Konzerte Niedersachsen

Das älteste Kammermusikfestival ist zugleich das jüngste

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Marcus Stäbler
Pianistin Lilit Grigoryan spielt bei Sonnenaufgang auf einer Wiese.

Pianistin Lilit Grigoryan spielt bei Sonnenaufgang auf einer Wiese.

Foto: Askonas Holt/Reiner Nicklas

Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker sind in Deutschland einzigartig – nicht nur wegen eines Konzerts um 5.05 Uhr morgens.

Hitzacker. „Gibt es wirklich einfach so ein Festival im Sommer, ohne große Widerstände?“ Das hat sich Oliver Wille vor ein paar Monaten ungläubig gefragt. Aber die Antwort lautet: Ja! Nach zwei schwierigen Jahren, in denen der Intendant jeweils lange dafür kämpfen musste, dass die Sommerlichen Musiktage Hitzacker überhaupt stattfinden dürfen, hatte er diesmal Planungssicherheit.

An diesem Sonnabendnachmittag geht es los, im Konzertsaal Verdo. Dort oben, auf dem kleinen grünen Hügel von Hitzacker, mit Blick auf die Elbe, beweist Wille mal wieder, dass das älteste Kammermusikfestival Deutschlands nach wie vor zu den geistig jüngsten gehört. Gleich zu Beginn präsentiert er mit seinem Kuss Quartett plus Gästen eins der für Hitzacker typischen Programme, das sich den gewohnten Abläufen und Sicherheiten des Klassik-Betriebs verweigert.

Konzerte Niedersachsen: Die Eröffnung wird verrückt

„Es besteht aus einzelnen Modulen, die wir zusammen mit Freunden erarbeitet haben und jetzt erst zusammensetzen. Das Streichquartett wird von Slam-Poetry unterbrochen oder übersprochen, die Tänzer durchkreuzen uns oder unterbrechen uns, genauso wie der Schlagzeuger Johannes Fischer.“ So bunt und überraschend wie das Neben- und Miteinander verschiedener Kunstformen ist auch das Repertoire des Auftakts: mit einer Bandbreite von Bach und Haydn bis zur armenischen Volksweise und dem 2020 entstandenen Stück „Duft“ von Johannes Fischer.

„Das Eröffnungskonzert ist vielleicht das verrückteste von allen“, sagt Oliver Wille beim Telefonat wenige Tage vor dem Festivalstart. Die Idee zum diesjährigen Festivalprogramm unter dem Motto „Zeit.Räume“ sei im Sommer 2020 nach der ersten coronabedingten Zwangspause für die Live-Musik entstanden.

Vom Minnegesang bis ins ganz Aktuelle

Auch in der Besetzung wirke die Phase der Einschränkungen nach, so der Intendant: „Wir haben unter anderem Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Gründen nicht kommen durften oder konnten: Die US-amerikanische Bratscherin Kim Kashkashian und die Camerata Bern, ein Ensemble, das für die Abstandsregelungen 2020 einfach zu groß war, um es auf der Bühne zu platzieren.“

Unter den renommierten Interpreten des Festivaljahrgangs 2022 sind außerdem der Pianist Pierre-Laurent Aimard, die Geigerin Viviane Hagner und der Tenor Ian Bostridge, der am Tag nach seinem Konzert noch einen Meisterkurs gibt. Dessen Teilnehmer, drei preisgekrönte Duos, erkunden dann am Mittwoch (3.8.) mit dem Pianisten Jan Philip Schulze bekannte und unbekannte Facetten des Liedrepertoires, wie Wille erklärt: „Unter dem Titel ,1000 Jahre Lied‘ verabschiedet sich das Programm vom Kernrepertoire der Romantik und reicht vom Minnegesang bis ins ganz Aktuelle.“

Konzerte Niedersachsen: Grigoryan beginnt um 5.05 Uhr

Ähnlich spannend und vielfältig ist der zweite Sonnabend des Festivals (6.8.) gestaltet, der um Musik für Geige kreist, mit vielen zeitgenössischen Werken und mit Trios von Tschaikowsky und Schostakowitsch. Davor, schon um 5.05 Uhr morgens, spielt die Pianistin Lilit Grigoryan bei freiem Eintritt auf der Wiese am Hafen ein Konzert zum Sonnenaufgang. Musik und Natur treten in einen Dialog, der den verträumten Charme der Elbstadt Hitzacker sicher besonders schön zur Geltung bringen wird.

Sommerliche Musiktage Hitzacker 30.7.–7.8., Tickets unter 05862/94 14 30, weitere Infos zum Programm finden sich unter www.musiktage-hitzacker.de