Thalia Theater

Warum das Salzburger Publikum viel Geduld brauchte

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Iphigenia (Rosa Thormeyer) und ihr Vater Agamemnon (Sebastian Zimmler). Bald feiert das Stück Premiere am Thalia Theater in Hamburg.

Iphigenia (Rosa Thormeyer) und ihr Vater Agamemnon (Sebastian Zimmler). Bald feiert das Stück Premiere am Thalia Theater in Hamburg.

Foto: Krafft Angerer / Salzburger Festspiele

Für die „Iphigenia“-Neufassung bedient sich das Thalia Theater bei #MeToo. Bei der Hamburg-Premiere muss einiges besser werden.

Salzburg. Papa ist Schuld. Das war schon so bei Abraham und Isaak, wie Ethik-Professor und Kierkegaard-Verehrer Agamemnon souverän zu referieren weiß, und das wird auch bei seiner eigenen Tochter Iphigenia schnell deutlich. Sie sitzt am Flügel, hat das Zeug zur Pianistin, aber mehr als zwei Töne schafft sie nicht mehr. Dabei hat doch der Vater ihr die Musik „gegeben“, ihr deren Schönheit „eröffnet“. Dafür vergöttert sie ihn – oder behauptet dies jedenfalls, nur das nervöse Bein-Zittern verrät den schwelenden Konflikt im zwar kunstsinnigen, aber wenig empathischen Intellektuellen-Haushalt.

Thalia Theater: Iphigenias liebt Fußballer Achilles

Sie hat es nicht leicht, diese tragische Figur der griechischen Mythologie mit ihrer bis ins Mark toxischen Verwandtschaft. Der Vater (Sebastian Zimmler im schwarzen Denker-Rollkragen) weiß zwar theoretisch Bescheid über das Gute und das Böse, über Tätermänner und Opferkinder, seine Defizite liegen eher im Praktischen. Die schöne Tante Helena (Lisa-Maria Sommerfeld) ist ausgesprochen zeigefreudig und exaltiert („Das liegt in der Familie“), Iphigenias Liebe zum Fußballer Achilles (Jirka Zett), der bereitwillig seine gleichnamigen Sehnen vorzeigt, hat wenig Zukunft.

Die giftigste Verbindung aber besteht zu Onkel Menelaos, Helenas Mann, der die Nichte, wie sich in dieser Fassung herausstellt, jahrelang missbraucht hat. Sehr frei nach Euripides und Goethe holt die polnische Dramatikerin Joanna Bednarczyk ihre „Iphigenia“ in die Gegenwart und mutet ihr (und dem Stoff) mit ihrer Überschreibung einiges zu. Sie fragt dabei nicht nach dem Fluch der Götter, die dem Agamemnon bei Euripides die günstigen Winde auf dem Weg nach Troja verwehren und von ihm die Opferung der eigenen Tochter verlangen.

Die viel banalere Sorge um den eigenen Ruf, um die ausgerechnet auf dem Moralbegriff aufgebaute Karriere ist es, die den ehrgeizigen Agamemnon bei Joanna Bednarczyk treibt und vom Missbrauchsopfer jenes Schweigen verlangt, das der Gesellschaft womöglich eh am liebsten ist.

Christiane von Poelnitz als Bühnendiva

Die Uraufführung der Regisseurin Ewelina Marciniak bei den Salzburger Festspielen – eine Produktion des Thalia Theaters, wo die Inszenierung dann Ende September Hamburg-Premiere feiert – wird auf der Perner-Insel in Hallein zur ausufernd zelebrierten Familienaufstellung auf einem glatt polierten Holzparkett (Bühne: Mirek Kaczmarek). Für die haben sich Bednarczyk und Marciniak neben vielfach gestörten Beziehungen auch eine lustige Antiken-Scharade und einige hübsch unerwartete Sätze überlegt: „Niemand schneidet das Gemüse so wie Iphigenie“, lobt etwa Mutter Klytaimnestra.

Christiane von Poelnitz darf sie als wirkungsbewusste Bühnendiva geben, die das verkommene Sippen-System aus eigener Verletztheit stützt und sich hübsch selbstironisch darüber Gedanken macht, ob eine Schauspielerin idealerweise „innen hohl“ sein sollte, um von ihrer Figur angefüllt zu werden. Dem Publikum rät sie: „Ich bin Klytaimnestra, glauben Sie kein Wort von dem, was man über mich sagt.“

Mit der Glaubwürdigkeit ist es ja ohnehin so eine Sache. Bednarczyk und Marciniak spiegeln großzügig die #MeToo-Debatte, was der Tragödie eine nicht immer leicht erträgliche Zugänglichkeit und Nähe verleiht. Eine entscheidende Rolle spielt auch bei Iphigenia die Gefahr, sich als Betroffene zu erkennen zu geben und dafür den erneuten, diesmal öffentlichen Missbrauch zu riskieren. Selbst Iphigenias Mutter rät der Tochter zu schweigen und lehrt sie damit – teuflische Dynamik – die Regeln der weiblichen Unterwerfung.

Iphigenia reagiert mit der Aufspaltung ihrer Persönlichkeit, einem psychologischen Schutzmechanismus, um die Tat, die Scham und die Missbrauchsbilligung des Umfelds ertragen zu können. Zur einen Iphigenia gesellt sich hier eine zweite, eine Doppelung, die Ewelina Marciniak von Oda und Rosa Thormeyer spielen lässt, was der familiären Konstellation eine weitere Ebene hinzufügt. Die Schauspielerinnen sind im echten Leben nicht nur Kolleginnen im Ensemble des Thalia Theaters, sie sind auch Mutter und Tochter.

Theaterkritik: Der Sound in Salzburg ließ zu Wünschen übrig

Die Distanz zwischen Figur und Schauspielerpersönlichkeit wird also ganz bewusst aufgebrochen; im Programmheft berichtet Autorin Bednarczyk über ihre Vorgehensweise, erst dann die Dialoge zu schreiben, wenn sie auch die Besetzung genau erforscht hat. Eine Strategie, die man stellenweise auch übergriffig finden könnte, und die sie mehrfach nutzt: Als Menelaos-Schauspieler Stefan Stern scheinbar aus seiner Rolle heraustritt, an der Rampe über die Probenarbeit berichtet und über seine Figur, den Pädophilen, behauptet, „wir alle“ könnten uns darin wiedererkennen, wird es unruhig im Parkett. Nicht allein aus emotionaler Angefasstheit, so scheint es, sondern auch aus Erschöpfung.

Zweieinhalb pausenlose Stunden sind nicht nur bei der anhaltenden Wärme viel. In Hamburg wird zudem der hallige Sound, dem bei den Salzburger Festspielen immerhin die englischen Übertitel für das internationale Publikum zu Hilfe kommen, hoffentlich besser sein.

„Der spinnt“, kommentiert eine Zuschauerin Sterns Erläuterungen halblaut, bevor ihre Geduld auf eine weitere Probe gestellt wird. Minutenlang demontieren die Techniker auf offener Bühne das bislang bespielte gesellschaftliche Parkett. Die Insel Tauris entsteht, Iphigeniens felsiges Exil, der psychoanalytisch an diesem Abend ausgereizte Mythos geht noch weiter. Der ausgetauschte Flügel ist nun wasserumspült, der erwachsene Oda-Teil des doppelten Iphigenchens hippiesk ergraut. Jirka Zett, als Orest mittlerweile zum Muttermörder geworden, erreicht mit Rollkoffer die Insel, die sich fremd gewordenen Geschwister brauchen eine Weile, um sich zu erkennen, die familiären Konflikte werden gnadenlos ausbuchstabiert – bis aus dem vernebelten Flügel schließlich erlösende Flammen flackern.

Iphigenia steckt die eigene Bestimmung in Brand, sie ist nicht mehr nur Opfer, sie ist auch Handelnde. Ein starkes, stimmiges, aber auch mühsam erarbeitetes Schlussbild. Vor den insgesamt freundlichen, aber doch etwas matten Salzburger Applaus mogeln sich vereinzelte Buhs.

„Iphigenia“ Hamburg-Premiere am 22.9., 19 Uhr, am Thalia Theater, weitere Vorstellungen am 23. und 25.9., Karten: thalia-theater.de