Schauspielhaus Hamburg

Macbeth: „Warum starrt ihr mich alle so an?"

| Lesedauer: 6 Minuten
Der Schottenkönig „Macbeth“ (furios: Kristof Van Boven) und seine dämonischen Wiedergängerinnen.

Der Schottenkönig „Macbeth“ (furios: Kristof Van Boven) und seine dämonischen Wiedergängerinnen.

Foto: Lalo Jodlbauer

Blut, überall Blut: Karin Henkel zeigt ein Konzentrat des zerrissenen Shakespeare-Tyrannen am Schauspielhaus in Hamburg.

Hamburg.  Keine Hexen weit und breit. Keine schottische Heide, kein „Regen, Donner, Wetterstrahl“ zum Auftakt – obwohl, letzteres vielleicht doch: Lange weiße Papiergirlanden baumeln von oben, ein ästhetischer Wald aus blasser Faltkunst (Bühnenbild: Katrin Brack), die sich beim Auf und Ab faszinierend zusammenfalzt, schließlich geisterhaft hinauf in den Schnürboden verschwindet und in der enormen schwarzen Leere der Schauspielhaus-Bühne, diesem „open space, filled with nothing but dark, bloody fantasy“, eine orientierungslose, halbnackte Kreatur hinterlässt. Macbeth.

Theater Hamburg: Furiose Macbeth-Darstellung am Schauspielhaus

Nicht der Kriegsheld, der er bei Shakespeare anfangs noch sein darf, wenn ihm seine vermeintlich goldene Karriere vorhergesagt wird, sondern eine hier längst gebrochene Gestalt. Ein Häufchen Mensch, das zudem mit der Ausgestelltheit der Bühnensituation hadert, indem es sie als solche offenlegt und direkt das Publikum anblafft: „Warum starrt ihr mich alle so an? Das macht mich furchtbar nervös!“

Mit „Richard the Kid & the King“ verantwortete Karin Henkel schon den letzten Shakespeare-Blockbuster am Haus, Lina Beckmann hat für ihre furiose Darstellung nahezu alle verfügbaren Schauspielpreise eingeheimst. Nun also der nächste Bösewicht im Tyrannen-Portfolio, und auch wenn das hier natürlich kein Wettbewerb der Regisseurin mit sich selbst ist: Die Latte liegt ziemlich hoch.

Es bleibt eine auf gut zwei Stunden eingekochte Macbeth-Essenz

Und Henkel tut, was schon bei Richard so richtig war: Sie vertraut ihrem Schauspieler, hier ist es der ähnlich glühende Kristof Van Boven, und sie konzentriert sich auf die zentrale Figur. Schwarz-weiß, minimalistisch, obwohl die Bühne zwischenzeitlich ganz schön bevölkert wird. Jeden übersinnlichen Zinnober lassen die Regisseurin und ihr Dramaturg Roland Koberg weg, streichen großzügig Rollen und Szenen und sogar Motive, so dass eine auf gut zwei Stunden (plus eine überflüssige Pause) intensiv eingekochte Macbeth-Essenz bleibt.

In der kommt dieser Macbeth von Beginn an alles andere als selbstherrlich daher, ein nervliches Wrack, überreizt, krampfend und fiebrig: „Wie bin ich hierher gekommen?“ fragt Kristof van Boven und starrt auf seine roten Hände, die Tat ist bereits geschehen. „Blut, überall Blut.“ Der Schotte zieht seinen Rock über – nicht kariert, sondern trauerschwarz –, weiße Bluse, schwarze Schleife.

Theater Hamburg: Macbeth schafft seinen Untergang allein

Eine Art genderfluide Unschuldsengel-Uniform kommt dabei heraus (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) und im übrigen das erste Zeichen für eine wesentliche Entscheidung Henkels: Dieser Extremist ist das Killerpärchen Macbeth und seine ambitionierte Lady in Personalunion. Eine Einflüsterin und Aufpeitscherin von außen ist gar nicht notwendig, Macbeth schafft seinen Untergang ganz allein. Er sägt – buchstäblich – am eigenen Stuhl, der Thron wackelt von Beginn an. Auch den Waschzwang seiner Lady übernimmt Macbeth selbst, bloß werden die Hände an den roten Farbtöpfen immer blutiger, da nützt alles Schrubben wenig.

Die Stimmen in seinem Kopf werden sichtbar gemacht durch einen ganzen Reigen kleiner Quasi-Doppelgängerinnen mit glänzend schwarzen Pulp-Fiction-Pagenköpfen. Eine dämonische Schulmädchen-Armee, die sich Glitzerpappkrönchen bastelt und wieder und wieder die Prophezeiung im (von Alexander Weise punktgenau gearbeiteten) Kinder-Sprechchor wiederholt: „Macbeth, König von Schottland, Macbeth, König von Schottland...“

Ein herrlich schauerlicher Mini-Me-Effekt, ergänzt noch um zwei weitere „weird sisters“, die kraftvoll-drastische Kate Strong und die ätherischere, bisweilen etwas unterspannte Angelika Richter, in denen ebenfalls Teile der Lady und der Hexen zu etwas Neuem verschmelzen.

Macbeth-Darstellung: Keine Anspielungen aufs aktuelle Weltgeschehen

Sie kommentieren das Geschehen süffisant in einem Mix aus Englisch und Deutsch und treiben es zugleich handfest voran: „Nobody gives a shit about your feelings. Move on!“, wird dem weinerlichen Macbeth da mit schneidend spöttischer Stimme beschieden, keinen interessiert dessen Gefühlswelt. Zumal die, so kennt man es von handelsüblichen Despoten, durch Minderwertigkeitskomplexe, Realitätsverweigerung, eigene Kränkung und Angst bestimmt ist, und gerade deshalb umso gefährlicher.

Henkel aber macht gar keine Anspielungen aufs aktuelle Weltgeschehen, obgleich sich auch da beobachten ließe, wie Brutalität mit zunehmender persönlicher Skurrilität einhergeht. Sie lässt stattdessen mit den Ebenen spielen, immer wieder wird daran erinnert, dass man sich im Theater befindet und der jammernde Schurke („Don’t look at me!“) hier schon was bieten muss fürs hart verdiente Eintrittsgeld: „They paid hard earned money to see you play!“

Macbeth-Darstellung weist auf Faible zu Splatter hin

Das ist originell, hat aber andererseits zur Folge, dass man etwas gebremst zuschaut, emotional stellenweise seltsam unbeteiligt bleibt, während die papiernen Stalaktiten unermüdlich auf und nieder fahren. Und auch wenn das zum Teil etwas beliebig anmutet, entfalten sie doch in der Bewegung ihren poetischen Reiz: Manchmal ist es, als atme dadurch die Szenerie, als habe sie eine weitere Dimension, die ins Wanken gerät und schwindeln lässt, während in Macbeths Terrorregime das Blut eimerweise vergossen wird.

Ein gewisses Faible für anständiges Splatter hat Karin Henkel ganz offensichtlich, da wird schonmal umstandslos ein ganzer Kopf mit der Motorsäge abgetrennt und in eine Plastiktüte verfrachtet. Während Jan-Peter Kampwirth (der ein eigentlich etwas albernes Solo als besoffener Pförtner doch irgendwie famos ausreizt), Michael Weber und der restlos blutbesudelte Lars Rudolph dem neuen König nurmehr hilflos beim Durchdrehen zuschauen können, steht Kristof Van Boven über die gesamte Strecke unter Strom und zeigt großes Körpertheater.

Wie im Flipperautomaten knallt er zwischen den Extremen hin und her, getrieben, dünnhäutig, zerrissen und böse. Was für ein Ritt.Vom Großteil des Premierenpublikums wird dieser „Macbeth“, insbesondere aber Van Boven, dafür heftig bejubelt.

„Macbeth“ Deutsches Schauspielhaus (Kirchenallee), wieder am 13. Oktober, 12. November und 20. Dezember, jew. 19.30 Uhr, Karten zu 9-53 Euro unter T. 248713 und www.schauspielhaus.de