Filmkritik

Der „Spiegel“-Skandal als hintergründiger Kino-Spaß

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Zander
Jonas Nay als Claas Relotius, der im Film Lars Bogenius heißt.

Jonas Nay als Claas Relotius, der im Film Lars Bogenius heißt.

Foto: Marco Nagel / dpa

Mit „Tausend Zeilen“ ist Michael „Bully“ Herbig eine großartige Mediensatire über den Fall Claas Relotius gelungen.

Hamburg. Der Fall Claas Relotius hat den deutschen Journalismus erschüttert und seinen Ruf nachhaltig beschädigt. Denn über Jahre hat der „Spiegel“-Redakteur Reportagen größtenteils erfunden. Und wurde dafür auch noch ausgezeichnet. Bis seine Vorgehensweise doch aufflog. Ein Medienskandal erster Güte. Und Wasser auf den Mühlen jener, die gern pauschal über die „Lügenpresse“ herziehen. Der Stoff, den sich keiner auszudenken gewagt hätte, schrie förmlich nach einer Verfilmung. Und nur vier Jahre danach kommt sie nun auch: „Tausend Zeilen“ von Michael „Bully“ Herbig.

Mit seiner „Bully-Parade“ und seinem „Schuh des Manitu“ galt Herbig lange als Vertreter des derben Klamauks. Bully eben. Mit seinem ersten ernsten Drama „Ballon“ über eine spektakuläre Flucht aus der DDR hat er aber bewiesen, dass er auch andere Töne beherrscht. Nun wagt er sich an eine Mediensatire. Da muss man sofort an Helmut Dietl denken, der vor 30 Jahren den anderen großen Medienskandal, um die gefälschten Hitler-Tagebücher im „Stern“, in seinem Klassiker „Schtonk!“ herrlich auf die Schippe nahm. Herbig hat in Dietls letztem Film „Zettel“ die Hauptrolle gespielt. Nun wandelt er auch als Satiriker auf dessen Pfaden. Und das gelingt ihm bravourös.

Der Fall Relotius: Die Figuren im Film erhalten andere Namen

Denn da es in diesem Fall um das Spiel mit Realität und Fantasie geht, erzählt er das auch filmisch so. Dafür nimmt er sich dramaturgische Freiheiten. Weshalb die Figuren andere Namen erhalten. Claas Relotius heißt hier Lars Bogenius. Und Juan Moreno, der ihm auf die Schliche kam (und auf dessen Buch „Tausend Zeilen Lüge“ der Film basiert), Juan Romero. Schon das ein Spiel mit einigen Buchstaben und Vokalen.

Unterschiedlicher könnten Karrieren nicht aussehen. Bogenius (Jonas Nay) ist ein Starschreiber, der von Europas größtem Nachrichtenmagazin hofiert, zu immer neuen Sensationsreportagen gedrängt und dafür mit Preisen überhäuft wird. Romero (Elyas M’Barek) dagegen muss als freier Mitarbeiter seine junge Familie ernähren und um jeden seiner Aufträge kämpfen. Für die recherchiert er über Monate akribisch, reist quer durch die Welt und reiht sich zum Beispiel in glühender Hitze in einen Flüchtlingsstrom an der mexikanischen Grenze ein, um Stimmungen einzufangen. Bogenius dagegen schreibt cool am Pool und will in kürzester Zeit das Vertrauen einer texanischen Miliz an der Grenze zu Mexiko gewonnen haben. Romero soll sich seine Story deshalb mit der Edelfeder teilen, soll ihm zuarbeiten. Und stellt dessen Arbeit, die einfach zu gut ist, um wahr zu sein, in Frage.

Die Szenerie friert ein: Da hält auch der Film den Atem an

Herbigs Film tut das ganz sprichwörtlich. Er stellt Bogenius’ Sensationsstory als reale Szene nach, dann aber stapft Romero skeptisch in diese Bilder hinein, und die Szenerie friert ein. Da hält auch der Film den Atem an.

Doch noch will keiner dem freien Mitarbeiter glauben. Der Ressortleiter und der stellvertretende Chefredakteur (hinreißend überzogen gespielt von Michael Maertens und Jörg Hartmann) sind viel zu karrieregeil, um ihr zugkräftigstes Pferd zu hinterfragen. Aber Bogenius wittert den Gegner, versucht ihn nun seinerseits anzuschwärzen. Und spricht auch direkt in die Kamera – also zum Zuschauer. Versucht ihn auf seine Seite zu ziehen. Und faselt etwas von „emotionaler Wahrheit“. Fakten könne schließlich jeder.

Der Fall Relotius: Es geht auch um Fake News, Manipulation und Leichtgläubigkeit

Wie bei einer Wahl buhlen hier zwei Parteien um die Stimme der Öffentlichkeit. Ein Kniff, den Herbig mehrfach, aber doch wohldosiert anwendet. Und mit der er auch das große Manko für seinen Film überwindet: Relotius und Moreno sind sich nie begegnet. Hier aber treten sie in einem virtuellen Kampf gegeneinander an. Bis Herbig sie auch, ein einziges Mal, aufeinandertreffen lässt. So viel Freiheit muss schon sein. Fakten kann ja jeder.

Herbig überrascht als Regisseur einmal mehr. Durch seine Stilsicherheit und den Einsatz kongenialer Erzähltechniken. Sein „Tausend Zeilen“ ist nicht nur ein Film über den Relotius-Skandal und den Moralkodex der Presse. Es geht auch um Fake News, Manipulation der öffentlichen Meinung – und über die Leichtgläubigkeit von uns allen.

„Tausend Zeilen“ 93 Minuten, ab 12 Jahren, läuft in der Astor FilmLounge, im Blankeneser, Hansa, Holi, Koralle, Passage, Zeise, in den Cinemaxx- und UCI-Kinos