Theaterfestival

Martin Kušej, die aussterbende Theater-Spezies

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Der Direktor des Wiener Burgtheaters hat über sein (Theater)-Leben geschrieben.

Der Direktor des Wiener Burgtheaters hat über sein (Theater)-Leben geschrieben.

Foto: imago stock / imago/SKATA

Der Regisseur Martin Kušej gastiert an diesem Wochenende beim Theaterfestival – und hat einen Erinnerungsband veröffentlicht.

Hamburg/Wien.  Martin Kušej ist eine aussterbende Spezies. Ein Theaterintendant, der sich eindeutig als Künstler versteht. Ein regieführender Patriarch, der sein Haus prägt. Einer, der gleichzeitig darunter leidet, dass er solch eine prägende Künstlerpersönlichkeit ist und der aus diesem Leiden immer wieder große Kunst zu schöpfen bereit ist. Ein Mensch voller liebevoller Leidenschaft, der schonungslos sein kann, zu sich ebenso wie zu seinem Umfeld.

Ein Arbeitgeber, wie man ihn eigentlich nicht haben möchte, aber von dem man dennoch fasziniert ist: weil er brennt für das, was er macht. Dass Kušej seit 2019 das Wiener Burgtheater leitet, passt – charakterlich ähnelt der am 14. Mai seinen 61. Geburtstag feiernde Theatermacher dem Kollegen Claus Peymann, dessen Burgtheater-Intendanz von 1986 bis 1999 einen legendären Ruf hat.

Kušej und Peymann können nicht allzuviel miteinander anfangen

Kein Wunder auch, dass Kušej und Peymann nicht allzuviel miteinander anfangen können, wie sich im gerade veröffentlichen Erinnerungsband „Hinter mir Weiß“ zwischen den Zeilen lesen lässt – die beiden sind sich einfach zu ähnlich. Wobei Peymanns Regiearbeiten der vergangenen Jahre immer einen Zug ins Gestrige hatten, während Kušej ein zutiefst heutig arbeitender Regisseur ist, was sich beim Burgtheater-Gastspiel „Maria Stuart“ an diesem Wochenende auf Kampnagel im Rahmen des Hamburger Theaterfestivals nachprüfen lässt.

„Hinter mir Weiß“ beschreibt diesen heutigen Anspruch, indem Kušej sich als ästhetisch Suchenden beschreibt. Als jemanden, der voller Wut auf den politischen Rechtsruck nicht nur in seiner Heimat Österreich reagiert, als jemanden, der sich nicht mit den Zuständen abfinden will.

Mit dem Wienertum tut sich Kušej bis heute schwer

Der überaus unterhaltsame Band beschreibt die Biografie des 1961 in Kärnten geborenen Regisseurs als Leidensgeschichte: wie er seinen Körper ruinierte, zunächst mit Leistungssport (Kušej war vor seiner Theaterkarriere Profi-Basketballer), mit Drogen, mit den Exzessen des Bühnenalltags. Mit welcher Leidenschaft er Religionen ausprobierte, um sich heute als Agnostiker zu verstehen, gleichwohl: Er ist unglücklich mit dem Nichtglauben. Mehrfach werden unglückliche Liebschaften und gescheiterte Ehen erwähnt, er zeichnet sich selbst als Getriebenen.

Nicht zuletzt beschreibt er seine nationale Identität, als Angehörigen der Minderheit der Kärntner Slowenen. Was er lange verleugnete, nur um mittlerweile ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Dass viele deutschsprachige Zeitungen in seinem Namen den Hatschek über dem „s“ ignorieren, ärgert ihn, in seinen Augen ist das eine Missachtung seiner ethnischen Zugehörigkeit. In diesem Sinne doppelt Kušej die aktuellen Identitätsdebatten, nicht nur am Theater. Bezeichnend: Als er nach dem Studium ins slowenische Ljubljana zog, fühlte er sich schnell als Slowene, als er später hauptsächlich in Deutschland arbeitete, unter anderem in Hamburg, Stuttgart und München, fühlte er sich als Deutscher. Nur mit dem Wienertum tut er sich bis heute schwer. Er macht es sich nicht leicht.

Freilich: dem Publikum auch nicht. Kušejs Inszenierungen sind wütendes Radikaltheater, voller Nacktheit, Blut, Aggression. Und grundsätzlich ohne die Ironie, die für Regisseure oft einen Ausweg aus der Drastik des Dargestellten ermöglicht. Theater, wie es heute eigentlich kaum noch jemand macht. Kušej ist eine aussterbende Spezies, man sollte sie sich anschauen, solange es noch geht.

„Maria Stuart“ 14. und 15. Mai, 19 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20, Tickets unter 27094949, www.hamburgertheaterfestival.de, Martin Kušej: Hinter mit Weiß, Wien 2022:

( fks )