Schwere Vorwürfe

NDR: Interner Bericht hat nun personelle Konsequenzen

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Zwei NDR-Journalisten haben für den internen Prüfbericht mehr als 60 Gespräche mit Mitarbeitern des Kieler Landesfunkhauses geführt.

Zwei NDR-Journalisten haben für den internen Prüfbericht mehr als 60 Gespräche mit Mitarbeitern des Kieler Landesfunkhauses geführt.

Foto: Axel Heimken / dpa

Schwere Fehler und Versäumnisse festgestellt. Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen informierte am Mittwoch über Veränderungen.

Kiel. Nachdem am Dienstag beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) Ergebnisse einer internen Untersuchung um Vorwürfe an das Landesfunkhaus vorgestellt wurden, gab es nun personelle Konsequenzen. Über diese informierte Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen am Mittwoch am Standort in Schleswig-Holstein. Demnach werden der Kieler Chefredakteur Norbert Lorentzen und Redaktionsleiterin Julia Stein ihre bisherigen Aufgaben nicht weiter fortführen.

„Ich danke Norbert Lorentzen und Julia Stein für ihre hervorragende journalistische Arbeit", teilte Thormählen mit. "Wegen des verloren gegangenen Vertrauens habe ich beiden heute früh mitgeteilt, dass ich nicht weiter mit ihnen zusammenarbeiten werde. Ich werde mich mit Unterstützung der Geschäftsleitung darum kümmern, dass beide neue Aufgaben außerhalb des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein erhalten werden.“

NDR: Interner Bericht – es wurden schwere Fehler festgestellt

Nach Angaben des NDR hatte Intendant Joachim Knuth Volker Thormählen zuvor darum gebeten, seine Arbeit als Direktor nach Beendigung des unbezahlten Urlaubs wieder aufzunehmen und zu skizzieren, wie er die identifizierten Probleme in Teilbereichen des Landesfunkhauses in den Griff bekommen will.

Der interne Aufarbeitungsbericht beim NDR sieht den Vorwurf gegen Sender-Führungskräfte in Kiel im Zusammenhang mit einer möglichen Einflussnahme auf die politische Berichterstattung zwar nicht bestätigt. Gleichwohl wurden teils schwere Fehler und Versäumnisse festgestellt. Vor allem im Fernsehbereich gebe es Probleme bei Strukturen und Führung.

NDR-Landesfunkhausdirektor: "Mehr Druck oder gar Angst darf nicht sein"

Als wesentliches Problem habe die Prüfung ein „Redaktionsklima“ identifiziert, das „in Teilen von mangelnder Kommunikation und fehlendem Vertrauen“ geprägt sei. „Heute weiß ich – es hat in Teilen eine Kultur geherrscht, die nicht akzeptabel ist, die mit meinen Prinzipien nicht vereinbar ist und gegen die ich hätte früher vorgehen müssen", so Thormählen. "Unsere Berufe sind fordernd, sie bringen ohnehin genügend Druck mit sich – Zeitdruck in der Aktualität, vor allem aber Qualitätsdruck. Mehr Druck oder gar Angst darf nicht sein.“

Der strukturelle und kulturelle Neuanfang im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein soll nun "unverzüglich" beginnen – bereits ab Donnerstag sollen es dafür intern die ersten Gesprächsrunden geben.

NDR: Bericht zu schweren Vorwürfen liegt vor

Zuletzt hatten Berichte über eine angebliche Beeinflussung der politischen Berichterstattung im Landesfunkhaus in Kiel für Aufsehen gesorgt. Es ging dabei unter anderem um den Vorwurf einer Einflussnahme von Funkhausvorgesetzten auf eine Recherche über sogenannte Verschickungskinder des Roten Kreuzes und ein abgesagtes Interview mit dem ehemaligen Landesinnenminister Hans-Joachim Grote vor rund zwei Jahren.

„Belege für einen 'politischen Filter' konnten wir im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein nicht finden“, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Bericht. „Wir sehen einzelne tagesaktuelle Entscheidungen kritisch, aber für einen solch massiven Vorwurf müsste die Berichterstattung des Landesfunkhauses über einen längeren Zeitraum systematisch ausgewertet werden. Das war in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich.“

Vorsitzende des Rundfunkrats hofft auf externe Untersuchung

Die Vorsitzende des Landesrundfunkrats Schleswig-Holstein, Laura Pooth, sagte in einer ersten Stellungnahme: „Es ist ein wichtiger Schritt, dass erste Ergebnisse vorliegen“. Die Mitglieder des Landesrundfunkrats würden sich den Bericht nun im Detail ansehen. „Das Gremium nimmt allerdings mit Sorge zur Kenntnis, dass das Arbeitsklima in Teilen des Funkhauses stark gestört ist“, so Pooth. „Zwar konnten die beiden prüfenden Journalisten keine Belege für einen 'politischen Filter' finden, gleichzeitig stellten sie aber fest, dass der pauschale Vorwurf in einer genaueren Analyse der Berichterstattung der vergangenen Jahre vertiefend untersucht werden müsse.“

In diesem Zusammenhang komme der anstehenden Untersuchung des Prüf- und Beratungsunternehmens Deloitte eine besondere Bedeutung zu. „Gerade vor diesem Hintergrund halte ich einen Blick von außen und eine umfassende externe Analyse nach wie vor für sehr wichtig und geboten, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen.“

NDR-Prüfer führten mehr als 60 persönliche Gespräche

Die interne Prüfung durch ein Journalistenteam des NDR ist lediglich ein Teil der Aufarbeitung des Falls. Der für den schleswig-holsteinischen NDR zuständige Landesrundfunkrat hatte zudem die externe Untersuchung in Auftrag gegeben. Das NDR-Prüfteam führte nach eigenen Angaben in den vergangenen Wochen mehr als 60 persönliche Gespräche mit Beteiligten, außerdem gab es telefonische Befragungen und Videoschalten. Auch sechs schriftliche Stellungnahmen wurden ausgewertet.

In dem 43 Seiten starken Bericht zur internen Aufarbeitung, die der NDR selbst angeschoben und Journalisten damit beauftragt hatte, beschreiben die Autoren zugleich „schwere Verwerfungen“ im Landesfunkhaus in Kiel. Die Führungsstruktur sei sehr hierarchisch gewesen, es sei wenig diskutiert oder erklärt worden. Es wird unter anderem empfohlen: „Es muss genauer als bisher hingeschaut werden, ob Führungsgrundsätze im NDR eingehalten werden, in allen Bereichen des NDR und auch in den Landesfunkhäusern.“

Bei den konkreten Empfehlungen der Prüfberichtsautoren ist auch die Rede von grundlegenden Veränderungen. „Der NDR braucht einen Kulturwandel im Führungsverständnis, weg von strenghierarchischen Prinzipien hin zu mehr Transparenz und gemeinschaftlicher Diskussion.“ Auch die interne und externe Kommunikation wird angeprangert. „Der NDR braucht ein verbessertes System der Krisenkommunikation und muss an der Schnittstelle Unternehmenskommunikation/Redaktionen neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln.“

NDR: Personelle Konsequenzen aufgrund der Vorwürfe

Der Fall führte bereits zu personellen Konsequenzen: Der Kieler Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen hat unbezahlten Urlaub genommen. Der Chefredakteur in Kiel, Norbert Lorentzen, und die Politik-Verantwortliche Julia Stein hatten darum gebeten, sie bis auf Weiteres von ihren bisherigen Aufgaben zu entbinden.

Zudem haben rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer E-Mail an Intendant Joachim Knuth ihrer Führungsspitze das Vertrauen entzogen. Eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ könne man sich „nicht mehr vorstellen“.

NDR: Vorwürfe auch gegen Chefin des Landesfunkhauses Hamburg

Der Standort Kiel ist nicht der einzige, der den öffentlich-rechtlichen ARD-Sender derzeit stark beschäftigt. Auch in Hamburg gibt es Vorwürfe gegen die dortige Landesfunkhausdirektorin.

Hintergrund ist ein Bericht des Online-Mediums „Business Insider“. Er warf die Frage auf, ob Direktorin Sabine Rossbach ihren Job dafür genutzt haben könnte, Familienmitgliedern Vorteile zu verschaffen, was zum Teil auch das Programm betroffen haben könnte. Rossbach und der Sender hatten dies zurückgewiesen. Zugleich hatte der NDR bekannt gemacht, dass ein Aspekt Gegenstand einer Prüfung durch die Anti-Korruptionsbeauftragte des Senders sei. Rossbach lässt vorerst ihre Tätigkeit ruhen.

( HA )