Hamburger Band

Tonbandgerät: Sie sind noch da, nur irgendwie anders

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Ole Specht (v. l. n. r.), Sophia und Isa Poppensieker und Jakob Sudau. Isa verließ die Band im März.

Ole Specht (v. l. n. r.), Sophia und Isa Poppensieker und Jakob Sudau. Isa verließ die Band im März.

Foto: Fynn Freund

Tonbandgerät startete als Schülerband und wurde vom Abendblatt überall hin begleitet. Wie es mittlerweile um die Indie-Pop-Band steht.

Hamburg. „Ich spul’ alles zurück, spul’ alles auf Anfang. Es ist alles wieder da, nur irgendwie anders“: Mit diesen Zeilen aus dem Lied „Irgendwie anders“ begann vor zehn Jahren die Karriere der Hamburger Indie-Pop-Band Tonbandgerät. Klar, eigentlich beginnt die Geschichte noch fünf Jahre vorher als Schülerband, aber „Irgendwie anders“ war die erste Single nach dem ersten Plattenvertrag. Es war der Aufbruch einer jungen Band, wie man auch im Video zu dem Song sehen konnte: Die Schwestern Sophia an der Gitarre und Isa Poppensieker am Bass, Schlagzeuger Jakob Sudau und Sänger Ole Specht tollten am Strand herum wie die besten Freunde, die sie waren.

Das Abendblatt begleitete Tonbandgerät von den Proben für das erste Album an überall hin. In den Bandraum, ins Tonstudio, zu Videodrehs, Konzerten und Preisverleihungen bis zur Tour mit dem Goethe-Institut in den USA. Im ­Uebel & Gefährlich, in der Elbphilharmonie und im Stadtpark, überall waren wir dabei. Da wollten wir natürlich wissen, ob und wie zwei Jahre Pandemie die Band verändert haben könnte.

Hamburger Band: Tonbandgerät feierte große Erfolge

Im Mai 2022 treffen wir Sophia, Ole und Jakob im Schanzenpark, und vieles ist irgendwie anders geworden, auch wenn Tonbandgerät betont, das der Geist des ersten Musikvideos immer noch erhalten geblieben ist. Nach „Irgendwie anders“ und dem Debütalbum „Heute ist für immer“ 2013 schien nur der Himmel die Grenze zu sein für das Quartett. Die Fanbasis wurde immer größer, das zweite Album „Wenn das Feuerwerk landet“ schrammte 2015 nur knapp an den Top Ten vorbei, und von kleinen Clubs wie dem Knust ging es auf damalige Traumbühnen wie die Große Freiheit 36.

Die Plattenfirma allerdings wollte, dass Tonbandgerät für immer jung bleibt. Mehr Lifestyle und zeitgemäße Elek­tronik, mehr Attraktivität für Werbepartner, mehr Sommer. Alles, was Sophia als Songwriterin kreierte, passte nicht in dieses Schema, und irgendwann blieben die Telefone stumm. Tonbandgerät verarbeitete diese Sinnkrise mit einem neuen Label und allen Freiheiten 2018 auf dem doch sehr nachdenklichen, erwachsenen Album „Zwischen all dem Lärm“: „Tschüs, Karriereleiter, ich nehm die Graustufen“. Kommerziell war es ein Flop, für die Band aber ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung.

Tonbandgerät spielte auch im Hamburger Stadtpark

„Das Album als Konzept ist mittlerweile auch tot“, blickt Sophia im Schanzenpark zurück, und Ole ergänzt: „Als Liveband haben wir damals große Schritte nach vorn gemacht, uns auch südlich von Hamburg etabliert und sogar in München ausverkaufte Shows gehabt.“ 2019 spielten sie im Hamburger Stadtpark, nicht als Vorband von Johannes Oerding, sondern als Headliner. Da war wirklich nur der Himmel die Grenze. Dann kam die Pandemie.

Das Tonbandgerät lief weiter, nahm aber die Umstände sehr ernst. Streng getrennt voneinander nehmen sie 2021 die EP „Pixel Lametta“ auf. „Das war, so schräg es auch war, schon eine tolle Zeit in dieser dunklen Phase“, sagt Ole, „wir waren schneller und konzentrierter als bei den Alben davor“. Jakob ergänzt: „Trotzdem sehen wir uns vor allem als Liveband. Und so eine EP in das Nichts zu veröffentlichen ohne entsprechende Auftritte, das war auch befremdlich. Und die Streaming-Konzerte, die viele in der Künstlerinnen-Bubble naiv als große Chance gesehen haben, konnten das überhaupt nicht ersetzen.“

Isa hat die Band verlassen

Auf die Frage, wie die Bandmitglieder Struktur in den Corona-Alltag bekommen haben, müssen Jakob und Ole lachen: Sie sind beide vor einem Jahr Vater geworden, was auch zukünftig einiges verändern wird. Dann kommen wir auf eine auffällige Lücke in der Runde im Schanzenpark zu sprechen: Isa ist nicht mit dabei. „Das schwebte schon eine ganze Weile über uns, denn Isa studiert schon seit Ewigkeiten Jura, steht vor ihrem Staatsexamen und will sich das nicht nur an die Wand hängen“, erklärt ihre Schwester Sophia, „sie hat die Band vor zwei Monaten verlassen.“

Das ist schon ein Schlag ins Kontor für eine über die Jahre gewachsene Band, ihre Crew und auch für das Bild nach außen. Schwestern, die Gitarre und Bass spielen, während ein Mann singt, sind eine ungewöhnliche und daher interessante Konstellation im Popgeschäft. „Sie ist die Einzige von uns, die jetzt was Vernünftiges macht und uns raushaut später“, lacht Sophia.

Kurz nach Isas Ausstieg im März begann Tonbandgerät – mit einem Kumpel als Ersatz am Bass – die „Pixel Lametta Tour“ durch Hannover, Bochum, Köln, Dresden und Berlin. In mehrfacher Hinsicht war es ein totaler Neuanfang, ein zurück auf Los: „Im Vergleich zu 2019 kamen ein Drittel weniger Fans zu den Konzerten. Unser Gedanke war zuerst: Krass, jetzt bricht es total ein.“ Ein Schicksal, dass Tonbandgerät mit vielen Bands, Künstlerinnen und Künstlern teilt, die mittelgroße Clubs bespielen: Zwei Jahre Stille haben die Dynamik aus der Szene genommen, die Fans haben ihre Freizeit, ihre Vorlieben und auch ihr weniger werdendes Geld neu aufgeteilt oder wollen keine gesundheitlichen Risiken eingehen. Nur für die absoluten Giganten in der Popwelt wie Dua Lipa läuft das Geschäft als wäre nichts gewesen.

Das Publikum wurde kleiner – aber dafür noch euphorischer

„Wir waren sehr skeptisch, als wir die Tour begonnen haben: Isa war weg, der Vorverkauf war nicht gut, die Shows werden also weder voll noch exzessiv“, sagt Ole. Und Sophia erinnert sich an Gedanken, die sich die Band vorher selten machen musste: „Jetzt geht es auch ums Geld. Wir müssen bei Konzerten überlegen, ob und wie hoch wir Minus machen. Und keiner versichert deine Tour.“ Der Gedanke stand im Raum, loszufahren und sich anschließend aufzulösen.

„In Hannover kamen 500 Leute ins Capitol, wo 2018 noch 1200 waren“, erinnert sich Ole an den Blick in den nur zu einem Drittel gefüllten Saal. „Aber: Die. Sind. Komplett. Ausgerastet. Und in den anderen Städten dann das Gleiche. Das waren die euphorischsten Konzerte, die wir jemals gespielt haben, das hat uns unglaublich gepusht und bestärkt.“ Die Rechnung kommt allerdings auch, wie Jakob erzählt: „Nach Berlin, am Tag als alle Regeln fielen, hatten wir dann alle Corona. Und das ziemlich heftig.“ Konzertabsagen, Verluste, Isolation und spürbare Nachwirkungen. „Trotzdem war das der Punkt, der uns klar gemacht hat: Wir machen weiter“, sagt Ole.

Hamburger Band: Tonbandgerät hat neue EP im Kasten

Weiter geht es zum Beispiel in Hamburg: Am 21. Mai steht ein Heimspiel in der Fabrik an. Hier wird sich auch Isa noch einmal ihren Fender-Precision-Bass umschnallen und ihr letztes Konzert mit Tonbandgerät spielen. Ein sehr besonderer Moment, der auch die Festivalsaison, unter anderem mit einem Auftritt im Juli beim Deichbrand Festival in Cuxhaven, einläutet. Auch eine neue EP ist schon im Kasten: „Es wird nicht die erwartete große Partyhymne nach zwei Jahren Dunkelheit“, deutet Sophia an, „aber es gibt darauf einen Funken Hoffnung“. Vielleicht wird der noch einiges anfachen. Wenn das Feuerwerk landet.