Literatur

Paul Auster über Amerika: Pessimismus und Hoffnung zugleich

| Lesedauer: 10 Minuten
Volker Behrens
Paul Auster gehört zu den bekanntesten amerikanischen Autoren der Gegenwart.

Paul Auster gehört zu den bekanntesten amerikanischen Autoren der Gegenwart.

Foto: J.P.GANDUL / imago/Agencia EFE

Der amerikanische Schriftsteller Paul Auster hat ein neues Buch geschrieben – und macht sich Sorgen um sein Land.

Hamburg. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind zurzeit alles andere als das. Sie sind gespalten, oft intolerant und immer wieder rücksichtslos. Es kämpfen Waffenlobbyisten, Impfgegner, Rassisten. Republikaner und Demokraten gönnen sich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln. Das war schon früher einmal so. Vor etwa 150 Jahren brach der Bürgerkrieg aus, in dem es unter anderem um die Abschaffung der Sklaverei ging (1861-1865). Den wohl bekanntesten Roman über diese traumatischen Ereignisse schrieb Stephen Crane mit „The Red Badge Of Courage“ (Die rote Tapferkeitsmedaille). Der US-amerikanische Schriftsteller Paul Auster („Die New York-Trilogie“) brauchte nach seinem 1264 Seiten langen Roman „4321“ eine Auszeit – ein „kleines Buch“ wollte er schreiben. Er kniete sich in Arbeit und Werk von Crane, der schon mit 28 Jahren in Deutschland gestorben ist. Jetzt kommt „In Flammen“ in den Buchhandel. Ein Anruf in Brooklyn.

Wie geht es Ihnen?

Paul Auster: Okay. Ich bin noch nicht tot.

Vor einem Jahr ist Joe Biden Präsident geworden. Wie blicken Sie auf das vergangene Jahr zurück?

Paul Auster: Unglaublich, dass es fast schon ein Jahr her ist. Hier in New York wütet überall die Omikron-Variante. Die Infektionsraten sind enorm. Das vergangene Jahr war verrückt, und ich bin mir sicher, mit dem, das jetzt beginnt, wird es kaum anders sein.

Sie haben in dieser Zeit und zuvor viel geschrieben. Wie kommt es, dass Stephen Crane mit „Die rote Tapferkeitsmedaille“ und anderen Werken ein wenig Vergessenheit geraten konnte?

Paul Auster: Seltsam, oder? Das ist doch ein wundervolles Buch, neu und frisch. Es ist wirklich schrecklich gut. Ich habe ihn als junger Mann gelesen. Die nächsten Jahrzehnte blieben seine Bücher aber in meinem Regal. Nachdem ich meinen Roman „4321“ geschrieben hatte, fühlte ich mich wie leergefegt. Ich habe sozusagen Urlaub vom Schreiben genommen, habe Bücher in die Hand genommen, die ich schon mein ganzes Leben lang hatte lesen wollen, habe Filme gesehen, die auf mich warteten. Dann fiel mein Blick auf eine Crane-Anthologie in meinem Bücherregal. Schau doch noch mal rein, habe ich gedacht und las seine Novelle „Das Monster“. Ich war vom Thema und der Schreibweise tief beeindruckt. Ich habe dann immer mehr gelesen. Meine Anerkennung für Crane wuchs, als ich erkannte, wie vielfältig sein Werk war, in wie vielen Genres er gearbeitet hat. Er ist ja nur 28 Jahre alt geworden, hat aber schon zu Lebzeiten mehr als 3000 Seiten literarische Arbeit veröffentlicht. Das ist doch fast unmöglich! Natürlich interessierte ich mich dann auch für sein Leben. Wer war dieser merkwürdige Junge? Lange Zeit habe ich das nur zu meinem Vergnügen gemacht. Aber irgendwann dachte ich: Vielleicht kann ich doch ein kleines Buch über ihn schreiben. Vielleicht so 150 Seiten.

Das hat ja prima geklappt. Jetzt sind es 1200.

Paul Auster: Eins führte zum anderen. Es hat mich fast die gesamte erste Hälfte der Amtszeit von Donald Trump gekostet. Als der Wahlkampf begann, war ich gerade dabei, Korrektur zu lesen. Crane hat mich bis zur Wahl begleitet.

Bereuen Sie diesen immensen Zeiteinsatz?

Paul Auster: Überhaupt nicht. Ich hätte nie geglaubt, so ein Projekt zu unternehmen, aber jetzt bin ich glücklich, das Buch geschrieben zu haben. Es war eine neue Herausforderung und sehr stimulierend. Ich möchte, dass die Menschen wieder Crane lesen. Er hat lange genug im Schatten gestanden. In meinem Roman „4321“ erzähle ich ja vier verschiedene Versionen der Geschichte meines Protagonisten Ferguson. Irgendwie ist Crane Ferguson 5. Sein Leben war voller Widersprüche. Sein Werk hat meins nie beeinflusst. Er hat mit seinen Texten gegen den Standard seiner Zeit rebelliert.

Hat es Sie nicht gewundert, dass dieser junge Mann Schriftsteller wurde?

Paul Auster: Nein, Autoren kommen in allen Größen und Formen. Es gibt keine Regeln, wie ein Künstler sein müsste.

Haben Sie viel entdeckt, was Sie vorher noch nicht von ihm wussten?

Paul Auster: Fast alles. Ich wusste vorher nur, dass er aus Newark kam, Gedichte, Romane und Journalistisches geschrieben hat und jung gestorben ist. Ich wusste beispielsweise nicht, dass er in England gelebt hat und dort ein enger Freund von Joseph Conrad geworden ist.

Wenn man sich so tief in das Leben einer realen Person hineinkniet, ist das anders, als wenn man über einen fiktiven Charakter schreibt?

Paul Auster: Ja und nein. Biografische Fragen sind für mich stets von herausragender Bedeutung gewesen. Mein erstes Buch „Die Erfindung der Einsamkeit“ ist im ersten Teil mehr oder weniger die Biografie meines Vaters. Die schwierige Aufgabe, jemanden wirklich zu verstehen, hält einen letztlich davon ab, die volle Wahrheit über jemand zu erzählen, sogar über einen selbst.

Crane beschreibt in „Die rote Tapferkeitsmedaille“ eine Zeit, in der Amerika in den Norden und Süden zerrissen war. Ist das mit der heutigen Situation vergleichbar?

Paul Auster: Seit dem Bürgerkrieg ist Amerika nicht mehr so sehr mit sich selbst auf dem Kriegsfuß gewesen wie heute. Die Themen sind natürlich andere, aber der Grad der Feindschaft ist ähnlich. Wir durchleben gerade eine sehr gefährliche Zeit. Man kann sich unmöglich vorstellen, wie das einmal ausgehen soll. Ich habe auch keine Kristallkugel, in die ich hineinblicken kann, aber ich bin pessimistisch und hoffe zugleich, dass ich mich irre. Die Probleme in diesem Land haben mit der Struktur der Regierung zu tun, die noch aus dem 18. Jahrhundert stammt. Unsere Verfassung wurde von Männern geschrieben, die nicht wirklich an die Demokratie glaubten. Sie haben so viele Sicherungen gegen wirkliche Demokratie eingebaut, dass sie sicherstellten, dass eine Minderheit regieren kann. Das sind strukturelle Probleme wie die vom US-Senat, der zwei Senatoren aus jedem Staat hat. Wyoming, wo etwa 500.000 Menschen wohnen, entsendet ebenso zwei Senatoren wie Kalifornien, wo 40 Millionen leben. Das ist doch nicht fair! Die Minderheit hat zu viel Macht. Der Präsident wird durch das Electoral College gewählt, nicht direkt vom Volk. Zweimal schon haben Politiker gewonnen, die nicht die Mehrheit der Stimmen hinter sich vereinigten: George W. Bush und Donald Trump. Beide haben dem Land schreckliche Dinge angetan. Es ist ein systemisches Problem in diesem Land, dass beispielsweise der republikanisch dominierte Supreme Court Dinge beschließt, die die Mehrheit der Bürger nicht will. Biden hat Trump um sieben Millionen Stimmen geschlagen und hat gerade mal so eben gewonnen. Wenn Trump nur 40.000 Stimmen in einigen Staaten mehr bekommen hätte, wäre er der Wahlsieger gewesen.

Da läuft etwas falsch.

Paul Auster: Das kann man wohl so sagen. Wenn wir heute über Amerika reden, müssen wir daran denken, dass wir von unseren eigenen Institutionen gehandicapt werden. Das macht es so schwierig, etwas zu erledigen. Um irgendetwas zu machen, braucht man gleich eine Supermehrheit.

Vor mehr als 20 Jahren sind Sie nach Hamburg gekommen, um im voll besetzten Passage Ihren Film „Smoke“ vorzustellen. Können Sie sich daran noch erinnern?

Paul Auster: Der Film ist in Deutschland sehr gut aufgenommen worden. Den Applaus, den wir dafür bekommen haben, werde ich nie vergessen. Er wollte gar nicht wieder aufhören. Das geschieht einem Schriftsteller nicht jeden Tag.

Haben Sie noch andere Erinnerungen an diese Stadt?

Paul Auster: Natürlich. Das erste Mal bin ich wohl 1989 hingekommen. Man feierte gerade den 800. Hafengeburtstag. Die Kulturbehörde hatte damals eine Gruppe von Autoren eingeladen, jeder sollte seine Heimatstadt repräsentieren. Ich kam natürlich für New York. Alain Robbe-Grillet repräsentierte Paris. José Saramago war im Namen Lissabons angereist. Wir hatten auch Autoren aus Havanna, insgesamt waren wir vielleicht Sieben. Man hat uns damals die ganze Stadt gezeigt. Wir haben dann eine gemeinsame Lesung gemacht. Mit Robbe-Grillet und Saramago habe ich mich damals ernsthaft befreundet. Mein Verleger Rowohlt kommt aus der Stadt. Auch die Umgebung finde ich teilweise sehr hübsch.

Was ist eigentlich aus Ihren Kinoambitionen geworden?

Paul Auster: Ich habe mit Wayne Wang nach „Smoke“ auch noch „Blue In The Face“ gemacht. Danach habe ich selbst noch „Lulu On The Bridge“ gedreht. Dazu haben wir Teile am Jahreswechsel in Dublin gedreht. Es war ein Außendreh unter Hurricane-Bedingungen. Trotzdem haben wir es irgendwie eingefangen. Aber es war ziemlich grauenhaft. 2006 habe ich dann noch „The Inner Life of Martin Frost“ gedreht. Es war ein sehr kleines Projekt mit vier Schauspielern in drei Locations. Aber jetzt werde ich für so etwas langsam zu alt.