Theater Hamburg

Ein Hauch von Paris in Winterhude auf der Bühne der Komödie

| Lesedauer: 6 Minuten
Stefan Reckziegel
„Vorhang auf für Cyrano“ ist mit zwölf Mitwirkenden das aufwendigste Stück der Spielzeit 2022/23 in der Komödie Winterhude.

„Vorhang auf für Cyrano“ ist mit zwölf Mitwirkenden das aufwendigste Stück der Spielzeit 2022/23 in der Komödie Winterhude.

Foto: Franziska Strauss

Intendant Martin Woelffer präsentiert an der Komödie Winterhude zwei große französische Stücke – und erstmals Michaela May.

Hamburg.  Seit dem Frühjahr hat das Restaurant Winterhuder Fährhaus geschlossen. Ebenso wie schon seit vier Jahren das ehemalige Theater Kontraste unter dem großen gläsernen Dach der Komödie Winterhude. Viele Gäste vermissen die gehobene traditionelle norddeutsche Küche im durchaus modern eingerichteten Lokal mit Terrasse am Alsterlauf, andere die zeitgenössischen Stücke im kleinen Saal der Komödie Winterhude.

Am Montagmittag wurde dort dennoch Neues aufgetischt und Interessantes verkündet: Bei einem Drei-Gänge-Menü gaben Theaterleiterin Britta Duah und Intendant Martin Woelffer Ausblicke auf die Spielzeit 2022/2023 und Einblicke in ihre Arbeit, teilweise zusätzlich gewürzt mit Video-Ausschnitten sowie Statements von Regisseuren und Schauspielern, die in der Komödie Winterhude bald zu erleben sein werden.

Theater Hamburg: Komödie Winterhude bringt Arthouse-Kino auf die Bühne

Konkrete aktuelle Auslastungszahlen nannten Britta Duah und Woelffer (noch) nicht. Jedoch hat Woellfer, der auch die Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater führt, im Theaterbetrieb in der Hauptstadt generell nach den Corona-Lockdowns wieder mehr Nachfrage verzeichnet als in Hamburg. „Die Berliner haben offenbar schon wieder mehr Lust auf Theater, sie sind seit fast zwei Jahrzehnten auch spontaner beim Kartenkauf“, hat Woelffer festgestellt. „Die Hamburger sind etwas zurückhaltender, jedoch haben wir hier auch mehr Abonnenten-Publikum.“

Um das bei der Stange zu halten und neue Theaterfreundinnen und -freunde zu gewinnen, hat sich Woelffer als kreativer Vertreter eines modernen urbanen Boulevardtheaters von einigen Filmen und Paris-Aufenthalten inspirieren lassen. Getreu der von Vertriebsprofi Britta Duah gepflegten Mottos „Stars hautnah“ und „Auszeit vom Alltag“ inszeniert Woelffer zum offiziellen Spielzeitauftakt am 23. September „Und wer nimmt den Hund?“

Die in Hamburg spielende Komödie um zwei seit mehr als zwei Jahrzehnten verheiratete Eheleute mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur hatte 2019 zeitweilig auf Platz eins der Arthouse-Kinocharts rangiert und feierte erst in diesem März – auf Tournee im kleinen Stadttheater Emmerich – seine Premiere mit den Fernsehstars Marion Kracht und Michael Roll. Regisseur ­Woelffer hat es gereizt, das Drehbuch mit schnellen Schnitten und Szenenwechseln für die Bühne etwas anders umzusetzen. Kracht und Roll hatten es erst der Theaterdirektion Landgraf vorgeschlagen, verrieten sie in einem Einspielfilmchen, und über diesen Umweg kam es dann an ­Woellfer heran.

Michaela May nimmt in Winterhude ihre beendete Theaterkarriere wieder auf

Eine weitere Co-Produktion ist die Komödie Winterhude im Fall von „Der Sittich“ mit der Komödie im Bayerischen Hof eingegangen. Das vielschichtige französische Konversationsstück hat dazu geführt, dass TV-Star Michaela May, die ihre Theaterlaufbahn eigentlich bereits für beendet erklärt hatte, vom 13. Januar 2023 an mit Krystian Martynik erstmals in Winterhude spielen wird. Regie führt Bernd Schadewald.

Ob es im Frühsommer und Sommer 2023 zur Komplettierung des Spielplans weitere Co-Produktionen mit anderen Häusern gebe wird, konnte Woellfer noch nicht sagen. „Wir müssen natürlich auf die Kosten achten, aber wir wir müssen vor allem auf die Einnahmen achten.“ Und nach „guten Stücken mit Hintergrund“ gelte es überall zu sichten.

Inspiration aus Paris: Cyrano de Bergerac und eine "Weinprobe für Anfänger"

Woelffer hat in Paris, teils noch vor Corona, gleich zwei unterschiedliche Sujets für sein Haus entdeckt und sich die deutschsprachige Rechte gesichert. Mit „Vorhang auf für Cyrano“ holt er im März (Premiere: 3.3.) und April 2023 ein Schauspiel(er)-Fest nach Hamburg. Alexis Michaliks Stücks erzählt die fiktive Entstehungsgeschichte von „Cyrano de Bergerac“ 1897 in Paris über den Nachwuchsautor Edmond Restand, dessen Theaterstücke niemand sehen will.

Gleichzeitig wird in „Vorhang auf für Cyrano“ das Leben des Cyrano beschrieben. „Es sind zwei Stücke in einem“, meint Britta Duah. Christopher Tölle, im vorigen Herbst noch als Choreograf für „Zuhause bin ich Darling“ an der Komödie engagiert, wird bei seinem Regie-Debüt in Winterhude zwölf Mitwirkende in 45 Rollen und in fast 80 Szenen zu führen haben-- und die Garderobe der Komödie vermutlich aus allen Nähten platzen.

Dagegen könnte Ivan Calberacs „Weinprobe für Anfänger“ (Originaltitel: „Degustation“) mit dem Hamburger Schauspieler-Ehepaar Anne Moll und Ulrich Gebauer in Woelffers Regie ein kleiner, aber feiner Genuss werden. Das Stück gewann 2019 den Prix Molière in der Kategorie „Beste Komödie“.

Theater Hamburg: Anknüpfen an das Winterhuder Familien-Musical

Alles andere als besinnlich geht es auch bei Sir Alan Ayckbourn zu. Dessen Komödie „Schöne Bescherungen“ läutet mit viel Slapstick und Wiedererkennungswert am 25. November die Weihnachtszeit ein. Das Ensemblestück der englischen Theaterautoren-Legende ist mit Darstellern wie Marion Kracht, Katja Weitzenböck, Timothy Peach und Alexis Kara (ZDF „heute-show“) wiederum (fernseh-)prominent besetzt.

An die Tradition der Winterhuder Familien-Musicals aus der Feder des im Januar im Alter von nur 55 Jahren gestorbenen Christian Berg möchte im Dezember seine langjährige Kollegin, die Schauspielerin und Sängerin Alexandra Kurzeja, anknüpfen: Noch von Berg inspiriert, hat sie mit Torben Padanyi bereits im Mai das neue Stück „Aschen Puttel“ (Untertitel „Auf die Schuhe kommt es an“) für die Komödie abgeliefert. Kurzeja wird es mit Musik der Band Radau! selbst inszenieren.

Dass das frühere Theater Kontraste im Winter erneut als Saal zum Essen und Trinken bei den Vorstellungen dient, wünschen sich indes weder Duah noch Woelffer. Dann würden nämlich neue Abstandsregeln für den Großen Saal und das Foyer mit der Gastronomie gelten.

Programm und Karten: www.komoedie-hamburg.de