Die Toten Hosen

Campino: „Wir lesen die ,Bild’, aber nur das Feuilleton“

| Lesedauer: 7 Minuten
Campino steht seit 1982 am Mikro der der Toten Hosen. Dieses Jahr feiern die Band ihren 40. und Campino seinen 60. Geburtstag auch mit einem Konzert im Volkspark.

Campino steht seit 1982 am Mikro der der Toten Hosen. Dieses Jahr feiern die Band ihren 40. und Campino seinen 60. Geburtstag auch mit einem Konzert im Volkspark.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Ein Gespräch mit Campino über 40 Jahre "Die Toten Hosen", die neuen Songs, Punkrock, Dosenbier und die Rückkehr alter Ängste.

Hamburg/Düsseldorf. Die Toten Hosen haben dieses Jahr Tausend gute Gründe, mit eisgekühltem Bommerlunder, Altbier und zehn kleinen Jägereistern anzustoßen: Die Düsseldorfer Punkrockband feiert ihren 40. Geburtstag mit einer Tournee, die die „Opel-Gang“ am 14. Juli auch nach Hamburg in den Volkspark führt. Sänger Campino wird am 22. Juni sogar 60 Jahre alt.

Zudem erscheint am 27. Mai die Album-Werkschau „Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen“ mit 36 teilweise neu aufgenommenen Klassikern und sieben neuen Liedern. Wir sprachen mit Campino über einige der neuen Songs, Fake News und die Rückkehr der Ängste aus den Zeiten des Kalten Krieges.

Hamburger Abendblatt: Campino, wann hast Du Dein letztes Dosenbier getrunken?

Campino: Das kann nicht lang her gewesen sein. Der Geschmack von Bier aus der Dose wurde ja lange Zeit für schlechter gehalten als aus der Flasche, das stimmt aber überhaupt nicht. Ich finde es auch ästhetischer, aus der Dose zu trinken. Wenn der Umweltaspekt nicht wäre, gehörte Bier für mich in die Dose.

Wenn Du jetzt noch mal 20 Jahre jung wärst: Hättest Du Lust, mit den heutigen Möglichkeiten – und Zwängen - noch mal eine Rockkarriere zu beginnen?

Campino: Hmm. Da stellt sich zuerst die Frage, wie mein Umfeld aussähe. Vielleicht würden die alle Hip-Hop hören und ich anfangen zu rappen. Es muss ja nicht Rockmusik um jeden Preis sein, jede Generation hat ihre eigene Form von Rebellion und Lebensfreude. Ich würde mit 20 auch noch nicht an eine Karriere denken, das habe ich damals auch nicht getan, in der Punkszene schon gar nicht. Die Dinge haben sich so ergeben, es gehörte Ende der 70er-Jahre für uns einfach zum guten Ton, in einer Band zu sein und im Ratinger Hof zu spielen.

Ihr hattet ja auch nur drei Fernsehsender und sonst nix. Kein Internet, kein Netflix, keine Playstation.

Campino: Das spielt eine sehr große Rolle. Musik wurde meiner Meinung nach bei den Jugendlichen damals viel wichtiger genommen. Du hast deinen Lebenszweck, deine Persönlichkeit über Musik definiert, dir für 15 Mark eine Platte gekauft und die eine Woche durchgehört, bis das Geld für die nächste Scheibe da war. Heute ist Musik als permanentes Grundrauschen in einer irren, nervösen Masse überall verfügbar, aber hat für viele Menschen stark an Relevanz verloren. Ich weiß nicht, ob ich das bedaure, aber es ist auf jeden Fall etwas anderes als früher.

Ein neues Lied von Euch heißt „Der Chaot in mir“ – ist der immer noch da? Trittst Du immer noch aus Wut über ein verlorenes Fußball- oder Eishockeyspiel gegen Betonpoller und machst unprofessionelle Fehler?

Campino: Früher war Blamage Teil des Programms, heute ist mir so etwas aber unangenehm. Vielleicht ist das der Beweis, dass man noch nicht ganz abgeschmirgelt ist. Es ist ganz gut, dass es für uns immer noch die Möglichkeit gibt, sich total zu blamieren, auf einer Party zum Beispiel. Ich werde da jetzt nicht konkret, aber es macht das Leben doch aus, dass man sich noch selbst überraschen kann, auch wenn meine Frau dann sagt: „Du hast dich gestern echt völlig daneben benommen.“

Kein Song dürfte neben „Willkommen in Deutschland“ besser zur Zeit passen als „Alle sagen das“, eine Auseinandersetzung mit Fake News und Filterblasen. War die Welt übersichtlicher zu „Opel-Gang“-Zeiten Anfang der 80er?

Campino: Ja, durchaus. Aber es gab trotz der erwähnten drei Fernsehsender mit Sendeauftrag auch da schon starke Polarisierungen bis hin zum Brainwashing, Stichwort Springer-Presse. Heute ist das aber noch viel unübersichtlicher geworden. Für jede Einstellung, jedes Gedankenbild gibt es Tausende Newsangebote, und man klickt nur noch das an, was einem am besten ins vorgefertigte Bild passt, damit die Meinung bestätigt wird. Ein Gesprächsaustausch, ein Hinterfragen der eigenen Argumente findet nicht mehr statt, nur noch Geschrei.

Jetzt habt Ihr 30 Jahre nach dem Mauerfall zusammen mit dem Rostocker Marteria die Doppel-Single „Scheiß Ossis/Scheiß Wessis“ veröffentlicht. Schwieriges Timing.

Campino: Wir haben tatsächlich überlegt, die Single zu stoppen und große Teile der Kampagne dafür geschreddert, nachdem in der Ukraine endgültig der Krieg ausgebrochen ist. Das Lied hatte eigentlich einen viel lustigeren Hintergrund, weil es ein Verhalten beschreibt, über das wir seit dem Mauerfall nicht hinwegkommen. Es geht dabei um Vorurteile zwischen Ost und West, die wir uns zurechtgebastelt haben und von denen wir auch nicht abrücken wollen, weil es sich damit einfacher leben lässt. Aber seit dem Krieg werden wir in unseren Empfindungen und unseren Überlegungen über Nacht um ein halbes Jahrhundert zurückgeworfen. Die Armee müsse abwehrbereit gegen Russland sein, Atomwaffen, Diktatur: Was mit dem Fall der Mauer Geschichte schien, ist wieder da. Auch wenn unsere Aktion nun zeitlich in einem anderen völlig anderen Kontext steht, als sie gedacht war: Wir stehen zu den Singles und meinen sie als Zeichen des Zusammenwachsens und der Freundschaft auf Augenhöhe.

Als Kind es kalten Krieges bist Du unter der Dunstglocke der Angst aufgewachsen. Da sind wir jetzt wieder gelandet. Krieg in Europa, dazu auch noch … sagen wir mal „aufrechte Deutsche“ im Bundestag. Resigniert man da als die ganze Welt bereisender Internationalist Campino?

Campino: Resignation kann nicht die Parole sein, im Gegenteil. Vielleicht hilft es, sich nicht nur bedauerliche, und problematische Ausschnitte anzusehen, sondern den Blickwinkel zu erweitern und auf die Dinge zu schauen, die sich zum Guten entwickelt haben. Ich finde, wir sind als Gesellschaft viel bunter und toleranter geworden, auch wenn noch viel Arbeit und Diskussionen nötig sind. Wir sind nicht mehr das Deutschland der 80er-Jahre. Das sollte uns motivieren, auf Kurs zu bleiben.

Die beste Zeile der neuen Lieder ist: „Wir lesen die ,Bild’, aber nur das Feuilleton“.

Campino: Das ist gemünzt auf „Ich lese die ,Bild’, aber nur den Sportteil“ oder „Ich lese den Playboy, aber nur die Interviews“. Sprüche, die man immer wieder hören kann.

Vor sechs Jahren sagtest Du uns: „Niemand will einen 60-Jährigen sehen, der eine Traverse hochklettert, nur um den jungen Leuten krampfhaft zu beweisen, dass er es noch drauf hat.“ Wir werden am 14. Juli bei Eurem Konzert im Hamburger Volkspark ganz genau hinschauen.

Campino: Und ich sage Dir heute: Möge irgendjemand da oben auf mich aufpassen und mir untersagen, das zu tun.

„Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen“ Album (JKP) ab 27. Mai im Handel, Konzert: Do 14.7., 19.00, Volkspark, Karten zu 61,- im Vorverkauf; www.dietotenhosen.de