Neues Album

Scorpions: „Wir haben unsere Authentizität wiedergefunden"

| Lesedauer: 7 Minuten
Tino Lange
Die Scorpions Matthias Jabs, Mikkey Dee, Klaus Meine, Pawel Maciwoda und Rudolf Schenker (v. l.).

Die Scorpions Matthias Jabs, Mikkey Dee, Klaus Meine, Pawel Maciwoda und Rudolf Schenker (v. l.).

Foto: Marc Theis

Die Hardrocker über das starke neue Album „Rock Believer“, alte Verstärker und Wegbegleiter und den sich drehenden „Wind Of Change“.

Hamburg.  Da sitzen sie wie aufgekratzte Schuljungen, aufgereiht vor der Zoom-Kamera in ihrem Tonstudio in Hannover: Klaus Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs. Seit 1978 sind der Sänger und die beiden Gitarristen der harte Kern der 1965 gegründeten Scorpions („Rock You Like A Hurricane“).

Und Grund zur Freude haben nicht nur die Anfang der 80er zu internationalen Stars aufgestiegenen Hardrocker, sondern auch ihre Fans: Das am 25. Februar erscheinende neue Album „Rock Believer“ ist das vielleicht beste seit „Love At First Sting“ 1984 – wuchtig, dynamisch und mit unpolierten Ecken und Kanten sowie vielen Soundverweisen und Erzählungen aus der langen Bandgeschichte. Das kommt nicht von ungefähr, wie die Scorpions berichten.

Hamburger Abendblatt: Schon das Albumcover von „Rock Believer“ erinnert entfernt an die Klassikeralben „Blackout“, „Love­drive“ und „Animal Magnetism“, und auch der Sound und viele Songs sind deutlich mehr alte Schule als die auf den doch sehr perfektionistisch und kühl produzierten Scorpions-Alben der vergangenen Jahre.

Rudolf Schenker: Das begann mit den Texten, die Klaus geschrieben hat. Da stecken viele Geschichten aus unserer langjährigen Tourzeit drin, und dadurch sind wir automatisch in diese Atmosphäre reingekommen. Zumal wir das Album zusammen live aufgenommen haben. Heute entsteht vieles als Sounddesign am Computer, aber für „Rock Believer“ haben wir uns getroffen, unsere alten Verstärker aus dem Lager geholt und die Musik endlich wieder gefühlt. Ohne dass uns jemand reinredet.

Klaus Meine: Und eines unserer Markenzeichen ist die Heavyness, die Klassiker wie „China White“, „Animal Magnetism“, „Coast To Coast“ oder „The Zoo“ vor allem live entfachen. Das überträgt sich mental auf neue Lieder wie „Seventh Sun“. Wenn du das richtig aufdrehst, fliegt dir der Kopf weg.

Noch ein Schritt weiter zurück ist „Shining Of Your Soul“. Das klingt auch von der Produktion wie Ihre Alben in den 70er-Jahren. Wie viel aus dieser Zeit des Aufbruchs zum internationalen Erfolg steckt noch in Ihnen?

Schenker: Die Lebendigkeit. Es ist sehr einfach, am Computer seine Teile zur Drummachine einzuspielen, und am Ende spielt der Schlagzeuger drüber. Aber wir haben unsere Authentizität wiedergefunden. Und die Fehler, die man im Zusammenspiel macht, werden plötzlich zum Highlight.

Matthias Jabs: Wir haben natürlich auch die Vorzüge moderner Studioarbeit geschätzt und wie mit „Sting In The Tail“ sehr gute Alben aufgenommen – bis unsere Fans gesagt haben: „Hmm. Das ist jetzt ein bisschen die polierte Variante und hat nicht so viele Ecken und Kanten.“ Und wir hören ja zu. Und dass wir uns selbst produziert haben, hat mit Sicherheit noch mehr herausgekitzelt.

Meine: Und so schlimm die Pandemie auch ist: Uns hat sie entschleunigt, und alles, was wir wie ein Schwamm in den letzten Jahren aufgesogen hatten, konnten wir ganz in Ruhe und ohne Zeitdruck reflektieren.

Es ist auch Ihr erstes Album mit Motörhead-Trommler Mikkey Dee. Bassist Pawel Maciwoda ist bald 20 Jahre dabei. Verglichen mit anderen ähnlich langen aktiven Hardrockbands ist die Liste Ihrer ausgeschiedenen Bandmitglieder aber noch relativ übersichtlich. Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu den ganzen ehemaligen Scorpions? Manche Trennung war doch, ohne Namen zu nennen, sehr unangenehm.

Meine: Ich habe neulich einen alten Auftritt von uns 1977 mit Uli Jon Roth an der Gitarre im Schweizer Fernsehen gesehen. Ich konnte mich daran gar nicht mehr erinnern. Aber das war eine hammermäßige Performance. Daraufhin habe ich Uli gemailt und ihm gesagt: „Das musst du dir angucken!“ Er schrieb dann am nächsten Tag zurück: „Ich wusste nicht mehr, dass wir so gut waren.“

Jabs: Und auch die unrühmlichen Trennungen sind ausgestanden. Wir können uns alle in die Augen schauen.

Wenn mal so viel durchgestanden hat, entwickelt man da eine Art väterlicher Attitüde, wenn man etwa in Wacken mit viel jüngeren Bands zusammentrifft? Nach dem Motto: „Jungens, zieht ’ne lange Unterhose unter die Spandexbüx, es ist kalt heute!“?

Meine: Nein, eine väterliche Attitüde haben wir da überhaupt nicht. Aber Freude an den jungen Bands und großen Re­spekt, wie amtlich die durchstarten. Es ist immer schön, wenn eine neue Generation „Rock Believer“ nachwächst. Wir haben uns vom Sound Ende der 90er-Jahre etwas abgewandt, viel herumexperimentiert und sind durch ein Tal gewandert. Aber wir haben die Leidenschaft für Hard ’n’ Heavy wiederentdeckt.

Freut es Sie zu hören, dass die elektrische Gitarre, jahrelang in der Verkaufskrise, seit Corona plötzlich wieder angesagt ist und ungeahnte Rekordabsätze feiert?

Schenker: Das ist ja auch verständlich. Wenn du zu Hause nichts zu tun hast, nicht in den Urlaub fahren kannst und einfach nichts los ist, verwirklichst du einen alten Traum oder belebst ihn wieder. Ein Haustier. Oder eine elektrische Gitarre.

Jabs: Ich habe ein Musikgeschäft in München, und vor der Pandemie haben wir viermal mehr Akustikgitarren als Elektrische verkauft. Jetzt sind die gleichauf, und auch andere Instrumente sind sehr gefragt. Sosehr die Krise die Musikszene mitgenommen hat, ist das eine positive Entwicklung. Vielleicht können wir auch mit unserem handgemachten Album zeigen, welchen Spaß das Musikmachen hat.

Die größten Erfolge erlebten die Scorpions Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre in einer Ära der Entspannung und des Ausgleichs. Jetzt weht beim Blick zum Beispiel auf Russland und die Ukraine der „Wind Of Change“ aus einer anderen Richtung.
Betrübt Sie das?

Meine: Ja klar. Die Zeit, die wir mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Mauerfall erlebt haben, die Hoffnung, die „Wind Of Change“ ausdrückt, versprach eine friedlichere Zukunft. Das hatte sich spätestens mit dem 11. September 2001 komplett verändert. Und heute? Wir würden uns wünschen, der Wind würde wieder in eine andere Richtung drehen.

Belastet das auch Ihre Bekanntschaft mit Putin-Freund Gerhard Schröder?

Meine: Ich sehe ihn hin und wieder beim Fußball, aber das ist pandemiebedingt auch schon sehr lange her. Aber wenn wir uns sehen, diskutieren wir höchstens darüber, wie man Hannover 96 wieder nach vorne bringen könnte.

Ein neues Lied heißt „When I Lay My Bones To Rest“. Ist es an der Zeit, die müden Knochen auf dem Sofa abzulegen?

Meine: Der Weg, der noch vor uns liegt, ist deutlich kürzer als noch vor ein paar Jahren, das ist klar. Aber solange die Rolling Stones, die noch eine Generation vor uns liegen, noch so gut dabei sind, werden wir sicher nicht hinschmeißen.