Kunsthalle Hamburg

Vom Bürgerschreck zum „Seelenaufschlitzer": Oskar Kokoschka

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Volker Behrens
Die Hamburger Kunsthalle.

Die Hamburger Kunsthalle.

Foto: IMAGO / Westend61

Das Kunstspiel zum Mitmachen – jeden Montag im Abendblatt. Heute: Oskar Kokoschka „Mädchen mit Tonpuppe“.

Hamburg. Dass Oskar Kokoschka (1886-1980) ein bedeutender Maler des Expressionismus war, wird kaum jemand bezweifeln. Trotzdem gehen die Meinungen über den Österreicher weit auseinander. Der Künstler, der auch als Dramatiker arbeitete, kam zunächst zur Kunstgewerbeschule in Wien. Dort galt er als Bürgerschreck.

„Bei ihm ist selbst der Jugendstil nicht schönlinig“, hieß es. Danach kam er zur Neuen Sezession in Berlin und traf dort Emil Nolde, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Ernst Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Ein Spitzname, den er sich in dieser Zeit einhandelte, war „Seelenaufschlitzer".

Kokoschka porträtierte Lord Chamberlain

Kokoschka malte gern Kinder, noch lieber aber Prominente. Ein Schelm, wer glaubt, dass es ihm dabei um dauerhaften Ruhm und ein gutes Einkommen ging. So porträtierte er unter anderem den britischen Premierminister Lord Chamberlain (als Krabbe), Königin Victoria (als Loreley), aber auch Bundespräsident Theodor Heuss. Der Schriftsteller Walter Hasenclever, den er ebenfalls malte, meinte hinterher, er bemühe sich täglich, seinem Bildnis ähnlicher zu werden.

Das Bild „Mädchen mit Tonpuppe“, das im Jahr 1922 entstand, hieß ursprünglich „Mutter mit Kind“. Das Mädchen im roten Kleid blickt den Betrachter starr an. In dieser Schaffensphase, das Bild entstand 1922, war ihm besonders die Leuchtkraft von Primärfarben wichtig.

Kokoschka führte Beziehung mit Alma Mahler

Natürlich erinnert die leblos wirkende Puppe an die berühmte Alma-Puppe Kokoschkas. Durch einen Porträtauftrag hatte Kokoschka Alma Mahler, die Witwe des Komponisten, kennengelernt. Sie begannen eine Beziehung, die sich allerdings kompliziert gestaltete. Zwei Schwangerschaften ließ Mahler gegen den Willen des Malers abbrechen. Danach heiratete sie den Architekten Walter Gropius. 1914 porträtierte er sie in einem seiner bekanntesten Bilder: „Windsbraut“.

Vom Erlös, den er für das Bild bekam, kaufte er sich ein Pferd und meldete sich freiwillig mit Selbstmordabsichten zum Ersten Weltkrieg. Er wurde in der Ukraine schwer verwundet. 1918 ließ er von der Münchner Puppenmacherin Hermine Moos eine beinahe lebensgroße Alma-Puppe anfertigen. Er wünschte sich damals eine Frau an seiner Seite, weil er die Trennung nicht verarbeiten konnte.

Kokoschka als Auftragsmaler verhöhnt

Er schrieb an die Puppenmacherin: „Machen Sie bei bei Lid, Pupille, Augapfel, Dicke etc. möglichst ihre eigenen nach. Die Hornhaut vielleicht mit Nagellack glasieren….Und nirgends Nähte erlauben an Stellen, wo Sie denken, dass es mir weh tut und mich daran erinnert, dass der Fetisch ein elender Fetzenbalg ist.“ Das war natürlich ein gefundenes Fressen für Psychoanalytiker! 1920 hat er die Puppe enthauptet und auf den Müll geworfen.

Am Ende seiner Karriere wurde Kokoschka als Prominenten- und Auftragsmaler verhöhnt. Er schuf damals auch ein großformatiges Bild von einem Mandrill im Londoner Zoo und kommentierte das so: „Als ich ihn malte, sah ich: Das ist ein wilder, isolierter Kerl. Fast ein Spiegelbild von mir.“