Lessing-Preisträger

Uwe Timm über Lessing, die Aufklärung und Corona-Leugner

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Falk Schreiber
Lessing-Preisträger Uwe Timm (r,), die Lessing-Stipendiatin Birgit Weyhe sowie Kultursenator Carsten Brosda bei der Preisverleihung im Thalia Theater.

Lessing-Preisträger Uwe Timm (r,), die Lessing-Stipendiatin Birgit Weyhe sowie Kultursenator Carsten Brosda bei der Preisverleihung im Thalia Theater.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Bei der Preisverleihung erinnerte sich der Schriftsteller an seinen letzten Abend in der Hansestadt. Stipendiatin wurde Birgit Weyhe.

Hamburg. Der Intendant des Thalia Theaters Joachim Lux hat einen persönlichen Bezug zu Uwe Timm, dem diesjährigen Lessing-Preisträger der Stadt Hamburg: In den 1970ern sei der Schriftsteller eine wichtige Orientierungsfigur für den 1957 geborenen Theatermann als Post-68er gewesen, erzählte Lux im Rahmen der Preisverleihung am Sonntagvormittag im Thalia.

Und auch die so kenntnisreich wie charmant durch das Programm führende Kulturjournalistin Natascha Geier ist Timm verbunden: Anfang der Nullerjahre habe sie als hoffnungsfrohe Nachwuchsreporterin ein Interview mit dem schon damals hochgeehrten Autor geführt, sei extra nach München gefahren und entsprechend aufgeregt gewesen.

Timm aber habe sich als überhaupt nicht einschüchternd entpuppt, sondern sei im Gegenteil ein „feiner und feinsinniger Interviewpartner“ gewesen – wofür ihm Geier bis heute dankbar sei. Schön, wenn sich Ehrende und Geehrte so über den Austausch von Freundlichkeiten hinaus nahe sind.

Lessing-Preis für „Rennschwein Rudi Rüssel“-Autor Uwe Timm

Wobei die Redebeiträge beim mit 10.000 Euro dotierten Lessingpreis ohnehin mehr waren als die zu solchen Anlässen üblichen Nettigkeiten. Kultursenator Carsten Brosda schaffte es in seinem Grußwort, Lux’ freundliche Lästereien über die angeblich so kulturfernen Norddeutschen elegant zu parieren und Timms Romane literaturwissenschaftlich einwandfrei als „Allegorische Trias aus Erinnern, Einfühlen und Erzählen“ zu labeln, um schließlich einen thematischen Schlenker zur jüngst aus dem Ruder gelaufenen Diskussion um eine „Parlamentspoetin“ zu schlagen. Die zwar mit dem zu Ehrenden nur am Rande zu tun hat, aber Brosda immerhin Gelegenheit gab, die Kunstfeindlichkeit der Gegner solch einer Institution herauszuarbeiten.

Und, natürlich: Dass Timms Schreiben, vom Roman „Heißer Sommer“ (1974) über das Kinderbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ (1989) und den Bestseller „Die Entdeckung der Currywurst“ (1993) bis zum jüngsten, 2020 erschienenen Werk „Der Verrückte in den Dünen“, jenseits von Gesellschaft und Politik stehen würde, kann wirklich niemand behaupten.

Uwe Timm und sein Weggang aus Hamburg

„Mit scharfem Blick und warmem Herzen nähert sich Timm der Welt in ihrer unerschöpflichen Vielfalt“, lautete die Begründung der Jury. Timms Preisrede war entsprechend, gleichzeitig künstlerisch-versponnen und politisch konkret. Von der Überlegung, dass Hamburg schon seit dem 17. Jahrhundert eine Straßenbeleuchtung hatte, weswegen Lessing sein aufklärerisches Projekt natürlich nur hier verwirklichen konnte, schlug er den Bogen zum Weggang 1962 aus der Hansestadt, in der er 22 Jahre zuvor geboren wurde.

Timm erinnerte sich an seinen letzten Abend in Hamburg, als er im Schauspielhaus eine Aufführung von Lessings „Minna von Barnhelm“ besuchte – für ihn ein mustergültiges Beispiel für die Aufklärung, und dass er in seinem Schwärmen ein etwas unzeitgemäßes Theaterverständnis offenbarte, sei ihm nachgesehen.

Immerhin, dass das Projekt der Aufklärung bewahrenswert ist und aktuell aktiv verteidigt werden muss, erkannte Timm ebenfalls in Hamburg: als er am Sonnabend nämlich in der Langen Reihe einen Demonstrationszug von Corona-Leugnern beobachtete und sah, was sich hier für eine aggressive Mischung aus Ichbezogenheit und Intellektuellenfeindlichkeit manifestierte.

Lessing-Stipendium ging an eine Comiczeichnerin

Aber nicht nur Timm wurde geehrt. Neben dem eigentlichen Lessing-Preis vergab die aus Jan Bürger (Deutsches Literaturarchiv Marbach), der Journalistin Anne-Dore Krohn (RBB), Abendblatt-Kulturchefin Maike Schiller, Selma Wels (Literaturfestival „Wir sind hier“) und Robert Zepf (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg) bestehende Jury auch ein mit 5000 Euro dotiertes Stipendium. Und zwar nicht wie bei den vorherigen Lessing-Preisen ebenfalls an einen Autor, sondern erstmals an eine Comiczeichnerin: an Birgit Weyhe, die biografisch den umgekehrten Weg Timms ging, 1969 in München zur Welt kam und mittlerweile in Hamburg lebt.

Ähnlich wie Timms Romane sei Weyhes grafische Literatur geprägt von auf den ersten Blick unspektakulären Geschichten, die nachhaltig wirken würden. „Die Weyhe liebt ihre Figuren“, hieß es in der Laudatio der Comic-Legende Anke Feuchtenberger – wobei diese aus Krankheitsgründen den Text nicht selbst vortragen konnte, sondern von Thalia-Schauspielerin Oda Thormeyer vertreten wurde.

Sperriger Jazz und inhaltliche Schärfe

Angesichts der Klugheit und der Kunstnähe der Redebeiträge ging fast ein wenig unter, dass die Preisverleihung auch einen künstlerischen Teil hatte. Einerseits trugen Thormeyer und ihr Thalia-Kollege Merlin Sandmeyer eine Collage aus Texten Timms vor.

Andererseits gab Weyhe selbst einen Einblick in ihren im März erscheinenden Comic „Rude Girl“, der sich mit Identität, Fremdheitserfahrungen und dem Vorwurf der kulturellen Aneignung auseinandersetzt. Und dass die nur von Zeit zu Zeit funktionierende Fernbedienung des Beamers Weyhe die Präsentation schwer machte, überdeckte nur wenig die Tatsache, dass man hier eine so inhaltlich interessante wie zeichnerisch innovative Positionsbestimmung erwarten kann.

Nicht zuletzt wurde der Vormittag vom Lisa Wulff Quartett musikalisch untermalt. Doch nicht mit der gefälligen Hintergrundmusik, die zu solch einer Gelegenheit eigentlich üblich wäre, sondern mit sperrigem Jazz, der die inhaltliche Schärfe der Preisverleihung mehr verstärkte als neutralisierte. Und der vor allem zum Charakter dieses Vormittags perfekt passte.