Theater Hamburg

Schräge Schauspielhaus-Personalie: Günther Gründgens kommt

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Figurenerfinder Barbara Bürk und Clemens Sienknecht. Günther Gründgens ist nicht im Bild.

Figurenerfinder Barbara Bürk und Clemens Sienknecht. Günther Gründgens ist nicht im Bild.

Foto: ©MATTHIAS HORN

Barbara Bürk und Clemens Sienknecht bringen eine Berühmtheit auf die Bühne, die gar keiner kennt. Eine ziemlich eigene Kunst.

Hamburg. Wer am Schauspielhaus-Bühneneingang einmal um die Ecke schielt, findet dort ein großes Wandgemälde: Gustaf Gründgens, der hier einst einen legendären Mephisto spielte, von 1955 bis 1963 Intendant war und auf dem Ohlsdorfer Friedhof begraben liegt. Ikonisch ist dieses Bild, man weiß viel über diesen Mann, über seine Erfolge, seine Abgründe – aber wer hat je von Günther Gründgens gehört...? Wer ist das? Gustafs verschollener Bruder, wie Intendantin Karin Beier kürzlich fröhlich behauptete? Ein Hochstapler? Ein Geist womöglich? Alles? Nichts davon?

Die Verwirrung ist natürlich volle Absicht: Der „Klub der Freunde des Günther Gründgens“ lädt an diesem Freitag „zu einem Kunterbunt“ auf die Bühne des Schauspielhauses, um ein (bevor sich jemand die Finger wundgoogelt: ja, fiktives) Talent zu ehren. Die Erfinder der schrägen Personalie sind Barbara Bürk und Clemens Sienknecht, die am Schauspielhaus mit kauzigen Radioshows („...allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“) Erfolge feiern. Und die auch im Interview nichts als die Wahrheit sagen. Wahrscheinlich. Meistens.

Hamburger Abendblatt: Gustaf Gründgens war ja eindeutig ziemlich berühmt. Wie konnte man seinen unbekannten Bruder Günther Gründgens, dem Sie jetzt einen ganzen Abend widmen, bislang übersehen?

Barbara Bürk: Karin Beier hat im Abendblatt-Podcast das Gerücht verbreitet, dass Günther der verschollene Bruder von Gustaf gewesen sei, und als ich das hörte, dachte ich: Huch! Davon habe ich noch nie gehört! (lacht) Fand ich lustig.

Clemens Sienknecht: Nach unseren Recherchen sind die beiden weder verwandt noch verschwägert, und ich bin einigermaßen verwundert darüber, dass Frau Beier derartig unverifizierte Behauptungen in der Presse verstreut. Wir erzählen nichts als die Wahrheit von Günther Gründgens – einem Leben, zu wahr, um schön zu sein.

Vielleicht nähern wir uns ihm mal: Sie haben ja ein eigenes Sub-Genre des Liederabends erfunden, die Klassiker-Radioshow, am Schauspielhaus in den Sorten Anna Karenina, Effi Briest und Nibelungen. Ist Günther Gründgens auch ein Ehebrecher? Oder ist er vollkommen frei von dieser Reihe?

Sienknecht: Er ist jedenfalls schonmal kein Literaturklassiker. Wir ehren das Leben eines viel zu früh in Vergessenheit geratenen Künstlers.

Sie haben fraglos ein Faible für merkwürdige Figuren. Vokuhila-Perücken, große Brillen, angeklebte Schnurrbärte – was ist Günther Gründgens denn äußerlich für ein Typ?

Sienknecht: Er selbst ist auf der Bühne gar nicht so richtig zu sehen...

Bürk Es gibt einen Klub der Freunde von Günther, die versuchen, seine Lebensgeschichte nachzuvollziehen. Die schlüpfen in viele seiner Rollen. Er war wohl ein eher exzentrischer Mensch mit einer Vorliebe für extravagante Kleidung. Er ist 1899 geboren, nach einer kurzen und steilen Karriere ins Abseits geraten und Ende der 1970er gestorben – oder vielleicht muss man eher sagen: verloren gegangen...

Demnach spielt die Gründgens-Loge keine Rolle, die es ja im Schauspielhaus tatsächlich gibt, auch wenn sie kaum benutzt wird und dadurch fast in Vergessenheit geraten ist?

Bürk: Vielleicht erwähnen wir sie mal, denn in Wirklichkeit ist diese Loge nach Günther und nicht nach Gustaf benannt. Wir haben dafür eindeutige Beweise gefunden.

Soweit ich weiß, nutzt keiner die Gründgens-Loge – außer der Intendantin Karin Beier, wenn sie sich von dort halb versteckt ihre eigenen Premieren anschaut. Clemens Sienknecht, Sie haben über Ihre eigene Arbeit mal gesagt: „Ich rechne immer mit dem Schlimmsten. Ich denke jedes Mal, dass wir richtig baden gehen.“ Ist das die Einstellung, die es für solche Abende braucht? Braucht es einen gewissen Pessimismus für diese Form der Komödien?

Sienknecht: Nein, das glaube ich nicht. Ich wäre froh, wenn ich eine optimistischere Haltung entwickeln könnte! Ich arbeite daran...

Sind Sie beide so oder gleicht sich das aus?

Sienknecht: Barbara ist nicht so.

Bürk: Ich brauche jedenfalls nicht den Gedanken an den Untergang, um glauben zu können, dass es vielleicht doch ganz okay wird. Es gibt ja sowieso immer Krisen, während man probt – das reicht mir eigentlich.

Wie muss man sich Ihre Arbeitsteilung vorstellen?

Sienknecht: Ich bin für die Musik zuständig, Barbara für die Textfassung und am Ende auch für die Regie, schon deshalb, weil ich während der Bühnenproben sehr viel mit mir selbst beschäftigt bin. Gemeinsam kümmern wir uns um die Form.

Bürk: Ja, da ist es am ehesten Teamwork, über das Konzept sprechen wir andauernd, auch zu Hause. Wir leben ja auch zusammen, bei uns vermischen sich Arbeit und Privatleben.

Wie viel ist schon da, wenn die Proben beginnen?

Sienknecht: Wenig. In der ersten Probenphase sitzen wir häufig alle zusammen am Tisch und hören uns gemeinsam unsere Lieblingslieder an und ich überlege dann, was davon für uns in Frage kommen könnte.

Bürk: Wenn die Lieder da sind, kombinieren wir sie mit den Texten. Dadurch ergeben sich manchmal eher durch Zufall Bedeutungsüberschneidungen, die interessant sind. Planen kann man so etwas nicht.

Bei den großen literarischen Klassikern ist die Handlungsvorlage klar. Auch aus dieser Fallhöhe entsteht die Komik. Ist es komplizierter oder sogar leichter, wenn man – wie hier bei Günther Gründgens – bei Null beginnt?

Sienknecht: Das wäre schön, wenn es mir mal leichtfiele, ein Theaterstück auszudenken. Wenn die Textvorlage fehlt, quäle ich mich mit dem zu füllendem Vakuum und wenn es einen Text gibt, dann mit seinem Inhalt. Meine Fallhöhenrettung ist Barbara. Sie fängt mich auf und sagt mir, was zu tun ist.

Waren Sie eigentlich von Beginn an einverstanden, dass die drei „...allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“-Abende vom Malersaal auf die große Bühne gewandert sind? Oder hatten Sie sich etwas im Abseits eigentlich ganz wohl gefühlt?

Sienknecht: Das Team und die Intimität des Malersaals haben wir anfangs sehr vermisst. Mittlerweile fühlen wir uns auf der großen Bühne aber sehr wohl und genießen es natürlich, vor so vielen Menschen in diesem unfassbar schönen Saal spielen zu dürfen.

Schon die Ankündigung des neuen Abends wirkt wie ein eigenes humoristisches Kleinod. Über Günther Gründgens erfahren wir zum Beispiel, er sei „Virtuose auf dem mit 120 Saiten bespannten Hackbrett“ und – auch sehr hübsch – „Pionier der Entoperung des Ausdrucks am Theater“. Haben Sie einen Giftschrank mit bislang aussortierten Kalauern?

Sienknecht: So einen Schrank gibt es tatsächlich, aber wenn etwas aussortiert wird, dann hat das meistens seinen Grund, und deswegen wird dieser Schrank eher immer voller.

Bürk: Ich habe in der Vorbereitung viele Biografien und Autobiografien gelesen. Die „Entoperung“ ist ein Zitat von Fritz Kortner. Er nimmt es uns hoffentlich nicht übel, wenn wir uns bei ihm bedienen. Diesmal stammt auch viel aus Zeitungsartikeln der 60er- und 70er-Jahre. Da gibt es manchmal Formulierungen, bei denen man glaubt, sie seien lustig gemeint. Aber die meinten das ernst.

Für Ihren neuen Abend haben Sie den „Klub der Freunde des Günther Gründgens“ erfunden – der lädt ein zu einem bunten Abend unter dem Motto: „Die Wracks von Hamburg – wo sind sie?“ Da interessiert uns natürlich: Haben Sie womöglich noch mehr dieser Wracks geborgen?

Sienknecht: Ich glaube, da gäbe es noch einige Wracks zu heben, aber bisher ist es nicht geplant, dass Günther Gründgens der Anfang einer neuen Serie sein soll. Den Plan hatten wir bei Effi Briest allerdings auch nicht...

Bürk: ...und dann kam es irgendwie doch so. Also: Wer weiß...

„Günther Gründgens – ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“, Deutsches Schauspielhaus, Uraufführung heute, 19.30 Uhr, wieder am 23.1., 20.00, 5.2., 19.30 Uhr, Karten unter www.schauspielhaus.de