„Tatort“-Kommissarin

Warum Corinna Harfouch künftig weniger Filme drehen möchte

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Schauspielerin Corinna Harfouch in "Das Mädchen mit den goldenen Händen".

Schauspielerin Corinna Harfouch in "Das Mädchen mit den goldenen Händen".

Foto: Wild Bunch

Die Schauspielerin spricht über ihren neuen Film „Das Mädchen mit den goldenen Händen“ und die Vorbereitung auf den Berliner „Tatort“.

Berlin.  Sie ist eine der größten Schauspielerinnen des Landes, auf der Leinwand wie auf der Bühne. Auch wenn sie als schwierig gilt und viel ablehnt: Wenn sie einmal zugesagt hat, gibt sie wirklich alles. Wie im neuen Film „Das Mädchen mit den goldenen Händen“, der am 17. Februar ins Kino kommt. Da spielt sie eine resolute 60-Jährige, die zehn Jahre nach Mauerfall in einem brandenburgischen Dorf die letzte Begegnungsstätte des Ortes vor dem Ausverkauf an reiche Wessis retten will – mit allen Mitteln.

Eine Paraderolle für die gebürtige Thüringerin – auch wenn sie bei Stoffen über die DDR nur ungern mitspielt. Und noch weniger gern darüber sprechen mag. Nur einen Tag nach dem Filmstart ist die 67-Jährige dann wieder auf der Bühne zu erleben, im Maxim Gorki Theater feiert „Queen Lear“ Premiere, natürlich mit ihr in der Titelrolle. Noch in der Planung ist Corinna Harfouchs erster „Tatort“ als Kommissarin.

Geht es Ihnen gut, sind Sie bislang gut durch die Corona-Zeit gekommen?

Corinna Harfouch Mir geht es fantastisch, vielen Dank. Ich bin wie alle in einer Spannung, wie sich unser Arbeitsleben im Moment organisiert. Aber ich versuche das alles in positive Schwingungen zu verwandeln, um nicht auch noch in diesen großen Tränentopf hineinzuweinen.

„Das Mädchen mit den goldenen Händen“ ist das Regiedebüt von Katharina Marie Schubert. Sie haben sie als Schauspielerin auf der Bühne kennengelernt. Waren Sie damit für diesen Film gesetzt?

Ich wusste nicht, dass Katharina ein Drehbuch schreibt. Wir haben am Deutschen Theater in Gorkis „Wassa Schelesnowa“ miteinander gespielt. Wir hatten damit ein Gastspiel in Wilhelmshaven, und dort hat sie mir plötzlich dieses Buch in die Hand gedrückt. Ich war sehr überrascht und habe das noch am selben Tag gelesen. Und ich war wirklich sehr beeindruckt, dass sie einen Ton trifft, von dem ich nicht weiß, wo sie ihn her hat. Denn sie ist nicht aus dem Landstrich, den sie da beschreibt. Ich bin prinzipiell sehr empfindlich und lehne wirklich sehr, sehr viele Bücher ab, die in irgendeiner Form diese DDR-Problematik erzählen. Da gibt es so unglaublich viel Unsinn. Umso erstaunter war ich, mit welcher Fähigkeit zu Empathie und Analyse sie diese Zeit beschreibt, als viele Dinge viel zu schnell und falsch entschieden wurden, die sich auswirken bis auf den heutigen Tag.

Wie Menschen aus dem Osten abgehängt wurden und sich von Wessis ausverkauft fühlen, wird ja ganz oft gar nicht oder ganz falsch erzählt. Wie stark, was denken Sie, wirken solche Gefühle des Abgehängtseins noch? Sind wir inzwischen ein Volk geworden, ist die Mauer überwunden oder sind die Risse noch ganz stark?

Ehrlich gesagt habe ich mich ein wenig gefürchtet vor diesen Interviews. Weil ich genau solcher Fragen etwas überdrüssig bin. Ich kann das spielen, aber ich möchte darüber nicht immer wieder reden. Aber ja: Die Risse sind noch stark. Ich lebe ja auf dem Dorf, da merkt man das eher. Die Menschen haben einen Stolz. Wenn ihre Identität so gar nichts wert gewesen sein soll, dann drückt sich das mitunter in Trotz aus, in Verachtung oder gar in einer Gewaltsprache. Das ist sozialpsychologisch sehr verständlich und eben auch sehr anwesend. Man merkt das in der Stadt vielleicht nicht so. Auch die ganzen aktuellen Diskussionen, die wir führen, was etwa das Gendern betrifft oder die antirassistische Sprache – die sind in meinen Kreisen, im Theater, im Kulturbereich sehr präsent, aber in dem Dorf, in dem ich lebe, sind sie noch gar nicht angekommen.

Nach dem Mauerfall gab es erst mal keine Filme über diese Risse, dann lange nur Ostalgie-Komödien. Erst lange danach kamen differenzierte Filme, wie zuletzt „In den Gängen“ oder „Gundermann“, wo endlich mal ein anderer Blick, ein anderer Tonfall vorherrscht. Warum hat das so lange gedauert? Brauchte es diesen zeitlichen Abstand?

Wahrscheinlich. Vielleicht brauchten wir diesen Abstand. Wir mussten uns ja auch erst mal finden, sammeln und zurechtkommen. Und dann sind unsere Möglichkeiten und Strukturen zu erzählen, ja einfach zerschlagen worden. Die Defa kam in andere Hände, Adlershof wurde aufgeteilt, alle Stellen waren blitzschnell mit anderen Leuten besetzt. Ich kann mich entsinnen, dass mir mal ganz früh eine Serie angeboten wurde. Da hatte ich einige Vorgespräche mit einer ZDF-Redakteurin, und die sagte dann irgendwann: „Der Osten guckt uns sowieso nicht. Für den Osten machen wir nichts.“ Das ist lange her, aber es gab da einen beträchtlichen Hochmut. Mir hat auch kürzlich eine Kollegin erzählt, dass West-Schauspieler damals sauer waren, weil die Schauspieler aus dem Osten diesen Ruf hatten, gut ausgebildet zu sein, und auch ein bisschen „Frischfleisch“ waren. Konkurrenzdenken halt. Damit umzugehen, das musste man auch erst lernen. Überhaupt lernen, dass dieser Beruf mit Konkurrenz zu tun hat. Vielleicht war ich da zu blauäugig. Aber ich meine, Konkurrenz ist kein gutes Mittel im Umgang miteinander. Damit kommt wir nicht weiter. Das ist auch nicht unser menschliches Grundwesen, auch wenn uns das immer eingeredet wird. Wir sind symbiotisch miteinander verbunden, und sollten uns dieser schönen Tatsache bewusst bleiben.

In einer Szene des Films bieten Sie Jörg Schüttauf Sex an, wenn er dafür das Kinderheim nicht verkauft. Es gibt in jedem Ihrer Filme solche Momente, in denen Ihre Figuren sich komplett ausliefern. Suchen Sie solche Stoffe, forcieren Sie das? Müssen Sie immer aufs Ganze gehen?

Durch das Theater bin ich ja gewohnt, viel expressiver und größer zu spielen. Im Film darf man das ganz oft nicht. Im deutschen Film schon gar nicht. Ich bin aber immer froh, wenn das möglich ist und mir eine Gelegenheit dazu geboten wird. Und das Ganze macht auch keinen Sinn, wenn man sich nicht ausliefert. Das ist einfach so. Sonst kann man’s auch sein lassen.

Früher waren Serien das letzte, was man machen wollte. Jetzt steigen Sie, nach dem Abgang von Meret Becker, beim Berliner „Tatort“ ein. Wie wird das? Haben Sie schon mit Mark Waschke Kontakt aufgenommen?

Ja, sicher. Mark wurde ja fairerweise gefragt, ob er einverstanden ist. Also haben wir uns getroffen, und er war dann auch einverstanden. (schmunzelt) Es gibt jetzt auch schon Drehbücher. Und einen, wie ich finde, ganz guten Weg. Ich bin sehr gespannt, wie sich das jetzt anlässt.


Sie haben bislang erst eine Krimireihe gedreht, „Eva Blond“. Und das ist auch schon 15 Jahre her. Was hat Sie bewogen, wieder bei einer Krimireihe einzusteigen?

Das sind verschiedene Überlegungen. Manche haben gar nichts mit dem „Tatort“ zu tun, eher damit, wie ich mein Leben organisiere. Ich möchte künftig weniger drehen. Ich will nicht mehr so oft und so lange weg sein von Zuhause. Ich möchte mehr für meine Enkel da sein. Der „Tatort“ wäre dann ungefähr das Maß.

Das ist gut für den „Tatort“, aber für den deutschen Film ist das eine schlechte Nachricht.

So hab ich’s mir zumindest vorgenommen für die nächsten Jahre. Mal sehen, ob ich es durchhalte. Aber Theater ist einfach mein Ding. Das ist spannender, anstrengender, fordernder.