefon klingelte ununterbrochen ... Mein erster Mann ist immer noch so ein Lieblingsmensch von mir. Man weiß wahrscheinlich erst am Ende des Lebens, wen man wirklich geliebt hat.“

… ihre zweite Ehe mit Werner Böhm, der als Gottlieb Wendehals eine große Karriere machte:

„Das war ein Naturereignis. Ich, die guterzogene Tochter, mit einem Menschen, der gern im kompletten Chaos und im Hier und Jetzt lebte und überhaupt nicht mit Geld umgehen konnte. Ich war mal bei einem Auftritt von ihm, bei der er das ganze Publikum zum Bier eingeladen hatte, 3000 Leute. Da können Sie sich vorstellen, was von der Gage übrig geblieben ist. Ich fand Werner als Menschen wahnsinnig interessant, weil er so unglaublich lebendig und positiv war, und ich hätte spätestens bei der Hochzeit wissen müssen, was da auf mich zukommt, weil die Trauzeugen Mike Krüger und Karl Dall waren. Selbst, wenn es mal nicht so gut lief, sagte Werner: Wartet nur ab, im nächsten Jahr werde ich einen Erfolg haben, den ihr euch nicht vorstellen könnt. Später sind dann Sachen passiert, bei denen ich mich heute frage, warum ich trotzdem bei ihm geblieben bin. Aber wenn man liebt, glaubt man halt immer, dass es irgendwie doch noch gut wird. Und außerdem bin ich ein Mensch, der sehr gut verzeihen kann.“

… ihren Sohn Julian:

„Er hat sehr viel von seinem Vater, vor allem den Charme. Er ist ein sehr großgewachsener junger Mann, und wenn der in einen Raum reinkommt, ist es wie bei Werner: die Leute gucken.“

… ihren großen Hit „Aufrecht geh’n“, der beim Grand Prix floppte:

„Es gibt natürlich eine Geschichte dazu, warum ich mit diesem Lied, das bis heute mein bekanntestes ist, beim Grand Prix nur auf Platz 13 gekommen bin. Ich bin am Tag des Finales von meinem Büro angerufen worden, dass ich mich dringend unter einer Telefonnummer in Deutschland melden solle, es wäre sehr, sehr wichtig. Ich habe da angerufen, und am anderen Ende der Leitung war eine Frau, die mir erklärte, ein Kind von meinem Mann, von Werner Böhm zu bekommen. Das war ein Schlag, ich hätte eigentlich gar nicht auftreten können – ich habe das Lied gesungen, als wäre ich ein Roboter. Ich habe mir diesen Auftritt erst vor zwei Jahren das erste Mal angesehen, ich sah aus wie eine Marionette.“

… ihren Auftritt in der TV-Show „Sing meinen Song“ zusammen mit Johannes Strate von der Hamburger Band Revolverheld:

„Eigentlich dürfen sich die Teilnehmer an der Sendung vor der Aufzeichnung nicht treffen, aber weil wir beide in Hamburg leben, haben Johannes Strate und ich uns mal heimlich in einem Café zusammengesetzt. Um dann bei dem Flug nach Südafrika, wo die Sendung produziert wurde, festzustellen, dass man für uns im Flugzeug zwei Sitze gebucht hatte, die direkt nebeneinander lagen. ... Ich habe übrigens damals „Spinner“ von Revolverheld gesungen, das Lied passt auch zu mir.“

… Wolfgang Trepper und ihre Ankündigung als „Helene Fischer aus der Bronzezeit“:

„Als ich Wolfgang Trepper das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Mit dem würde ich gern ein gemeinsames Programm machen, der hat genau meinen Humor. Und ihm ging das anscheinend genauso, er hat auf jeden Fall sofort Ja gesagt, als ich ihn gefragt habe. Und ich weiß noch, wie ich ihn eine Woche vor unserem ersten gemeinsamen Auftritt angerufen und gefragt habe, wo denn das Buch sei, in dem steht, wer was machen soll. Er hat mir dann ein DIN-A4-Blatt geschickt, auf dem stand, was er alles sagen und tun würde. Auf meine Frage, was ich machen soll, sagte er nur: „Das ist Ihr Problem.“ Und bei der ersten Vorstellung hat er mich wirklich als die Helene Fischer aus der Bronzezeit angekündigt. Ich dachte, ich falle aus meinen Schuhen raus, und tatsächlich haben einige meiner Fans die Vorstellung in der Pause verlassen. Inzwischen freue ich mich auf jeden Abend, weil man nie weiß, was dem Kerl wieder einfällt. Ich finde es so wunderbar, dass eine Frau in meinem Alter, ich bin jetzt 73, solche Sachen machen darf wie „Noch mehr Koks, noch mehr Nutten, scheiß auf die Erdbeeren“, so heißt unser aktuelles zweites Programm, das wir noch weit bis ins nächste Jahr spielen. Insgesamt hatten Wolfgang und ich mit unserer Show bisher rund 220.000 Zuschauer.“

… die Frage, warum sie mit dem Singen endgültig aufhören will, wenn die aktuelle Tournee mit Wolfgang Trepper beendet ist:

„Ich höre auf, weil ich denke, dass nichts Schöneres mehr nachkommen kann. Ich habe in Frankreich Theater gespielt, ich war zweimal beim Grand Prix, ich war in der Muppet Show und bei ,Sing meinen Song’, und ich habe zusammen mit Pe Werner ein Buch geschrieben, das auf die ,Spiegel’-Bestsellerliste gekommen ist. Jetzt will ich einmal all diese Städte ganz in Ruhe sehen, in denen ich in meinem Leben aufgetreten bin, von denen ich aber nur die Theater oder Konzertsäle kenne.“

… Helene Fischer:

„Sie ist ein Superstar, und das zu Recht. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, habe ich gedacht: Boah, was ist das für ein Talent, von der werden wir noch sehr viel hören. Sie ist trotz des Erfolges sehr normal und natürlich geblieben, eine wunderschöne, kluge Frau, die singen kann wie keine andere.“

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„… und die Zuschauer lachten sich schlapp“

„Applaus für eine Frau, die man sonst nur bei den Körperwelten zu sehen bekommt“ – wie Mary Roos in ihrem Buch „Aufrecht geh’n. Mein liederliches Leben“ das besondere Verhältnis zu Wolfgang Trepper beschreibt ...

„Wer auf die Idee kommt, in einem Bühnenprogramm mitzuwirken, dass ,Nutten, Koks und frische Erdbeeren’ heißt, ist entweder bekloppt oder hat nichts mehr zu verlieren. Beides trifft auf mich zu. Als ich Trepper den Antrag auf gemeinsame Sache gemacht hatte, ahnte ich nicht, was auch mich zukam. Mit der Premiere hatte ich den Salat. (…) Am Premierenabend stand ich hinter der Bühne, hörte Wolfgangs Anfangsmoderation durch den Vorhang und traute meinen Ohren kaum. Er eröffnete dem Publikum, er sei hier nur der Pausenclown, gleich aber würde die alte Schachtel auf die Bühne rausgeschoben werden, die sich freue, mal als aus dem Heim rauszukommen. Man solle bitte jubeln und begeisterten Lärm machen, denn die Alte höre auch nicht mehr so gut.

Mir blieb kurz die Spucke weg. Wo sollte das hinführen? Schließlich bat Trepper um Applaus für die Frau, die man sonst nur noch gegen Eintrittsgeld bei ‚Körperwelten‘ sehen könne. Damit war wohl ich gemeint, also nix wie raus auf die Bühne. Das Publikum empfing mich mit frenetischem Applaus. Ich sang ,Wie lange woll’n Sie das noch machen‘ und nahm danach neben Wolfgang in der arrangierten Bühnensitzecke Platz, wo er nicht müde wurde, mich weiter unflätig anzupflaumen. Ich solle mal was trinken, darauf müssten alte Leute achten. Außerdem forderte er mich lautstark auf, mich für den nächsten Song schleunigst umzuziehen. Das Kleid sei wohl von der Schornsteinfegerinnung Norderstedt gestiftet worden, und so weiter und so weiter, und ich guckte und guckte und guckte, und die Zuschauer lachten sich schlapp.“