Oscar-Preisträger

Volker Schlöndorff: „Die Katastrophe scheint unvermeidlich“

| Lesedauer: 9 Minuten
In Afrika filmte Volker Schlöndorff für seinen neuen Film „Der Waldmacher“.

In Afrika filmte Volker Schlöndorff für seinen neuen Film „Der Waldmacher“.

Foto: Weltkino

Schlöndorff über ein Debüt mit 83 Jahren, seinen Beitrag im Kampf gegen die Öko-Katastrophe und sein Entsetzen über Putins Krieg.

Berlin. Am letzten Märztag ist Volker Schlöndorff 83 Jahre alt geworden. Ein Alter, das man ihm nicht ansieht. Das Filmfestival von Bergamo richtete ihm am selben Tag eine Hommage mit 21 Filmen aus. „Das schönste Geburtstagsgeschenk“, findet er.

Doch der Oscar-Preisträger hat auch einen neuen Film am Start: „Der Waldmacher“, ein Dokumentarfilm über Tony Rinaudo, der seit Jahrzehnten eine simple Schnitttechnik verbreitet und mit afrikanischen Bauern gegen die Versteppung des Kontinents ankämpft. Seit dieser Woche läuft “Der Waldmacher“ im Kino, am Mittwoch stellte Schlöndorff ihn im Zeise vor.

Hamburger Abendblatt: Herr Schlöndorff, haben Sie die Oscar-Nacht verfolgt? Was sagen Sie zur Cause Will Smith?

Volker Schlöndorff: Ach, das ist halt Temperament. Ein Schauspieler! Wenn ein Weißer einen Schwarzen geohrfeigt hätte, wäre das ein Riesenskandal. Oder umgekehrt. Aber so doch eher nicht. Ich kann diese Hysterie, diesen neuen puritanischen Impuls nicht ertragen. Übrigens auch nicht, wenn es ums Gendern geht. Und man weiß ja gar nicht, ob man noch „black“ sagen darf oder „afro-american“ sagen muss. Darf man „white man“ sagen? Das ist alles ein überflüssiges Rumzensieren am anderen.

Meinen Sie, Smiths Karriere ist nun beschädigt? Sie haben sich bei Ihrem Oscar 1980 ja auch fast um Kopf und Kragen geredet.

Schlöndorff: Iwo, das wird keine Folgen haben. Bei mir war’s ja noch etwas anders. Ich hatte in meiner Dankesrede gesagt, das sei der erste Auslands-Oscar, der nach Deutschland geht, aus Gründen, die wir alle gut kennen. Ich spielte natürlich auf die Vertreibung von Filmkünstlern durch die Nazis an. Aber die hatten verstanden, Hollywood habe es verhindert, einem deutschen Film den Preis zu geben. Eigentlich wird ja durch das neue Museum der Academy die ganze Oscar-Geschichte aufgearbeitet. Ich wollte auch immer mal mit denen darüber reden, wieso die Rede damals so missverstanden wurde. Aber das wollen sie nicht.

Ihr neuer Film „Der Waldmacher“ wird beworben als Ihr erster Dokumentarfilm. Sie haben aber auch schon „Der Kandidat“ gedreht und „Deutschland im Herbst“.

Schlöndorff: Ja, das stimmt so natürlich nicht. Aber es ist der erste abendfüllende Dokumentarfilm, den ich allein gemacht habe. „Der Kandidat“ habe ich mit Alexander Kluge und Stefan Aust gedreht, „Deutschland im Herbst“ mit Kluge und Fassbinder. Ich habe auch schon für Arte kleine Beiträge gedreht. Aber ich habe mich nie als Dokumentarfilmer gesehen. Auch wenn ich finde, ein guter Spielfilm sollte immer dokumentarischen Gehalt haben.

Warum dann jetzt dieses „späte Debüt“? Und wie kamen Sie auf den Waldmacher?

Schlöndorff: Ich bin da so reingerutscht. Das ergab sich aus einer Begegnung mit Tony Rinaudo Ende 2018, er hatte gerade den alternativen Nobelpreis bekommen. Ich bin bei der Hilfsorganisation World Vision engagiert mit der auch er zusammenarbeitet. Man fand, wir sollten uns kennenlernen, und hat mich zu einem Vortrag eingeladen. Tony hat entdeckt, dass es unter allen Böden Wurzeln von Bäumen gibt, die es vor langem gab. Wenn man die Triebe richtig pflegt, wachsen sie unheimlich. So ließ er ganze Wälder wachsen, ohne einen einzigen Baum zu pflanzen. Aber wenn das so einfach ist, stellt sich doch die Frage, wieso das nicht weltweit angewendet wird, im großen Stil. Dem wollte ich nachgehen. Ich wusste nicht, welche Dimension das annehmen würde, habe aber von einem Tag auf den anderen beschlossen, ihn auf einer Reise nach Afrika zu begleiten.

Dabei geht Ihr Film nicht nur über ihn.

Schlöndorff: Der erste Impuls war, dieser Sache zu helfen. Aber Tonys Geschichte wäre in kurzer Zeit erzählt gewesen. Viel interessanter ist aber die Situation der Bauern in Afrika, die seine Methode anwenden. Am Ende habe ich mich mehr für die Menschen als für die Bäume interessiert.

Das war erst mal als Spielfilm geplant?

Schlöndorff: Freunde rieten mir: Kein Mensch geht für einen Dokumentarfilm ins Kino, mach einen Spielfilm! Ich wollte erst mal dahin, weil es mich interessierte, und habe Material gedreht. Das wäre auch Basis für einen Spielfilm gewesen. Aber ich dachte, dann mach’ ich doch gleich nur einen Dokumentarfilm. Ich habe ja auch schlechte Erfahrungen gemacht. Jahrelang wollte ich einen Film über die Berliner Afrika-Konferenz 1884 machen, als der Kontinent unter Kolonialherren aufgeteilt wurde. Die Drehbücher liegen alle noch hier. Aber es hat keinen interessiert, nicht die Förderer, nicht die Produzenten, nicht die Verleiher. Nach dem Motto: Jetzt sollen wir auch noch an der Aufteilung Afrikas schuld sein.

Man traut sich heute kaum noch, Nachrichten zu schauen. Immer geht es um Klimawandel, Wetterkatastrophen und Umweltzerstörung. Ist der Film auch ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass es vielleicht doch noch eine Zukunft für diesen Planeten gibt?

Schlöndorff: Es geht mir da wie Ihnen. Man kann nur noch die Hände vor dem Kopf zusammenschlagen. Es scheint unvermeidlich, dass die Katastrophe passiert. Aber die Natur des Menschen ist es wohl, dass er erst reagiert, wenn sie eintritt. Ich war aber sehr verblüfft, dass Tony so zuversichtlich bleibt. Das hat mich angesteckt. Pessimist bin ich von Haus aus, aber es gibt Lösungen und Fortschritte. In Afrika muss man jetzt reagieren, Landwirtschaft geht nicht mehr wegen der Trockenheit. Aber wenn man dort sieht, dass Quellen wieder Wasser geben, nur weil ein Hügel neu bewaldet ist, sorgt das schon für ein Umdenken. So hat sich Tonys Lehre verbreitet, in 25 Ländern. Aber halt nur von Dorf zu Dorf. Der Prozess müsste beschleunigt werden und Teil der Entwicklungspolitik sein.

Sie sagten mal, Rinaudo sei wie ein Guru mit seinen Jüngern. Wurden Sie auch einer? Sie predigen am Ende ja auch seine Ideen.

Schlöndorff: Und ich glaube es inzwischen auch. Er hat mich da wirklich als ungläubigen Thomas bekehrt. Ich bin ein echter Jünger von ihm geworden.

Der Film ist hochaktuell, weil es auch die andere große Weltkrise tangiert: den Flüchtlingsstrom aus den armen Ländern.

Schlöndorff: Bei der jetzigen Bevölkerungsexplosion in Afrika werden vor Ende des Jahrhunderts wohl 100 Millionen Afrikaner in Europa leben. Das traut sich keiner auszusprechen. Aber das Klima der Zukunft kann auf ein halbes Grad genau auf 50 Jahre vorausberechnet werden. Da wird man doch wohl auch die Flüchtlingsströme berechnen können. Politiker sprechen das nicht aus, aber ich darf das.

Da sind wir auch gleich bei der jetzigen Flüchtlingswelle. Sie haben gerade eine Ukrainerin aufgenommen.

Schlöndorff: Ich bin an den Bahnhof und habe das gesehen. Mein Haus hat noch eine kleine Zweizimmerwohnung, wo früher mal ein Hausmeister wohnte. Ich hatte hier bis vor kurzem eine Afrikanerin, das wurde über das Asylantenheim in Potsdam vermittelt. Da habe ich mich jetzt wieder gemeldet. Und haben mir eine junge Frau geschickt, eine Englischlehrerin mit einer dreijährigen Tochter. Ihr Mann ist weiter in der Ukraine. Man muss sich da kümmern. Auch um die eigene Ohnmacht zu überwinden.

Wie erleben Sie dann Putins Krieg, wenn man das ganz unvermittelt mitbekommt?

Schlöndorff: Das ist einfach nur furchtbar und nicht zu ertragen. Ich habe nach der Wende schon in Kiew einen kleinen Dokumentarfilm über Straßenkinder gedreht und über Barbara Mohnheim, die da ein Waisenhaus gebaut hat. Ich war immer wieder dort und habe die Entwicklung seit der Wende verfolgt. Die haben gerade ihr Land aufgebaut. Und jetzt wird alles zerbombt. Ohne erkennbaren Sinn. Es ist ja nicht mal ein Eroberungskrieg, wo es um neues Territorium oder Bodenschätze geht. Doch egal, wie viel Gräuel Putin noch begehen wird: Die Nato kann nicht eingreifen, das Risiko eines Atomschlags ist einfach zu groß. Aber verblüffend ist die breite Solidarität, die Unterstützung im Volk und die Aufnahmebereitschaft. Das macht Hoffnung.

Eine letzte Frage: 83 ist eine beachtliche Zahl. Aber aufs Altenteil ziehen Sie sich nicht zurück?

Schlöndorff: Bei 83 dachte man früher ja immer an Tattergreise. Aber ich funktioniere wie vor 40 Jahren, ich merke keinen Unterschied. (klopft auf Holz) Ich schließe nichts aus, aber momentan habe ich gar keine Pläne, weder Spiel- noch Dokumentarfilm. Das muss gar nicht sein. Ich kann auch prima spazieren gehen. Oder mich um Flüchtlinge kümmern.