Satire trotz Ukraine-Krieg

Sebastian Schnoy: "Europa war immer die Lösung"

| Lesedauer: 6 Minuten
Stefan Reckziegel
Der Hamburger Kabarettist und Buchautor Sebastian Schnoy (52) ist seit 25 Jahren als Satiriker tätig. Er war lange mit einer Französin verheiratet, ist jetzt mit einer Russin liiert und Vater von insgesamt vier Kindern.

Der Hamburger Kabarettist und Buchautor Sebastian Schnoy (52) ist seit 25 Jahren als Satiriker tätig. Er war lange mit einer Französin verheiratet, ist jetzt mit einer Russin liiert und Vater von insgesamt vier Kindern.

Foto: Franca Wrage

Der Kabarettist hat einen scharfen Blick auf Innen- und Außenpolitik. Was Putins Krieg mit seinem neuen Programm-Titel zu tun hat.

Hamburg.  Sein Studium der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, der Politik und Psychologie brach er einst ab - die Satire lag ihm mehr. Der widmet sich der Hamburger Kabarettist und Autor Sebastian Schnoy seit 25 Jahren, mit Humor betrachtet er in seinen Programmen gern Politisches in Verbindung mit Geschichte Seine größte Leidenschaft hegt er seit jeher für europäische Themen – in Büchern und auf der Bühne.

Sein Europa-Programm wollte Schnoy, auch Mitinitiator und Chefmoderator des großen deutschen Kleinkunst-Wettbewerbs Hamburger Comedy-Pokal, bereits im vergangenen Frühjahr herausbringen. Damals machte ihm der lange Corona-Lockdown einen Strich durch die Rechnung - dieses Jahr beinahe der Kriegstreiber Putin. An diesem Donnerstag und Freitag feiert Schnoy in Alma Hoppes Lustspielhaus nun gleich doppelt Premiere.

Hamburger Abendblatt: Herr Schnoy, in Ihrem vorigen Programm „Dummikratie. Warum Deppen Idioten wählen“ hatten sie auch aufgezeigt, weshalb kaum ein politisches Lager ohne Populismus auskommt. Das gilt gewiss nicht nur für die Innen­politik?

Sebastian Schnoy:In der Außenpolitik ist Populismus noch gefährlicher, denn er braucht einen Feind. „Der Russe kommt!“, war über Jahrzehnte ein erfolgreicher Slogan der Konservativen. Ich versuche, mein Publikum zu beruhigen. Nach Deutschland kann der Russe gar nicht kommen. 1945 wurden noch die Brücken an der Oder gesprengt, damit er nicht kommt. Heute sind wir weiter: Deutsche Brücken sind inzwischen so marode, dass man keine einzige mit einem Panzer überqueren könnte. So hat unsere zerfallende Infrastruktur endlich etwas Gutes. Auf der A20 fällt man in ein Loch, in Brandenburg streikt das Navi, kein Netz. Und wenn es die Panzer doch bis Berlin schaffen, sitzt an der ersten Ampel eine Klimaaktivistin mit festgeklebter Hand auf der Straße. Vom Elbtunnel wollen wir gar nicht reden. Wir sind also vorbereitet.

Sie sind bundesweit als History-Spötter und Streiter für die europäische Einigung bekannt geworden. Dem Vernehmen nach sollte ihr neues Programm zunächst „Wer küsst Europa wieder wach?“ heißen, jetzt lautet der Titel „Die Vereinigten Träume von Europa“. Liegt dieser Wandel allein an Putin und seinem Ukraine-Feldzug?

Schnoy: Allerdings. Nachdem Angela Merkel die EU in einen Dornröschenschlaf versetzt hatte, fragte ich mich, wer Europa wieder wachküssen könnte. Nun ist das freie Europa durch Putin erwacht, geradezu aufgeschreckt. Es geschah in einem Moment, in dem die USA nicht anwesend schienen. Wir allein mit einem Diktator, der gerade in ein demokratisches Nachbarland einmarschierte. Inzwischen engagieren sich die USA mehr für die Ukraine als alle EU-Länder zusammen. Da kann man sich wieder unsichtbar machen. Dabei gibt es kein Thema mehr, bei dem Abwarten sinnvoll wäre.

Was stimmt Sie denn jetzt noch optimistisch, dass unser Kontinent doch eine politische friedliche Lösung erleben wird - etwa das Duo Scholz/Macron?

Schnoy: Leider sind die beiden kein Duo, und das liegt an Scholz. Gerade hat Macron erneut spektakuläre Vorschläge für mehr Europa gemacht. Unser Bundeskanzler hat die Vorschläge ein bisschen kommentiert, das war’s. Aber wir brauchen auch bei der EU eine Zeitenwende. Ich erwarte, dass Scholz mit Macron eine Wanderung macht, vielleicht entlang der Landungsstrände des D-Days in der Normandie. Zwei Tage mit Rucksack. Und dann geben sie eine Erklärung ab, wie sie Europa besser, vereinter und stärker im Umgang mit Diktaturen machen wollen.

Sie selbst waren mehr als ein Jahrzehnt lang mit einer Französin verheiratet und sind seit geraumer Zeit mit einer Russin liiert. Reicht ihr scharfer europäische Blick nun von der Bretagne bis zum Ural...?

Schnoy: Geografisch reicht Europa tatsächlich bis zum Ural. Das heißt: Mehr als ein Drittel der Fläche Europas befindet sich in Russland. Mein Eindruck von der russischen Bevölkerung ist, dass sie schon lange zum Westen dazugehören möchte. Umso deprimierender die Schließung sämtlicher westlicher Markenshops. Putins Plan zur Wiedererrichtung der Sowjetunion ist ins Stocken geraten, aber was die Versorgungslage in Russland betrifft, ist die Sowjetunion fast schon wieder Realität. Leider hat die TV-Propaganda die Menschen fest im Griff. Dazu kommt: Gibt es einen äußeren Feind, rücken die Menschen hinter ihrem Anführer zusammen, das war schon immer so.

Drohen nicht auch in Ihrem Privatleben Konflikte, wenn Sie Ihre neuen Familienverhältnisse jetzt auf der Bühne thematisieren?

Schnoy: Ich erzähle von dem friedliches Europa von der Bretagne bis zum Ural in meiner Familie, und wie es im Alltag funktioniert. Mein 13-jähriger Sohn besucht ein französisches Gymnasium, meine beiden jüngsten vierjährigen Töchter sprechen russisch, sie sind seine größten Fans. Ich bin überzeugt davon, dass wir viel mehr Europa brauchen. Selbst der verbohrte Nordirland-Konflikt wurde dank Binnenmarkt befriedet. Mein Traum wäre die Abschaffung der Nationalstaaten innerhalb der EU, dafür eine Wiedergeburt der Regionen mit eigener Kammer in Brüssel. Dort hätte dann Hamburg einen Sitz, neben Korsika, Schottland und Katalonien. Europa war nämlich nie das Problem, sondern immer die Lösung.

„Die Vereinigten Träume von Europa“ Premiere Do 26. u. Fr 27.5., jew. 20.00, Lustspielhaus (U Hudtwalckerstraße), Ludolfstr. 53, Karten zu 30,- (erm. 20,-) bis 37,- unter T. 55 56 55 56; www.almahoppe.de