Thalia Theater

Roman „Brüste und Eier“ kommt in Hamburg auf die Bühne

| Lesedauer: 7 Minuten
Annette Stiekele
Regisseur Christopher Rüping spricht am Montag, 06. September 2021 in Bochum. Das Schauspielhaus Bochum steht kurz vor der Eröffnung der Spielzeit 2021/2022. Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE FotoServices

Regisseur Christopher Rüping spricht am Montag, 06. September 2021 in Bochum. Das Schauspielhaus Bochum steht kurz vor der Eröffnung der Spielzeit 2021/2022. Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE FotoServices

Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Der Regisseur Christopher Rüping bringt am Sonnabend den Bestseller „Brüste und Eier“ auf die Thalia-Bühne. Ein Interview.

Hamburg.  Der Titel klingt schon mal ungewöhnlich. „Brüste und Eier“ ist ein Bestsellerroman der japanischen Autorin Mieko Kawakami, in dem sie Frauenbilder und Familienmodelle erforscht. Die weltweite Leserschaft zeigte sich begeistert. Die Kritiken überschlugen sich mit Lob. Am Thalia Theater adaptiert nun Regisseur Christopher Rüping den Roman für die große Bühne. Ein Gespräch über den Roman, die soziale Rolle der Frau und die eigene Stoffauswahl.

Die Inszenierung von „Brüste und Eier“ nach dem gleichnamigen Roman von Mieko Kawakami soll nach der Zürcher Inszenierung „Einfach das Ende der Welt“ der zweite Teil einer Trilogie über die Familie im 21. Jahrhundert sein. Was interessiert Sie am Thema Familie?

Christopher Rüping Hinter dem Begriff Familie verbirgt sich eine ganze Reihe von Sehnsüchten: Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen. Längst suchen wir diese diese Gefühle nicht mehr ausschließlich in traditionellen Familienkonstellationen, die häufig eine Variation des Modells Vater-Mutter-Kind(er) darstellen. Trotzdem ist genau diese Vorstellung von Familie nach wie vor präsent – auf den deutschsprachigen Bühnen sogar überpräsent. Ich glaube, es ist es ist an der Zeit, den Familienbegriff nach dem ersten Drittel des 21. Jahrhunderts wieder einmal zu überprüfen und ihn an die realen Lebensverhältnisse anzupassen.

Und warum eignet sich gerade dieses Buch für eine Erforschung des Themas?

Ich halte „Brüste und Eier“ für einen der großen Romane unserer Zeit. Im Zentrum steht die Sinnsuche der Erzählerinnenfigur Natsuko, die sich eine der ganz großen Fragen stellt: Möchte ich Mutter werden? Und wenn ja: warum? Will ich es wirklich selber oder leiste ich nur dem mehr oder weniger ausformulierten Auftrag der Gesellschaft beziehungsweise meiner biologischen Veranlagung Folge? Aus dieser Frage entwickelt sich am Ende eine fantastisch gegenwärtige Familienkonstellation. Aber ich will nicht zu viel verraten.

Im Zentrum von „Brüste und Eier“ stehen ja mehrere Frauen, eine will eine Brustvergrößerung, ihre Tochter steckt in der Pubertät, die Schwester der Frau – eben jene Natsuko – sucht ihre Rolle als asexuelle Frau. Warum ist die Frau in ihrer sozialen Rolle ständig mit Diskriminierung konfrontiert?

Frauen und ihre Körper sind enormen Erwartungen ausgesetzt – nicht nur, was das äußere Erscheinungsbild angeht. Gerade bei der Frage, ob eine Frau Mutter wird oder nicht, wird oft die natürliche Bestimmung als Argument ins Feld geführt. Einer Frau, die keine Kinder haben möchte, wird dann implizit vorgeworfen, der Natur zuwiderzuhandeln. Was ein genauso hirnrissiger wie brutaler Vorwurf ist.

Inwiefern spielt die traditionelle, von Konvention geprägte japanische Gesellschaft eine Rolle?

Mieko Kawakami vollbringt das Kunststück, ziemlich explizit über die japanische Gesellschaft zu schreiben und dabei etwas allgemein Menschliches zu verhandeln. Man muss also keine Japanexpertin sein, um den Roman oder die Inszenierung genießen zu können. Aber klar, ohne die Schauspielerin Ann Ayano und die Performerin Saori Hala, die beide aus Japan kommen, hätten wir „Brüste und Eier“ nicht adaptieren können.

Von ihnen habe ich zum Beispiel den Begriff des „Luftlesens“ gelernt. Darunter versteht sich die Fähigkeit und Aufgabe, das eigene soziale Verhalten ohne ausdrückliche Aufforderung den Bedürfnissen der Mitmenschen anzupassen. Natsuko, die Erzählerin, ist eine große Luftleserin.

Wie starten Sie eine Suche und welche Herausforderungen stellen sich bei einem Romanstoff?

Seine Ausführlichkeit. 600 Seiten Romanhandlung bekommt man nicht einfach so auf die Bühne gehievt. Man braucht einen Zugriff, eine Idee, die eine Schneise in die Materialflut schlägt. Wir haben uns zum Beispiel dazu entschieden, unseren Theaterabend aus der Per­spektive des Kindes zu erzählen, das (Spoiler!) am Ende geboren wird. Das unterscheidet sich deutlich von der Erzählperspektive des Romans.

Das Buch schildert ja körperliche Vorgänge und Veränderungen sehr explizit. Wie transportiert man das auf die Bühne?

Da sind wir noch auf der Suche. Im Roman werden ausführlich die verschiedenen Methoden der Brustvergrößerung geschildert; ein Samenspender erläutert detailliert die Qualität und Beschaffenheit seines Spermas; die pubertierende Nichte der Erzählerin ist gleichermaßen fasziniert und entsetzt über die physiologischen Vorgänge bei der ersten Menstruation. Wie man das auf die Bühne bringt, wo man ja anders als beim Lesen des Romans mit realen Körpern konfrontiert ist, da probieren wir gerade noch dran herum.


Sie inszenieren große mehrstündige Klassiker genauso wie aktuelle Romane. Was interessiert Sie auf dem Theater?

Der Welt zu begegnen, in der wir leben. Ihr ins Getriebe zu schauen. Im Moment fällt mir das leichter, wenn ich mich mit zeitgenössischen Stoffen beschäftige als mit kanonischen Texten. Was vielleicht daran liegt, dass ich bei Klassikern irgendwie doch immer um die Ecke denken muss. Ich erzähle etwas, meine damit aber eigentlich was anderes. Das ist dann schon nah an der Definition von Ironie. Und von da ist es nicht mehr weit zum Zynismus. Und der ist angesichts einer zynisch gewordenen Welt kein probates Mittel, glaube ich.

Sie haben bereits fünf Einladungen zum Berliner Theatertreffen und unter anderem den Nestroypreis erhalten. Erhöhen Auszeichnungen den Erfolgsdruck?

Meine erste Einladung zum Theatertreffen habe ich 2015 mit „Das Fest“ erhalten, meiner zweiten Inszenierung auf einer großen Bühne überhaupt. Das hat mich damals schon verunsichert. Plötzlich schaut man von außen auf die eigene Arbeit – und nichts funktioniert mehr. Inzwischen ist das anders. Nichts ist älter als der Applaus von gestern.

Ich konzentriere mich so gut es geht auf anderes: mit größtmöglicher Hingabe und Ernsthaftigkeit am jeweiligen Projekt zu arbeiten. Stoffe zu finden, von denen ich glaube, dass sie wichtig sind, nicht einfach irgendwas zu inszenieren. Und allen Produktionsbeteiligten die Möglichkeit zu geben, irgendwie Einfluss zu nehmen auf das, was da am Ende zu sehen ist. Wenn mir das gelingt, bin ich zufrieden.

„Brüste und Eier“ Uraufführung 30.4., 19 Uhr, Thalia Theater, Alstertor, Karten unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de