Filmlegende

Trauer um Jean-Luc Godard, die Legende der Nouvelle Vague

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Volker Behrens
Jean-Luc Godard starb im Alter von 91 Jahren.

Jean-Luc Godard starb im Alter von 91 Jahren.

Foto: Christof Schuerpf / dpa

Der nachhaltig einflussreiche französische Filmemacher starb mit 91 Jahren. Mit einer Hollywood-Karriere klappte es nie.

Hamburg.  Im Film „Außer Atem“, den Jean-Luc Godard 1960 nach einem Szenario von François Truffaut inszenierte, sagt Patricia, die von der zauberhaften Jean Seberg gespielt wird: „Hätte ich mich zu entscheiden zwischen dem Leiden und dem Nichts, ich entschiede mich für das Leiden. Und du? Wofür würdest du dich entscheiden?“ Und Jean-Paul Belmondo, der damals noch ganz unbekannte Belmondo, der den Michel spielt, antwortet ihr: „Leiden ist völlig idiotisch. Ich entscheide mich für das Nichts. Das ist zwar nicht viel besser, aber Leiden ist ein Kompromiss. Ich will alles oder nichts. Von diesem Augenblick an weiß ich es. Endgültig.“

Existenzielle Dialoge wie dieser zählten zu den Spezialitäten des französisch-schweizerischen Regisseurs. Am Dienstag ist er im Alter von 91 Jahren gestorben. Jean-Luc Godard, einflussreicher Filmemacher, Legende der Nouvelle Vague.

Regisseur Jean-Luc Godard mit 91 Jahren gestorben

Godard war Sohn eines Arztes, seine Mutter kam aus einer Bankiersfamilie; nach seiner Schulzeit in der Schweiz ging er nach Paris. Damals, im Jahr 1949, war natürlich noch nicht abzusehen, welch einen enormen Einfluss er auf die Filmgeschichte nehmen würde. Früh traf er andere Film-Intellektuelle wie Truffaut, Claude Chabrol, Jacques Rivette und An­dré Bazin.

Es entstand eine Art Ideen-Schmelztiegel. Godard schrieb zunächst für die maßgeblichen „Cahiers du Cinema“ und drehte später zunächst Kurzfilme. Er hatte früh schon ein Faible für Humphrey Bogart, was man seinem Film „Außer Atem“ auch deutlich anmerkt. Der Film machte Belmondo zum Star, Godard wurde auf der Berlinale als bester Regisseur ausgezeichnet.

Er drehte mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli

Der Regisseur drehte unter anderem mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance und Fritz Lang. Zu Beginn der 60er-Jahre war er mit der dänisch-französischen Schauspielerin Anna Karina verheiratet, die ebenfalls in seinen Filmen spielte und ihm allerdings zunächst einen Korb gegeben hatte, als sie erfuhr, dass er eine Nacktszene mit ihr plante.

Eines der berühmtesten Zitate von Jean-Luc Godard lautet: „Der Film ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.“ Der politisch interessierte Filmemacher sorgte mit dafür, dass das Festival in Cannes 1968 aus Sympathie mit den in Paris demonstrierenden Studenten abgebrochen wurde. Immer wieder machte der Verfechter der Auteur-Theorie, der Grundlage für den Autorenfilm, durch gesellschaftskritische Werke auf sich aufmerksam.

Skandal? Einer seiner Filme wurde verboten

Godard experimentierte mit Kamerapositionen und -bewegungen, arbeitete mit dokumentarischen Elementen und legte in seinen Filmen auch die Mechanismen des Mediums bloß. Zeitlebens hat er sich mit dem Verhältnis von Bildern und Sprache auseinandergesetzt. Zu seinen wichtigsten Filmen zählen „Eine Frau ist eine Frau“ (1961), „Die Verachtung“ (1963), „Masculin – Feminin“ (1966), „Fahrenheit 451“ (1966), „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“ (1967) und auch „Deutschland Neu(n) Null“ (1991).

Kontroversen hat er nie gescheut. Drei Wochen nach der Premiere durfte sein Film „Eine verheiratete Frau“ 1964 nach heftigen Protesten nicht mehr gezeigt werden. Nicht etwa, weil sich Zuschauer an den Nacktszenen gestört hätten, die ihm übrigens nicht besonders erotisch geraten waren. Er wollte damals vielmehr die „Röntgenaufnahme einer verheirateten französischen Frau im Jahr 1964“ zeigen. Das passte nicht in den vielfach noch anti-emanzipatorischen Zeitgeist.

Freizügige Szenen musste er herausschneiden

Einige Wochen später kam der Film erneut in die Kinos – mit einigen Änderungen. Er hieß jetzt nicht mehr „La femme mariée“, sondern „Une femme mariée“. Außerdem musste Godard zwei Szenen herausschneiden, die als „zu freizügig“ galten. Eine zeigt einen Slip, der die Beine einer Frau herunterrutscht, die andere ein Bidet. Er selbst hat in den „Cahiers du Cinema“ über dieses Werk geschrieben: „Ich habe eben einen Film fertiggestellt, wo die Subjekte als Objekte angeschaut werden, wo Taxijagden mit ethnologischen Interviews abwechseln, wo das Schauspiel des Lebens sich schließlich mit dessen Analysen vermischt, kurz einen Film, in dem sich das Kino, frei und glücklich darüber, nur das zu sein, was es ist, entfaltet.“

Ein besonderes Verhältnis zum französchen Regisseur Godard hatte der deutsche Schauspieler Hanns Zischler. Er stand nicht nur für ihn vor der Kamera – Godard nannte ihn einen „gentleman actor“ – sondern war gelegentlich auch eine Art Regieassistent. Er spielte für ihn in „Deutschland Neu(n) Null“. Zischler hat Godard genau beobachtet. Im fiel auf, welch ein wachsames Auge er stets auf die Ausrüstung hatte – und dass der Regisseur sich in jungen Jahren gern im Handstand fortbewegte.

Jean-Luc Godard bekam einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk

Im Herbst seiner Karriere lief Jean-Luc Godard zu einer erstaunlichen Spätform auf, auch wenn es seine Filme an der Kinokasse irgendwann schwer hatten. Versuche, ihn nach Hollywood zu locken, schlugen immer wieder fehl.

2010 bekam er den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk – eine späte Anerkennung für seine Kreativität und seine Relevanz. Aber er nahm ihn nicht persönlich entgegen. Auf die Frage, warum nicht, hat er geantwortet: „Ich habe kein Visum für die USA und habe auch keine Lust, eines zu beantragen. Und ich will nicht so lange fliegen.“